Preußens Gloria in der Oper Bonn: „Ein Feldlager in Schlesien“ gegen den Strich gebürstet

Oper Bonn/FELDLAGER IN SCHLESIEN/Jussi Myllys, Elena Gorshunova, Michael Ihnow /Foto: © Thilo Beu

Eine fast vier Stunden dauernde 130 Jahre nicht aufgeführte Oper von Giacomo Meyerbeer, die 1763 im Siebenjährigen Krieg spielt und Friedrich den Großen verherrlicht – kann man das heute noch spielen? Man kann, wenn man dem Forschungsauftrag „Fokus 33“ zu den Ursachen von Verschwinden und Verbleiben von Opern im Repertoire folgt. Die Probleme liegen jedoch auf der Hand, wenn man so etwas inszenieren und spielen muss. In der Regie von Jakob Peters-Messer wird anschaulich gezeigt, wie übergriffig der Krieg das Leben der Menschen zerstört. Im ersten Akt besetzen ungarische Soldaten das Haus des Hauptmanns a. D.  Saldorf und stören die Familienidylle, im zweiten Akt sind die Zuschauerreihen 4 bis 6 von einem Bühnenaufbau besetzt, auf dem sich das Feldlager abspielt. Die vertriebenen Zuschauer müssen auf einem Podest auf der Bühne Platz nehmen. Im Rang und auf der Bühne sind schwarz gekleidete Militärmusiker des Heeres-Musikcorps der Bundeswehr verteilt, die das groß besetzte Beethovenorchester unter Dirk Kaftan mit Trompeten und Trommeln unterstützen. Man erwischt sich selbst dabei, dass man von der patriotischen Musik überwältigt ist. Der 3. Akt ist große Oper und stellt die Güte des Königs mitsamt dem Happy End für die Heldin Vielka, Saldorfs Pflegetochter, und ihren Verlobten Conrad, den Flötisten, dar. (Gesehene Vorstellung 22.04.2022 – Premiere –)

 

 

Der Schauspieler Michael Ihnow führt als Chronist in die Entstehungsgeschichte ein. Alexander von Humboldt habe sich dafür eingesetzt, bei der Wiedereröffnung der abgebrannten 1742 von Friedrich dem Großen erbauten Oper 1844 Szenen aus dessen Leben zu spielen. Der Chronist kürzte etliche gesprochene Dialoge des Singspiels ab.

Oper Bonn/FELDLAGER IN SCHLESIEN/Barbara Senator, Elena Gorshunova, Jussi Myllys /Foto: © Thilo Beu

Die Koloratursopranistin Elena Gorshunova sang die anspruchsvolle Rolle der mit seherischen Qualitäten begabten Vielka, die Jenny Lind auf den Leib geschrieben war, mit viel Charme und absolut virtuos. Unter dem Titel „Vielka“ wurde Meyerbeers Musik 1848 in Wien aufgeführt, die große Arie Vielkas aus dem 3. Akt wurde in seine französische Oper „Etoile du Nord“ übernommen, die Meyerbeer 1854 in Paris aufführte. Grundlage des „Feldlagers“ sind Anekdoten aus der Zeit des Preußenkönigs Friedrichs des Großen. Der König gerät hinter die feindlichen Linien und kann unerkannt als Flötist Conrad verkleidet entkommen, während Conrad in den Kleidern des Königs scheinbar gefangen wird.

Tobias Schabel, Bass aus dem Ensemble, verleiht dem Hauptmann Saldorf, der diese Maskerade zur Rettung des Königs eingefädelt hat, eine beeindruckende Statur. Er verkörpert als alter Haudegen Mut, Autorität und Kühnheit. Er gerät im Feldlager in den Verdacht, den König verraten zu haben. Der Strick, an dem er aufgeknüpft werden soll, hängt schon von der Decke, aber Vielka kann die erregten Soldaten noch einmal aufhalten, bis der erlösende Kanonendonner die glückliche Rettung des Königs meldet. Der zweite Akt gipfelt in einem Feuerwerk von militärischen Chören. Hier muss man Kostümbildner Sven Bindseil und der Schneiderei des Bonner Theaters ein dickes Kompliment für die wunderschönen historisch korrekten preußischen Uniformen und Fahnen mit Gebrauchsspuren machen.

