
Nicht enden wollte der Beifall für das hervorragende Ensemble, das brillante städtische Sinfonieorchester Wuppertal, den charismatischen Wuppertaler GMD Patrick Hahn, die dezente Lichtregie von Pascal Schüller und die geschickte Personenführung durch Fabio Rickenmann im beeindruckenden Saal der Historischen Stadthalle Wuppertal. Einen ungetrübten Wagner-Genuss hatten sich nach dem „Rheingold“ in der ausverkauften Historischen Stadthalle Wuppertal Wagner-Begeisterte versprochen, die man sonst auch in Bayreuth trifft, und das Wuppertaler Abonnenten-Publikum, das die Qualität ihres GMD Patrick Hahn und ihres städtischen Sinfonieorchesters kennt. Als „5. Sinfoniekonzert“ angekündigt war die halbszenische Umsetzung der „Walküre“. Bis dahin fremde Menschen waren derart beglückt über diese auf der ganzen Linie begeisternde semi-konzertante Aufführung des ersten Tags von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, dass sie hinterher einander spontan um den Hals fielen. (Rezension der Aufführung v. 18. Januar 2026)
Der scheidende Wuppertaler Generalmusikdirektor Patrick Hahn, gerade mal 30 Jahre alt, war für mich der entscheidende Grund, den „Ring des Nibelungen“ in der Historischen Stadthalle Wuppertal zu besuchen. Er fiel mir zunächst am 12. November 2023 auf durch ein ungeheuer spannungsreiches Dirigat von Wagners „Tristan und Isolde“ in der Oper Wuppertal. Am 7. Februar 2025 erlebte ich eine musikalisch perfekte „Salome“ mit einem brillanten Orchestersound und hervorragenden Solisten.
In der „Walküre“ beweist Hahn erneut, dass er einen frischen und mitreißenden Zugang zu Wagners Opern hat. Extreme Spannungsbögen und straffe Tempi, so dass man, zum Beispiel im zweiten Bild des dritten Akts, wenn Wotan Brünnhilde zurechtweist, zunächst denkt: das ist aber schnell genommen, aber dann erweist sich das Tempo als genau richtig.
Bereits im ersten Akt, wenn Siegmund zunächst zu unruhigen Gewittereffekten der Lampen durch den Saal irrt, dann auf der Bühne Sieglinde trifft und von Hunding als Feind erkannt wird, baute Hahn vom ersten Takt an eine intensive Spannung auf, die nach der Bergung des Wunderschwerts Nothung aus dem Eschenstamm in dem gloriosen „So blühe denn, Wälsungenblut“ mit der Zeugung Siegfrieds abrupt endete. Natürlich findet man es normal, dass Siegmund und Sieglinde einander erkennen. Dass es sich hier aber um eine inzestuöse Beziehung von Zwillingsgeschwistern handelt, findet man erstmal gar nicht schlimm. Es handelt sich hier ja um Halbgötter. Wie Hahn die emotionale Komponente der Musik herausarbeitet, auch den jugendlichen Überschwang des Wälsungenpaars, gesungen von Sarah Wegener mit jugendlich-klarem lyrisch-dramatischem Sopran und Maximilian Schmitt mit einem sehr schön timbrierten jugendlichen Heldentenor, bei dem man in „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ buchstäblich das Eis schmelzen hörte, grenzt an Magie. Das Publikum spendete Riesenapplaus schon nach dem ersten Akt.

Der zweite Akt beginnt mit einem heroisch-überwältigenden Vorspiel, bei dem man denkt, alles wird gut dank der Macht Wotans und seiner unehelichen Töchter, der Walküren. Brünnhilde soll Siegmund im Kampf gegen Hunding beschützen. Aber Wotans legitime Gattin Fricka (Jennifer Johnston), Göttin von Ehe und Gesetz, tritt, scheinbar als Spaßbremse, dazwischen. Der Ehestreit über den Rettungsplan endet damit, dass Wotan klein beigibt und unwillig Brünnhilde untersagt, den ursprünglichen Plan auszuführen. Fricka hat Wotan an seine Pflichten als Herrscher erinnert: Inzest und Ehebruch kann er sich in seiner Familie nicht erlauben. Allein mit Brünnhilde erklärt er ihr seine Beweggründe. Wie Michael Kupfer-Radecky und Stéphanie Müther diesen Disput gestalten, überzeugt auf der ganzen Linie. Beide sangen mit hervorragender Textverständlichkeit und so leidenschaftlich, als beträfe es sie selbst. Direkte Emotion und Empathie! Als Gott müsse er sich an seine eigenen Gesetze halten. Brünnhilde versteht und verkündet Siegmund seinen nahen Tod. Als der jedoch sagt, ohne Sieglinde wolle er nicht sterben, ist Brünnhilde emotional ergriffen und ändert ihren Plan. Sie entscheidet sich für das aus ihrer Sicht moralisch Richtige: sie beschließt, Siegmund zu retten. Aber nun passiert die Katastrophe: Wotan selbst greift ein und zerschmettert mit seinem Speer Siegmunds Schwert und gibt Hunding die Chance, Siegmund zu töten. Brünnhilde sammelt geistesgegenwärtig die Trümmer Nothungs und flieht mit Sieglinde in Fafners Wald. Wutentbrannt nimmt Wotan die Verfolgung auf, nachdem er eher beiläufig („Geh!“) Hunding erschlagen hat. Eine szenische Andeutung sieht man auf der Empore über dem Orchester. Wotan ist ein gebrochener Mann, aber er lenkt seinen Zorn auf seine ungehorsame Tochter Brünnhilde. Mit dem Ausdruck seiner Wut durch brillante Blechbläser endet der zweite Akt. Der tosende Applaus übertraf den ersten deutlich.
