Riesenerfolg mit Mahlers 9. Sinfonie im Konzerthaus Dortmund für Theodor Currentzis mit dem SWR-Sinfonieorchester am 19.12.2019

Teodor Currentzis/SWR-Sinfonieorchester/Konzert 19.12.-Dortmund/Foto @ Bjoern Woll

Ausverkaufte Häuser in der Stuttgarter Liederhalle am 12. und 13.12., im Wiener Konzerthaus am 15.12.2019, in der Elbphilharmonie am 17.12.2019, im Konzerthaus Dortmund am 19.12.2019, am 20.12.2019 im Konzerthaus Freiburg und am 22.12.2019 im Rosengarten Mannheim! Dabei ist Mahlers 9. Sinfonie anspruchsvolle Spätromantik und erschließt sich auch erfahrenen Konzertbesuchern nicht sofort.

Der gebürtige Grieche Theodor Currentzis hat Mahlers 9. Sinfonie mit dem SWR-Sinfonieorchester in Stuttgart einstudiert und gastierte mit diesem Orchester, dessen Chefdirigent er seit 2018/19 ist, in ganz Deutschland. Der charismatische 47-jährige Magier lockt auch Besucher ins Konzert, die mit Klassik nichts im Sinn haben, denn er hat einen Ruf wie Donnerhall. Currentzis tritt auf im schlichten schwarzen Hemd über einer engen Hose und dirigiert ohne Taktstock. Sein ganzer Körper drückt die Musik aus. (Rezension des Konzertes vom 19.12.19 in Dortmund)

 

Die 6. Sinfonie von Mahler („Die Tragische“) ist unter seiner Leitung bereits auf CD erhältlich. Sie thematisiert Mahlers Aufbäumen gegen sein Schicksal, seine geliebte Tochter verloren zu haben, wogegen die 9. eher resignativ, versöhnlich und abgeklärt ist.

Teodor Currentzis gilt als Experte für Neue Musik und ist einer der jungen Dirigenten, die selbst in Vorträgen eine Einführung in das Werk geben. Der am 9.12.2019 gehaltene Einführungsvortrag ist als Video verfügbar und erlaubt den Konzertbesuchern, sich intensiv auf das Konzert vorzubereiten. Currentzis hat zwei Flügel mit zwei Pianisten zur Verfügung und erläutert den Hintergrund der Entstehung sowie die musikalischen Strukturen und stilistischen Mittel. Dazu kommt dann im Konzert die erlesene Instrumentierung, die den Musikern alles abverlangt, was an Virtuosität möglich ist.

Teodor Currentzis © Anton Zavjyalov

Im Konzerthaus Dortmund hielt der Musikjournalist Björn Woll einen sehr kompetenten Einführungsvortrag um 19.00 Uhr, Kurzversion 19.40 Uhr, in dem er die musikalischen Mittel und ihre Hintergründe beschrieb.

„Die eine Neunte geschrieben haben standen dem Jenseits zu nahe“ so Arnold Schönberg in seiner Gedenkrede über Gustav Mahler. Es handelt sich bei Mahlers posthum am 26. Juni 1912 unter der Leitung von Bruno Walther in Wien uraufgeführten 9. Sinfonie zweifellos um ein reifes Alterswerk, in dem der Komponist seinen nahenden Tod verarbeitet. Mahlers 10. wurde von ihm nicht mehr vollendet.

Der holprige Anfang des ersten Satzes wird als Vertonung seiner Herz-Rhythmus-Störungen gedeutet, und man kann die ganze Sinfonie als einen Abschied vom Leben deuten. Die seufzerartig abfallende Sekunde als Violinmotiv am Anfang des ersten Satzes: „Leb wohl“, das sich wie ein roter Faden durch die Sinfonie zieht, verbindet die Sätze der Sinfonie. Sie beginnt völlig ungewöhnlich mit einem langsamen Satz und endet nach zwei schnelleren Sätzen wieder mit einem langsamen Satz.

Der zweite Satz, die Verarbeitung von drei derben Ländlern, soll „gemächlich“ gespielt werden, der dritte Satz, eine wilde Fuge „Rondo-Burleske. allegro assai, sehr trotzig“. Mahler zitiert nicht nur sich selbst (Fischpredigt, Kindertotenlieder) sondern nimmt auch auf Zeitgenossen Bezug. Vor allem im Rondo stellt er ungeheure Anforderungen an die Solisten, denn die Motive werden in den einzelnen Instrumentengruppen weiter gereicht und virtuos auskomponiert.

Der vierte Satz, beginnend mit einem ungeheuer intensiven Adagio der Streicher mit einer sich hemmungslos ausweinenden Melodie nimmt thematisch Bezug auf Mahlers „Kindertotenlieder“ – „Der Tag ist schön auf jenen Höh´n“ und endet mit einem kammermusikalischen Verlöschen in den zartesten Tönen der Stimmführer der Streicher.