Oper Bonn/FEDLAGER IN SCHLESIEN/Ensemble/Foto © Thilo Beu

Die Bühne von Sebastian Hannak wird durch Prospekte angedeutet, im 3. Akt fährt ein Zimmer des Schlosses Sanssouci herunter, in dem sich das Happy End für die Beteiligten abspielt. Tenor Jussi Myllys lässt mit schönen Spitzentönen aufhorchen. Er gestaltete den eher ängstlichen Flötisten Conrad als Held wider Willen sehr überzeugend. Er kam mit der sehr hoch liegenden Partie auffallend gut klar und erzählte seine erste Begegnung mit dem König in einer Arie „Durch Feld und Au in sanften Träumen,“ sehr lebendig. Conrad wurde dann vom König mit einer Stelle als erster Flötist in seiner Hofkapelle belohnt.

Barbara Senator als Therese, Saldorfs Nichte, deren Verlobter Leopold von einem Feldgericht wegen eines Disziplinarvergehens zum Tode verurteilt wurde, trug mit ihrem lyrisch-dramatischen Sopran viel zu den zahlreichen Ensembles bei, konnte aber auch mit der Arie „Der Richtspruch ist gefällt, der Tod ist ihm bestimmt,“ ihr Entsetzen über die Grausamkeit der Militärgerichtsbarkeit eindrucksvoll zum Ausdruck bringen. Der König hatte allerdings den Leutnant Leopold bereits begnadigt und wegen Tapferkeit zum Kapitän befördert, so dass alles glücklich endete.

Bass Martin Tzonev, Liebling des Bonner Publikums, als ungarischer Offizier Tronk, der nach seinem Einsatz als Haushofmeister in die Dienste des Preußenkönigs eingetreten ist, gibt den etwas einfältigen Offizier, der sich durch die Verkleidung des Königs als Conrad täuschen lässt. Johannes Mertes als ein ungarischer Reiter und als alter Landmann beeindruckt mit kräftigem Tenor.

Der bestens einstudierte Chor und Extrachor der Bonner Oper unter der Leitung von Marco Medved stellt im 1. Akt Volk und ungarische Soldaten dar, im 2. Akt die beeindruckenden Preußen. Unter anderem gibt es den Quadrupelchor mit einem Aufmarsch aller Truppenteile: Husaren mit Christian Georg , Grenadieren mit Michael Krinner,  Kürassieren mit Enrico Döring und Artilleristen mit Miljan Milovic, den großen Chor „Gefangen, habt ihr´s gehört“ im 2. Akt, und den gemeinsamen Chor „Ein Preußenherz schlägt voller Mut“. Es ist eine große Choroper, und Dirk Kaftan hat alle Hände voll zu tun, die groß angelegten Massenszenen präzise und stilsicher zu koordinieren

Oper Bonn/FELDLAGER IN SCHLESIEN/Tobias Schabel, Michael Ihnow, Chor und Extra-Chor/Foto © Thilo Beu

Die Schlacht steht unmittelbar bevor, da legen die Soldaten alle Waffen ab und ziehen die die Uniformen aus und stellen sich auf der Bühne auf und singen den Schlusschor „So trotzen wir fest der Feinde Schar“ zum Dessauer Marsch. Vorher liest der Chronist Michael Ihnow einen Brief eines Überlebenden des siebenjährigen Kriegs, der das Grauen der Schlacht und die üblen Verletzungen der Soldaten beim Kampf Mann gegen Mann in der Schlacht von Lobositz 1756 schildert.

„Nach vier Absagen hat gestern die Premiere zu ‚Feldlager in Schlesien‘ von Meyerbeer stattgefunden. Fantastische Solosänger, toller Chor und ein wunderbares Beethoven-Orchester verdienen viel Applaus. Die Inszenierung des 2. Aktes erzielt ein unbekanntes Klangerlebnis, bei dem nicht nur der Chor von allen Seiten vierstimmig singt, sondern die Instrumente auch vom 2. Rang und von der Loge zu hören sind: sehr beeindruckend! Ansonsten: dümmliche, rassistische, kriegsverherrlichende Texte erzählen eine dürftige Geschichte. Musik hat schöne Elemente, ist aber auch über längere Passagen nichtssagend. Wahrscheinlich wird das Werk nach den noch zwei geplanten Bonner Aufführungen wieder in der Schublade verschwinden – nicht schlimm! Es bleibt die Erinnerung an einen akustisch beeindruckenden zweiten Akt!“ schreib ein Premierenbesucher in Facebook.