Der Beginn des dritten Akts, der Walkürenritt, entfaltete eine ungeheure dramatische Wucht, denn das durch keinen Orchestergraben gedämpfte Orchester entfachte mit den starken Stimmen der acht Walküren die überwältigende Dynamik, die in Wagners Musik angelegt ist. Kein Wunder, dass Francis Ford Coppola mit dieser Musik in „Apocalypse Now“ amerikanische Hubschraubereinsätze im Vietnam-Krieg illustriert hat. Die acht Walküren, alle erfahrene hochdramatische Wagner-Sängerinnen, konnten das Orchester trotzdem übertönen. Es ist vermutlich Wagners bekannteste Melodie, die die Bestrafung der ungehorsamen Brünnhilde, Wotans Lieblingstochter, einleitet. Es ist mit den stampfenden Hufen der Rösser und den martialischen Fanfaren der Hörner und Trompeten der Triumph der Kriegslogik. „Sie zeigt, wie ästhetische Faszination mit politischer und moralischer Problematisierung kollidieren kann“, so Dramaturg Fabio Rickenmann in seinem scharfsinnigen Essay im Programmheft. Das System Wotan wird nicht von außen zerschlagen, sondern es spaltet sich von innen durch den Widerspruch zwischen Emotion und Staatsräson. Wotan entkleidet seine Lieblingstochter Brünnhilde ihrer Walküreninsignien und gibt sie schutzlos auf einem Felsen preis. Aber Brünnhilde gelingt es, durch geschicktes Argumentieren zu erreichen, dass sie ein Feuerring umgibt, den nur einer durchdringen kann, der sich nicht fürchtet. Dieser Mensch wird Siegfried sein, der Sohn Siegmunds und Sieglindes, der als freier Held, durch keine Konventionen gebunden, aufwachsen wird. Der dritte Akt schließt mit dem Feuerzauber, bei dem die Streicher, Flöten und Perkussionsinstrumente noch einmal richtig auftrumpfen können. „Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie“, singt Wotan zum Abschluss. Es endet mit einem strahlenden H-Dur-Akkord, der im starken Kontrast zu den tragischen Ereignissen steht und eine optimistische Sicht auf Siegfrieds künftige Taten erzeugt. Der frenetische Beifall wollte nicht enden.
Patrick Hahn ist wohl der interessanteste Dirigent (und Komponist) seiner Generation. Er wurde am 17. Juli 1995 in Graz geboren und begann seine musikalische Karriere als Knabensolist bei den Grazer Kapellknaben. Mit 26 wurde er jüngster Generalmusikdirektor Deutschlands bei den Wuppertaler Bühnen und dem Wuppertaler Sinfonieorchester, das er seitdem geformt hat. Er wirkt parallel dazu als erster Gastdirigent beim Münchner Rundfunkorchester und seit 2024 beim Royal Scottish National Orchestra. Gastdirigate führten ihn zu zahlreichen Spitzenorchestern wie den Münchner Philharmonikern und dem Gürzenich-Orchester, Köln, und zu Operndirigaten wie in München, Hamburg, Frankfurt und Dresden. Von Patrick Hahn existiert bereits jetzt eine für sein Alter umfangreiche Diskografie, überwiegend mit Repertoire des 20. Jahrhunderts.

