Schnittstellen [II] – „Die Kunst von morgen“ in der Oper Köln

»perdü« Juyeon Shin © Teresa Rothwangl

Als Auftakt eine elektronisch verfremdete Videoinstallation mit Streichquartett, von der Komponistin Daphné Hejebri selbst computergesteuert, danach drei Kurzopern, die sich mit den Herausforderungen des Lebens in der modernen Konsumgesellschaft auseinandersetzen. „Perdü“ zeigt mit dadaistisch verfremdetem Text, wie vier mutmaßliche Astronauten einen fingernagelgroßen blauen Elefanten suchen, „The Ends“ eine Familie, die sich mit den Zumutungen und Ängsten in der modernen Zeit auseinandersetzt, „B“ ist reines Sprechtheater über Geschlechterrollen, und „Pepita Lunarium“ ist als soziologische Studie aufbereitete Kritik an heutigen Wohnformen und ihrer Vermarktung. Alle Stücke wurden im Rahmen des Gargonza Arts Projekts von jungen Künstler*innen spartenübergreifend erarbeitet. (Besuchte Vorstellung am 23. September 2021)

 

Die Musik spielt das Gürzenich-Orchester unter der Leitung von Robert HP Platz, es singen mit offensichtlicher Freude an der Abwechslung Juyeon Shin, Sopran, Lotte Verstaen, Mezzo, vom Kölner Opernstudio, SeungJick Kim, Tenor, Julian Schulzki, Bariton, Ivana Rusko, Sopran, Kathrin Zukowski, Sopran und Peter Tsantsis, Tenor, aus dem Ensemble der Kölner Oper. Für die Produktionsleitung ist Prof. Michael Faust, Initiator von Gargonza Arts und Soloflötist des WDR-Sinfonieorchesters, verantwortlich, für die Inszenierung Oliver Klöter.

»Pepita Lunarium« Peter Tantsits, Kathrin Zukowski © Teresa Rothwangl

Die Bühnenbilder sind von Stipendiat*innen von Gargonza Arts im Prozess der Zusammenarbeit mit den Librettist*innen und den Komponist*innen in der Toscana entwickelt worden und umrahmen die Fläche, auf der die Zuschauer*innen auf Hockern sitzen. Die Hocker sind drehbar, so dass man sich der Seite zuwenden kann, an der die Szene spielt. Die Bühnenbilder haben durchaus ihren Eigenwert als Architektur und sind ganz individuell auf das Stück bezogen, was besonders bei „Pepita Lunarium“ offensichtlich ist, das die Disziplinen Architektur(kritik) (Bühne: René Kersting), Komposition (Marej Bonin), Literatur (Anne-Kathrin Heier) und Videoinstallation (Fabian Altenried) ideal vereinbart.

»The Ends« Juyeon Shin, SeungJick Kim, Lotte Verstaen, Ivana Rusko © Teresa Rothwangl

Musikalisch scheint mir „The Ends“ von Katarzyna Ferlìnska (Libretto), Katarzyna Ferlìnska (Bühne) und Andreas Eduardo Frank (Musik) die größten Chancen zu haben, sich dauerhaft im Repertoire zu halten, denn es kann auch ohne szenische Umsetzung konzertant aufgeführt werden und ist musikalisch sehr streng aufgebaut. Der Text ist witzig: „Catastrophes are the only real surprises.“

„Perdü“ mit dem Bühnenbild von Sandra Schlipkoeter, Libretto von Maren Kames und Musik von Genoël von Lilienstern war mir persönlich etwas zu sinnfrei, was allerdings für die Darstellung der Suche nach dem Sinn des Lebens in Form eines fingernagelgroßen blauen Elefanten in einer Art Spiegelkabinett durchaus Sinn macht.

Insgesamt wird das Bühnenbild dadurch, dass die Bühnenbilder die ganze Zeit in der riesigen Messehalle präsent sind und dass die bildenden Künstler*innen in den Schaffensprozess einbezogen wurden, stark aufgewertet. So entstehen durchaus Gesamtkunstwerke im Sinne Richard Wagners.

Die drehbaren Hocker, auf denen die Zuschauer*innen bei der Neuinszenierung von Bernd Alois Zimmermanns Mammutoper „Die Soldaten“ am 28. April 2018 platziert waren, stehen nun im Staatenhaus 3, einer Halle, in der nur 200 Zuschauer* innen Platz finden dürfen. Verschiedene Bühnen sind aufgebaut und warten darauf bespielt zu werden.

Intendantin Dr. Birgit Meyer gewährt diesmal den Künstler*innen von Gargonza Arts vier Termine, an denen sie ihnen eine Möglichkeit gibt, drei Kurzopern und andere künstlerische Projekte im Staatenhaus 3 professionell mit Hilfe des Gürzenich-Orchesters und des Kölner Ensembles umzusetzen, nachdem „Schnittstellen I“ im Mai 2018 nur an einem Termin präsentiert wurde.

»Pepita Lunarium« Julian Schulzki, Peter Tantsits © Teresa Rothwangl

„Die Gargonza Arts Awards werden seit 2012 in den vier Kategorien Bildende Künste, Komposition, Architektur und Literatur in Form von Stipendien verliehen. Die Stipendiat*innen der verschiedenen Sparten leben und arbeiten drei Monate lang gemeinsam in den Künstlerhäusern des Castello di Gargonza in der Toskana. Neben der weiteren Spezialisierung in ihren eigenen Kunstrichtungen wird den Stipendiat*innen hier eine fundamentale Erweiterung ihres künstlerischen Horizontes ermöglicht und der gegenseitigen Inspiration ein Weg geebnet“, so die Oper Köln über das Projekt des Vereins InterArtes, Träger von Gargonza Arts.

Gargonza Arts ist ein Projekt des Vereins InterArtes, der mittels der Gargonza Arts Stipendien an junge Künstler*innen vergibt. Der Wert eines Gargonza Arts Stipendiums beträgt 10.000 € und wird dafür verwendet, dass die Geförderten drei Monate im Castello di Gargonza in der Toscana verbringen und ihre Projektergebnisse in Italien und in Deutschland präsentieren können.

Für bisher 30 Stipendiat*innen wurden insgesamt 300.000 € ausgeschüttet. Die Stipendiat*innen werden von Kuratoren, renommierten Vertretern der Disziplinen Bildende Kunst, Architektur, Komposition, Mediale Kunst und Literatur vorgeschlagen, die ihrerseits als Kuratoren Mitglieder von InterArtes sind.

Die Oper Köln realisiert dabei die Präsentation als einen „Parcours der Künste“ in Deutschland, die bei den „Schnittstellen“ erlebbar wird.

Mehr dazu: https://www.gargonza-arts.de/

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Köln / Stückeseite
  • Titelfoto: »A Porte Chiuse« mdi Ensemble, Daphné Hejebri /Foto © Teresa Rothwangl

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.