Es ist die preußische Nationaloper von 1844, in der das preußische Militär und die Bereitschaft, für´s Vaterland zu sterben verherrlicht werden – das ist ein harter Brocken. Bei der Matinee am 20.2.2022 rangen GMD Dirk Kaftan und Regisseur Jakob Peters-Messer noch um einen Zugang zu diesem Historienschinken aus heutiger Sicht. Als dann auch noch Putins Einmarsch in die Ukraine kam hat man ernsthaft diskutiert, die Oper nicht aufzuführen – der reale Eroberungskrieg Putins in der Ukraine war einfach zu nah.

Ursprünglich für das Ende der Spielzeit 2019/20 geplant, fiel die Premiere schon 2020 der Pandemie zum Opfer. Die ersten vier Vorstellungen – die Premiere war am 13.3.2022 angesetzt – sind ausgefallen: der Grund waren zu viele fehlende Mitwirkende aufgrund der Corona-Pandemie. Bei der Orchesterhauptprobe waren von den 72 Chormitgliedern 24 nicht einsetzbar, so dass Operndirektor Andreas K. W. Meyer die Aufzeichnung durch den Deutschlandfunk bereits im Vorfeld abgesagt hatte. Herausgeber Volker Tosta hat eine Oper rekonstruiert, die nie als Partitur veröffentlicht wurde und 130 Jahre nicht gespielt wurde. Musikalisch ist es ein echter Meyerbeer mit vielen interessanten musikalischen Einfällen und ähnlich farbig instrumentiert wie seine Erfolgsstücke „Robert le Diable“, „Die Hugenotten“ und „Le Prohète“, die in Frankreich gerne mal aufgeführt werden. Die Tonsprache erinnert in weiten Strecken an Albert Lortzing, dessen Singspiele auch nicht mehr oft gespielt werden.

Besonders gelobt werden müssen die Soloflötistin Julia Bremm und der Flötist Lucas Spagnolo. Die Flöte ist in dieser Oper ein echtes dramaturgisches Element, denn der verkleidete König beweist seine Identität als Flötist Conrad durch sein Flötenspiel, und Conrad, der Flötist, der mit dem König seine Identität tauscht, kann nur überleben, indem er sich kurzfristig als Flötist den österreichisch-ungarischen Truppen anschließt.

Oper Bonn/FELDLAGER IN SCHLESIEN/Tobias Schabel, Elena Gorshunova , Barbara Senator, Michael Ihnow), Jussi Myllys /Foto:© Thilo Beu

Heute gehören beide Kriegsparteien zur Europäischen Union, und das Schlussbild stellt eindeutig die Frage, ob territoriale Besitzansprüche den Einsatz von Menschenleben im Krieg überhaupt rechtfertigen können. Friedrich II. von Preußen hatte 1740/41 die Chance ergriffen, Schlesien zu überfallen und einzunehmen. Österreich-Ungarn unter Maria Theresia ließ sich das nicht gefallen und hat 1756 bis 1763 erfolglos dafür gekämpft, Schlesien zurückzuerobern. Preußen konnte aufgrund dieser Annexion zur Großmacht in Europa aufsteigen. Es zeigen sich erschreckende Parallelen zum Überfall Putins auf die Ukraine. Insofern ist diese Oper brandaktuell und geht uns näher als uns lieb ist. Im 2. Akt kann man deutlich bei sich selbst wahrnehmen, wie sehr die preußische Militärmusik emotionalisiert. Regisseur Jakob Peters-Messer hat starke Bilder gefunden, dieser Art von Patriotismus eine Absage zu erteilen.

Dass eine Absage an jegliches Militär keine Lösung ist, wussten schon die alten Römer. Im 4. Jahrhundert nach Christus formulierte Flavius Vegetius Renatus die Devise: „Si vis pacem para bellum“ – „Wenn du den Frieden willst bereite den Krieg“, das heißt, hätten wir nicht die Bundeswehr als Verteidigungsarmee und die NATO, wir müssten befürchten, dass der Krieg Putins gegen die Ukraine auf Westeuropa übergreift.

Als Dokument einer ehemals relevanten Oper ist „Ein Feldlager in Schlesien“ sicher eine interessante Erfahrung. Das Singspiel ist aber vermutlich schon deshalb in Vergessenheit geraten, weil danach zum Beispiel Richard Wagner, Giuseppe Verdi und Giacomo Puccini Opern geschrieben haben, die weniger Aufwand erforderten und beim Publikum auf mehr Interesse stießen.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Bonn / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Bonn/FELDLAGER IN SCHLESIEN/Tobias Schabel (Saldorf), Elena Gorshunova (Vielka), Barbara Senator (Therese), Michael Ihnow (Chronist), Jussi Myllys (Conrad)/Foto: © Thilo Beu

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