Stéphanie Müther hat bereits in Dortmund mit großem Erfolg die Brünnhilde gesungen, ihr hochdramatischer Sopran glänzte jetzt noch intensiver. Sie ist eine Brünnhilde mit warmer Ausstrahlung und singt bei internationalen Festivals wie in Kyoto, Japan und Oviedo, Spanien, die hochdramatischen Wagner-Partien. Sie überzeugte auf der ganzen Linie. Michael Kupfer-Radecky, international gefragter Heldenbariton, lebte den Wotan in seinem eleganten Frack und zeigte ihn nicht als Kraftprotz, sondern als sensiblen, nachdenklichen Taktiker und emotionalen Vater. Die starken Gefühle, die er ausdrückte, weckten Empathie. Er ist 2022 kurzfristig in Bayreuth im dritten Akt als Wotan für einen erkrankten Kollegen eingesprungen, was ihm sehr gute Kritiken einbrachte. Er ist dort seit Jahren als Heerrufer und als Gunther eingesetzt und wird im Bayreuther „Rienzi“ den Cecco del Vecchio singen. Jennifer Johnston (Fricka, Mezzosopran) wird bei der Eröffnungspremiere der Bayreuther Festspiele 2026 den Adriano im „Rienzi“ singen.
Maximilian Schmitt ist ein international gefragter lyrischer Tenor, der jetzt das Heldenfach für sich erobert. Sarah Wegener hat bereits in der „Walküre“ unter Kent Nagano die Sieglinde interpretiert und zeichnet sich durch stilistische Vielseitigkeit, stimmliche Brillanz und intensive Ausdruckskraft aus. Kurt Rydl, seit 1999 Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper, verlieh nach einer 50-jährigen Weltkarriere dem Hunding gefährlich wirkende Kontur.
Auch die acht Walküren bekamen großen Applaus. Das Ensemble hat wunderbar harmoniert und bot durchweg hervorragende gesangliche Interpretationsleistungen. Der Applaus steigerte sich noch, als Patrick Hahn mit seinem Dramaturg Fabio Rickenmann auf die Bühne trat und auf das Orchester verwies. Wir haben eine sehr dynamische, emotionsgeladene und jugendlich-frische „Walküre“ erlebt, bei dem die voll ausgereizte Abstufung der Lautstärke, aber auch der häufig flotten Tempi, große Empathie mit den Protagonisten erzeugte.
Wagners Opern kann man tatsächlich als Konversationsstücke, Programmmusik mit Accompagnato-Rezitativen, auffassen, denn das Orchester erzählt, interpretiert und kommentiert alles. Das Fluch-Motiv erklärt das Unheil, das Wotan und seiner Familie widerfährt. Eine szenische Umsetzung lenkt von der Musik und vor allem vom Text ab, ein Vergleich mit inszenierten Aufführungen wäre daher unfair.
Im Vergleich mit Kent Naganos konzertanter Aufführung in der Kölner Philharmonie am 24. März 2023, bei der die Sängerinnen und Sänger ebenfalls vor dem Orchester platziert waren, fällt auf, dass der heute übliche Kammerton A mit 440 Hz einen deutlich brillanteren Klang hat als der historische mit 435 Hz. Außerdem nimmt Hahn die Tempi deutlich flotter als Nagano und hat eine größere Dynamik, einfach, weil die heutigen modernen Instrumente prägnanter und lauter sein können, aber auch bezüglich der gewählten Tempi. Seine Interpretation wirkt einfach „jünger“ und gefühlsbetonter.

Mit der dezenten Lichtregie von Pascal Schüller und einer anschaulichen Personenführung von Fabio Rickenmann und dem hochkarätigen Ensemble gelang eine halbszenische Umsetzung, die zusammen mit den Übertiteln das Verständnis erleichterte. Patrick Hahn betonte die emotionale Komponente, und man ertappte sich selbst dabei, dass man sich mit einem inzestuösen Liebespaar und mit kriegsverherrlichender Musik identifizierte und das Plädoyer Frickas für Recht und Ordnung als lästig empfand. Wagner war halt zeitweise ein Revolutionär und praktizierender Anarchist und hat die schönsten Liebesszenen geschrieben, und das stellte diese konzertante Aufführung sehr gut heraus.
Ich bin jetzt schon sehr gespannt auf „Siegfried“ am 22. Februar 2026 und die „Götterdämmerung“ am 22. März 2026.
- Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Sinfonieorchester Wuppertal / Ring des Nibelungen
- Titelfoto: Sinfonieorchester Wuppertal /DIE WALKÜRE/ Foto: Sinfonieorchester Wuppertal / Yannick Dietrich
-
Besetzung
Michael Kupfer-Radecky
WotanStéphanie Müther
BrünnhildeMaximilian Schmitt
SiegmundSarah Wegener
SieglindeKurt Rydl
HundingJennifer Johnston
FrickaAnn-Kathrin Niemczyk
HelmwigeCatharine Woodward
GerhildeJustyna Bluj
OrtlindeGundula Hintz
WaltrauteEkaterina Chayka-Rubinstein
SiegruneHanna Larissa Naujoks
RoßweißeMarta Herman
SchwertleiteBettina Ranch
GrimgerdeFabio Rickenmann
Dramaturgie und ProduktionsleitungSinfonieorchester Wuppertal
Patrick Hahn
DirigentPatrick Hahn, Fabio Rickenmann, Pascal Schüller
Lichtdesign