Während Mahlers 6. Sinfonie die Verzweiflung über den Tod seiner Tochter herausschreit ist die 9. abgeklärt und versöhnlich und bezieht wie seine 4. Sinfonie die Vision himmlischen Nach-Lebens ein.

Grelle Einwürfe im zweiten Satz, der als Totentanz mit einem aufgeblasenen Walzer endet, vor allem das wilde Rondo des dritten Satzes weisen in die Moderne, der Komponist setzt extreme Intervallsprünge ein, baut ungeheure Spannung auf, kehrt jedoch immer wieder zur Tonika zurück.

Teodor Currentzis/SWR-Sinfonieorchester/Konzert 19.12.-Dortmund/Foto @ Bjoern Woll

Der SWR erfüllt mit dieser Produktion zweifellos einen Bildungsauftrag, denn Gustav Mahlers Werke wurden nach dem Verbot durch die Nationalsozialisten erst zögerlich wieder ins Repertoire aufgenommen. Den Durchbruch bewirkte Luchino Visconti 1971, indem er Mahlers Musik als Filmmusik für sein Meisterwerk „Tod in Venedig“ verwendete.

Mahlers Musik stellt höchste Ansprüche an das große Sinfonieorchester mit fast 100 Musikern und erfordert einen souveränen Dirigenten für diesen Abgesang auf die Tonalität. Tatsächlich erlebt man mit Currentzis neue Impulse der Interpretation durch einen jungen Dirigenten, der echte Star-Qualitäten hat.

Der 79-jährige Christoph Eschenbach hat diese Sinfonie am 13.12.2019 mit dem WDR-Sinfonieorchester in Köln eingespielt. Er leitete das Konzert ein mit „Malven“ und den „Vier letzen Liedern“ von Richard Strauss und stellte damit eher den spätromantischen Vermächtnis-Charakter der Werke in den Vordergrund.

Currentzis dagegen arbeitet die Ecken und Kanten der Komposition heraus. Er schafft starke Kontraste zwischen sehr lauten und gewaltigen Tutti-Stellen und überaus zarten Pianissimo-Phrasen der Stimmführer und betont damit den in die Zukunft weisenden Charakter der 9. Sinfonie Mahlers.

Nach dem wuchtigen ersten Satz wirkt der zweite mit den derben Ländlern wie ein grotesker Totentanz mit plärrenden Klarinetten, schrillen Flöten und quäkenden Oboen. Mahler zitiert sein Kunstlied: „Antonius zur Predigt die Kirche find´t ledig, er geht zu den Flüssen und predigt den Fischen“, und deutet damit an, dass seine Musik von seinen Zeitgenossen nicht verstanden wurde. Diese Version der Musik würde man nicht mehr mit Klimt bebildern, sondern mit kubistischen Gemälden von Picasso.

Die hochgradig präzise wilde Fuge des Rondo im 3. Satz wird aggressiv runter gefetzt, den Musikern alles abverlangt. Sie kann als Metapher für die Hektik durch eine starke berufliche Anspannung gedeutet werden.

Den vierten Satz zelebriert Currentzis wie kein anderer: er nimmt sich die Zeit, das spätromantische Aufweinen der Streicher, das von thematischen Erinnerungen an die vorigen Sätze durchzogen wird, die sich jedoch nicht mehr zur Apotheose steigern, sondern ihren Elan verlieren und zerbröseln, voll auszukosten.

Teodor Currentzis/SWR-Sinfonieorchester/Konzert 19.12.-Dortmund/Foto @ Bjoern Woll

Dieser Satz ist das Modell des Verlöschens eines Lebens, aber auch der Abgesang auf die Tonalität. In den letzten Minuten spielen nur noch die Stimmführer der Streicher, es reduziert sich immer mehr, von langen Generalpausen durchbrochen, sie kratzen nur noch fahle, kaum hörbare Töne, bis schließlich der letzte Ton verhallt ist. Während andere Dirigenten für den Satz 24 Minuten brauchen nimmt sich Currentzis 28 Minuten Zeit, um bis in die letzten Verästelungen den Themen nachzuspüren.

Passend zum Verlöschen der Musik wird das Licht im Saal gedimmt, bis das Publikum im Dunkeln sitzt und sich das Gefühl einstellt, lebendig begraben zu sein. Niemand traut sich zu husten oder zu atmen.

Nach einer langen Betroffenheit wird es wieder Licht, und tosender Beifall brandet auf. Ganz großer Theatereffekt!

Ein Live-Mitschnitt des Konzerts in Stuttgart ist auf der Website des SWR-Sinfonieorchesters verfügbar.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Konzerthaus Dortmund
  • Titelfoto: Teodor Currentzis/SWR-Sinfonieorchester/Konzert 19.12.-Dortmund/Foto @ Bjoern Woll 

 

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