Ein verhängnisvolles Spiel: Berliner Philharmoniker begeistern mit konzertanter „Pique Dame“

Berliner Philharmoniker/PIQUE DAME/Arsen Soghomonyan/ Foto @ Monika Rittershaus

Gleich drei Mal tauchen die Berliner Philharmoniker diese Saison in die weite Welt der Opern ein. Nach „Mazeppa“ im vergangenen Herbst und „Jolanthe“ zu Beginn des Jahres stand nun mit „Pique Dame” eine drittes Werk Tschaikowskys auf dem Spielplan. Nach vier szenischen Aufführungen während der Osterfestspiele in Baden-Baden, war die Oper anschließend zwei Mal konzertant in der Heimstätte der Philharmoniker in Berlin zu hören. Ein Genuss für die Ohren, der Lust auf mehr macht. (Besuchte Aufführung am 24. April 2022)

 

 

„Was ist unser Leben? Ein Spiel“, singt Protagonist Hermann kurz vor seinem Selbstmord. In diesem Spiel des Lebens ist jedoch nicht Hermann seines Glückes Schmied. Allzu starr und restriktiv sind die Regeln der totalitären Gesellschaft, einer von Männern geformten Clique aus Adligen und Militärs. Und so ist Hermann gefangen. Gefangen im gesellschaftlichen Korsett der Zeit; gefangen in seiner Besessenheit aus diesem auszubrechen. Auf seiner Jagd nach dem großen Glück, bringt er am Ende nicht nur sich, sondern auch seine Angebetete Lisa um Liebe und den Verstand. Wie sehr und wie früh diese repressive Gesellschaft in das Leben der Menschen hineinwirkt, wird sogleich zu Beginn des Abends deutlich. Da exerzieren Kinder – Tschaikowskys Oper spielt zum Ende des 18. Jahrhunderts zur Zeit Katharinas der Großen – ermutigt von ihren Kindermädchen und Gouvernanten spielerisch durch den Tag. Das Militär gibt ihnen eine der wenigen Chancen des gesellschaftlichen Aufstiegs. „Ras, dwa, tri“, marschieren allzu junge Kinder zum immer gleichen Rhythmus der Trommel und spielerischer Marschmusik, sodass Assoziationen zur derzeitigen Situation in Tschaikowskys Heimat nicht ausbleiben.

Berliner Philharmoniker/PIQUE DAME/ Elena Stikhina/Foto @ Monika Rittershaus

So hat auch seine Musik derzeit keinen einfachen Stand. Während russische Staatspropaganda lamentiert, dass russische Kultur im Westen angeblich gecancelt würde; zahlreiche – auch namhafte Musiker:innen – vor einem Boykott warnen; und ukrainische Politiker:innen ihn fordern, spielen die Berliner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Kirill Petrenko einfach ohne großes Aufheben weiter. Vom ersten Ton an schaffen sie eine Spannung, die durch den Abend trägt und sich am Ende in tosendem Applaus entladen wird. Mal lyrisch sanft, zum Verhauchen leise und plötzlich aufbrausend wie eine Naturgewalt: Petrenko und sein Orchester schaffen eine unglaubliche Klangvielfalt. Gemeinsam tauchen sie mit zahlreichen dynamischen Schattierungen und Phrasierungen tief in Abgründe der Partitur ein und fördern ganz neue Details zu Tage. Da sind die Streicher mal samtig brillant, mal melancholisch glanzlos. Das Blech tönend aber nie lärmend und das Holz weich-schwebend hinstrebend zum fatalistischen Ende.

Die Hauptrolle des Abends singt der armenische Tenor Arsen Soghomonyan. Die Herausforderung für ihn und jeden Hermann-Darsteller ist es, eine Steigerung für den Charakter zu finden. Von Anfang an ist Hermann besessen und wird schließlich wahnsinnig. Soghomonyan meistert seine Rolle kraftvoll und wuchtig. Unbestrittener Star des Abends ist jedoch Elena Stikhina als Lisa – und das obwohl sie eigentlich nur die Vertretung der Vertretung ist. Die ursprünglich geplante Lisa, Asmik Grigorian, sagte frühzeitig ab. Elena Bezgodkova übernahm und erkrankte ebenfalls, sodass Stikhina kurzfristig vor den Osterfestspielen einsprang und sich die Rolle vollkommen ihr eigen machte. Das Piano der russischen Sängerin ist zerbrechlich-sanft und dennoch ungeheuer kraftvoll. In den Höhen schneidet ihr glänzender Sopran mit Leichtigkeit durch das Orchester. Scheinbar ohne große Anstrengung projiziert sie ihre Töne in allen Lagen durch den philharmonischen Weinberg, mit kleinen Gesten und mimischen Spielereien gibt sie ihrem Auftritt einen fast szenischen Anstrich.

Berliner Philharmoniker/PIQUE DAME/Doris Soffel, Kirill Petrenko/ Foto @ Monika Rittershaus

Umrahmt werden Soghomonyan und Stikhina von Vladislav Sulimsky als Tomski, Boris Pinkhasovich als Jeletzki, Doris Soffel als Gräfin und Aigul Akhmetschina als Polina. Sulimsky, der im vergangenen Jahr als Mazeppa in der Philharmonie begeisterte, singt einen spöttisch-überheblichen und stets kernigen Tomski. Ihm gegenüber stehen die sanften und einfühlsamen Töne Pinkhasovichs. Besonders in der Arie des Fürsten Jelitzki schweben seine Töne förmlich durch das weite Rund der Philharmonie. Nicht nur Pique sondern Grande Dame des Abends ist Soffel. Mit einer unvergleichlichen Primadonnenaura haucht sie den Zuhörer:innen ihre Arie als eine Charakterstudie einer Frau am Ende ihres bis in alle Tiefen gelebten Lebens entgegen. Akhmetschinas Mezzosopran ist charmant-samtig und formt in den Duetten eine wunderbare Einheit mit Stikhinas glänzendem Sopran. Bis in die kleinen Rollen ist der Abend hervorragend besetzt. So komplettieren Yevgeny Akimov (Tschekalinski), Anatoli Sivko (Surin), Christophe Poncet de Solages (Tschaplitzki/Zeremonienmeister), Mark Kurmanbayev (Narumov) und Margarita Nekrasova als Gouvernante das sängerische Ensemble.

Stark sind auch die Damen und Herren des Slowakischen Philharmonischen Chores sowie die Mädchen und Jungen des Cantus Juvenum aus Karlsruhe. Wenn die glockenhellen Stimmen der Kinder und Jugendlichen kindisch-unschuldig „Wir sind hier alle versammelt, den russischen Feinden zur Abschreckung. (…) Präsentiert das Gewehr! Marsch!“ singen, dann bekommt Tschaikowskys im Jahr 1890 uraufgeführte Oper plötzlich einen sehr aktuellen Bezug. Es geht um Sozialisation und Indoktrination – und um Tugenden, von denen man sich wünschte, dass sie der Vergangenheit angehörten. Vielleicht ist Tschaikowskys Musik deshalb heute aktueller und wichtiger denn je: Weil sie erinnert, dass totalitäre Strukturen tief in Gesellschaften verwurzelt sind und nie vollkommen verschwinden. Dass Menschen als Individuum und als Gemeinschaft weite Wege aus dem Totalitarismus in allen seinen Formen gehen müssen – und manche diesen Weg noch vor sich haben.

 

  • Rezension von Svenja Koch / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Berliner Philharmoniker
  • Titelfoto: Berliner Philharmoniker/PIQUE DAME/Foto @ Monika Rittershaus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.