
Mit einem in jeder Hinsicht spannenden und mitreißenden Ballettabend hat das Ballett Zürich mit der TIMEFRAMED Premiere das neue Jahr 2026 begonnen. Dabei kamen vier sehr unterschiedliche Werke namhafter Choreographen zur Aufführung. Es war ein faszinierender tänzerischer Reigen, der viel Energie ausstrahlte und an die Tänzer/innen höchste Anforderungen stellte. Zu Beginn der Aufführung trat Ballettdirektorin Cathy Marston vor den Vorhang und teilte dem Publikum mit, dass der großartige Choreograph Hans van Maanen beabsichtigt hatte, diese Aufführung persönlich zu begleiten. Leider ist er aber am 17. Dezember 2025 im Alter von 93 Jahren verstorben. Deshalb war der Ballettabend in memoriam dieser weltweit berühmten Persönlichkeit gewidmet. (Rezension der Premiere v. 17. Januar 2026)
Das erste Werk stammte vom amerikanischen Choreografen William Forsythe. Das Ballett Zürich und Forsythe verbinden eine langjährige Beziehung und die Tänzer/innen freuen sich jeweils, eine seiner Choreographien einstudieren zu können.
Mit „NEW SUITE“ wurde der Abend eröffnet. Zu Musik von G.F. Händel und Luciano Berio wurden acht Pas de Deux aus drei früheren Forsythe-Balletten getanzt. Forsythe hatte diese zu einer neuen Suite zusammengefügt. 2012 fand in Dresden deren Uraufführung statt. In der Schweiz wurde sie an diesem Ballettabend zum ersten mal aufgeführt. Es sind acht Paare, die solistische Auftritte haben. Dabei erlebt man in ganz unterschiedlichen Tempi eine Ästhetik, welche durch die spartanische Bühnen- und Beleuchtungseinrichtung von Tanja Rühl und den harmonischen Kostümen von Yumiko Takeshima besonders schön zur Geltung kommt.
Ayaha Tsunaki und Joel Woellner, Max Richter und Brandon Lawrence, Nancy Osbaldeston und Dustin True, Daniela Gómez Pérez und Iacopo Arregui, Breanna Foad und Charles Yoshiyama, Irmina Kopaczynska und Jesse Fraser, Inna Bilash und Esteban Berlanga sowie Shelby Williams und Sean Bates, boten eine ganz feinfühlige Aufführung und bereits hier zeigte sich das Publikum beeindruckt und spendete schon während der Aufführung jedem der Paare separat regen Applaus.

Mit „BARE“ ist Lucas Valente, dem Mitglied des Balletts Zürich, ein ganz großer Wurf gelungen. Lucas Valente, seit 2017 zum Ensemble gehörend, hat immer wieder Werke für das Junior Ballett Zürich und für die Nachwuchsreihe „New Generations“ Choreografien produziert.
Man sieht lediglich einen leeren, nur mit Neonröhren beleuchteten Bühnenraum, über welchem zwei Mikrophone angebracht sind. Über diese werden die Geräusche der Tänzer, Zurufe und Anweisungen untereinander und auch ihr angestrengtes Atmen für die Zuschauer hörbar gemacht. In einem fulminanten Wirbel bewegen sich die 24 Tänzer/innen, perfekt synchron, ohne Musikbegleitung auf der kahlen Bühne. Dadurch erzeugt die Choreographie eine faszinierende Energie, welche sich auf das Publikum überträgt. Das Sounddesign von Daniel Lutz, die Lichtgestaltung von Martin Gebhardt und die Kostüme von Christopher Parker erzeugen eine unglaubliche Stimmung und man kommt aus dem Staunen kaum mehr heraus. Die jungen Tänzer/innen des Junior Ballett zusammen mit den Tänzer/innen des Ballett Zürich leisten Umwerfendes. Das Publikum brach in einen selten in diesem Hause gehörten Jubel aus und bedankte sich mit einer Standing Ovation für diese Leistung.

