
Als im März 1875 Bizets „Carmen“ in der Opéra-Comique in Paris ihre Uraufführung erlebte, war ihr kein großer Erfolg beschieden. Das damalige Publikum war weniger aufgeschlossen und konnte den gewagten Inhalt und das fast schon provokative Verhalten der Figur Carmen nicht goutieren. Erst einige Monate später, als das Werk in Wien uraufgeführt worden war, begann die grosse Erfolgsgeschichte des heute in keinem internationalen Opernrepertoire fehlenden und zu den am meisten gespielten Werken gehört. Bizet konnte den Erfolg nicht mehr erleben, denn nur drei Monate nach der Uraufführung verstarb er, erst 36 jährig. (Rezension der Vorstellung v. 18. Januar 2026)
Die Züricher Inszenierung, welche als Ko-Produktion mit der Opéra-Comique Paris dort bereits zu sehen war, führt uns zurück an den Ort der Uraufführung. Die dramatische Handlung findet auf der detailgetreuen Nachbildung der Opéra-Bühne statt. Am Anfang erscheint Don José in gewöhnlicher Straßenkleidung und wird, einem Albtraum gleich, mehr und mehr in die tragische Handlung hineingezogen.

Andreas Homoki, unterstützt durch die Co-Regie und Choreografie von Arturo Gama, lässt zusammen mit dem Bühnenbildner Paul Zoller, den Kostümen von Gideon Davey und mit der Lichtgestaltung von Franck Evin bei dieser Inszenierung die ersten beiden Akte in der Zeit um 1875 stattfinden. Der dritten Akt spielt in der während der deutschen Besatzung stillgelegten Opéra-Comique, welche damals als Warenlager für den Schwarzmarkt diente. Im letzten Akt befinden wir uns dann in der Gegenwart. So entstehen auf der mit einem prächtigen Vorhang versehenen Bühne und mit nur ganz wenigen Requisiten abwechslungsreiche eindrückliche Bilder. Hier wird ganz auf die sonst in dieser Oper gewohnten Klischees verzichtet. Kein sonniger Arena-Vorplatz, keine düsteren Gebirge und keine Militäruniformen.
Wenn beispielsweise am Anfang der Oper, dort wo sich für gewöhnlich Soldaten die Szene beleben, in dieser Inszenierung im grellem Licht eine flanierende Volksmenge steht und mit den Fingern auf das Publikum zeigt, verfließen die beiden Räume für einen Moment. Auch das Bild mit den rauchenden Tabakfabrikarbeiterinnen und die immer wieder mit starken Beleuchtungseffekten hervorgehoben Sänger/innen, vermitteln eine sonderbare, aber passende Stimmung. Man wird Zeuge von Liebes- und Eifersuchtsszenen und kann der Handlung mühelos folgen. Ein durchaus gelungenes Konzept.
Musikalisch war diese Wiederaufnahme in ganz neuer Besetzung ein großer Erfolg.

Mit Elīna Garanča hat das Opernhaus einen Weltstar für diese Produktion gewonnen. Sie verkörpert die Carmen facettenreich und mit eindrücklicher Präsenz. Auch stimmlich ist die Carmen wie für sie geschaffen. Jede Feinheit, jeder Gefühlsausbruch werden mit perfekter Stimmführung zu einem Genuss. Don José wird vom französischen Tenor Stanislas de Barbeyrac ebenfalls höchst engagiert gespielt und gesungen. Ihm gelingt es, Emotionen zu erzeugen und das Zusammenspiel mit Carmen bleibt bis zum tragischen Ende berührend. Mit seiner schönen Tenorstimme lässt er ganz feine Nuancen aufblühen und überzeugt in jedem Moment.
Mit Olga Peretyatko als Micaëla ist diese Partie ideal besetzt, sowohl stimmlich als auch wegen ihrer Bühnenpräsenz. Ihre Arie „Je dis que rien ne m’épouvante“, welche sie alleine auf der Bühne singt, berührt besonders.

Als Escamillo ist mit Ildebrando D‘Arcangelo ein sehr ausdrucksstarker Darsteller dieser Machorolle zu erleben. Mit eindrücklicher Bassbariton Stimme lässt er keine Zweifel aufkommen, wer der Sieger ist.
Yewon Han als Frasquita mit höhensicherer Sopranstimme und Siena Licht Miller als Mercédès mit starkem Mezzo, dürfen ihre Rollendebüts als sehr erfolgreich feiern.
Johan Krogius als Remendado, Gregory Feldmann als Dancaïro, für beide ein Rollendebüt, sowie Stanislav Vorobyov als Zunica und Guram Margvelashvili als Moralès, liessen keine Wünsche offen und rundeten dieses erlesene Ensemble perfekt ab.
Die Chorszenen zeigten einmal mehr das hohe Niveau des von Klaas-Jan de Groot einstudierten Chors der Oper Zürich auf. Ganz reizend der Kinderchor und „SoprAlti“ der Oper Zürich.
Der Dirigent Domingo Hindoyan leitete das Orchester mit großem Einfühlvermögen. Gleich bei der Ouvertüre konnte man erkennen, mit wieviel Energie er das Orchester der Oper Zürich zu einer Glanzleistung führte. Schwungvoll, aber nie zu laut, wurden alle Feinheiten dieser begeisternden Partitur zu Gehör gebracht.
Das Publikum zeigte nach dem emotionsreichen Ende dieser Oper, wie stark der Funke dieser begeisternden Aufführung die Besucher berührt hat. Mit vielen Bravos und Standing Ovation bedankte man sich bei allen Mitwirkenden.
- Rezension von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN-CH
- Opernhaus Zürich / Stückeseite
- Titelfoto: Opernhaus Zürich/ CARMEN/ Elīna Garanča/Foto: Toni Suter
Ich vermisste die „Klischees“, die das Leben auf der Bühne erst emonotional erleben lassen.
Die „schwarzen Hüte“ wirken abtönend.
Niergends ist „spanisches Blut“ spührbar. Als positives Beispiel:
Die Darstellung der schlittschuhlaufenden Katarina Witt – Carmen (Film) mit den zugehörigen „spanischen Umfeld“ verinnerlicht mir Carmen. – Ole!