„ORBIT“, die dritte Choreographie des Abends, stammt vom griechischen Choreograph Andonis Foniadakis, welcher das erste Mal mit dem Ballett Zürich zusammenarbeitet und passt perfekt zum vorangegangenen Werk. Die acht Tänzer/innen leisten auch bei dieser Produktion Enormes. Wie galaktische Himmelskörper bewegen sich die Solist/innen, in mit glitzernden Swarowsky Steinen übersäten Kostümen von Anastasios Sofroniou auf der Bühne. Kurze Pas de Deux, Solos und kleine Gruppierungen im dunklen Raum fesseln den Blick und lassen dem Auge keine Ruhe. Man fühlt sich in eine andere Welt versetzt.
Die Musik von Bryce Dessner und Ludovico Einaudi eignet sich hervorragend für diese ganz spezielle Eindrücke vermittelnde Choreographie.
Nancy Osbaldeston, Esteban Berlanga, Breanna Foad, Kilian Smith, Nehanda Péguillan, Brandon Lawrence, Alyssa Pratt und Wei Chen, waren die acht Solisten dieser Aufführung. Großartig.

Mit dem Ballett „LIVE“ von Hans van Maanen, wird man abermals in eine ganz andere Welt versetzt. Dabei erlebt man einmal mehr die Genialität dieses großartigen Choreographen, welche mit seinen Werken in der Tanzwelt nicht mehr wegzudenken ist. Sein 1979 in Amsterdam für das Het Nationale Ballet geschaffene Werk wurde lange Zeit nur dort getanzt und nun ist das Ballett Zürich, nach dem Wiener Staatsballett erst die zweite Companie, welche dieses Stück präsentieren darf. Nur zu gerne hätte der Choreograph dieses Werk hier erlebt, doch war ihm dies nicht mehr vergönnt.
In „LIVE“ sieht man erst mal nur eine Kamera auf der Bühne liegen, welche dann von einem Kameramann aufgehoben und gegen das Publikum in den vorderen Reihen gerichtet wird. Dabei sieht sich das Publikum selbst auf einer großen Leinwand im Hintergrund der Bühne projiziert. Dann betritt eine Solotänzerin, gekleidet in einem roten Kostüm, die Bühne und bewegt sich ganz langsam auf die Kamera zu. Dabei werden ihre Bewegungen, Hände, Arme, Füsse, ihre ganze Körpersprache dem quasi als Voyeur dasitzenden Publikum in Grossaufnahme auf der Leinwand gezeigt. Da taucht kurz ein Mann auf der Bühne auf, verlässt diese aber sogleich wieder durch einen Parkettausgang.

Die Tänzerin und der Kameramann folgt ihm und auf der Leinwand sehen wir eine Live-Übertragung aus dem Foyer des Opernhauses. Kurz erscheint die Tänzerin wieder im Parkett und dann sehen wir auf der Leinwand eine Einspielung aus dem Ballettsaal, wo die beiden Tänzer sich kurz annähern, jedoch im Streit wieder voneinander gehen. Das grobe Zufallen der Tür des Ballettsaals ist symbolhaft das Ende dieser Beziehung. Wieder erscheint kurz die Tänzerin im Parkett, geht, noch immer von der Kamera begleitet, durch das Foyer vom Opernhaus und verlässt – passend zum Ende des Ballettabends – das Opernhaus langsam und verschwindet in der dunklen Nacht. Mit dieser in schwarz/weiss auf der Leinwand gezeigten Szene endet die geniale Idee Hans van Mannens. Eine faszinierende Choreographie, die man gesehen haben muss! Die Klaviermusik von Franz Liszt, wunderbar live gespielt von Kateryna Tereshchenko, hinterlässt eine emotional bewegende Stimmung. Ayaha Tsunaki als Tänzerin und Karen Azatyan als Tänzer sind hinreißend. Die sehr anspruchsvolle Partie des Kameramanns wurde durch Karim Fawaz interpretiert.
Was das Ballett Zürich, zusammen mit dem Junior Ballett, hier geleistet haben, ist Weltklasse. Das Publikum kannte kein halten mehr und bejubelte die Tänzer/innen voller Begeisterung.
Dieses Ballettereignis sollten sich die Ballettfreunde auf keinen Fall entgehen lassen!
- Rezension von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN – CH
- Opernhaus Zürich / Ballett „Timeframed“
- Titelfoto: Opernhaus Zürich/ BALLETT „TIMEFRAMED“ /Foto: Admill Kuyler