Opernhaus Zürich: Hoch gewettet! – Premiere von Mozarts „COSI FAN TUTTE“ am 4.11.2018

Oper Zürich – Così fan tutte – 2018/19
© Monika Rittershaus

Die Vorgeschichte dieser Inszenierung ist mehr als außergewöhnlich. Seit bald eineinhalb Jahren sitzt der Regisseur Kirill Serebrennikov im Hausarrest und kann nur über seinen Anwalt kommunizieren. Die Vorwürfe gegen den Regisseur sind laut den Informationen mehr als Fadenscheinig und weisen eher darauf hin, dass hier mit einer bekannten Persönlichkeit ein Exempel statuiert werden soll. Daher auch das starke Medieninteresse. Trotz diesen Umständen hat man sich am Opernhaus dazu entschlossen, diese Inszenierung auf die Bühne zu bringen um ein Zeichen zu setzen gegen die Willkür und für die Meinungsfreiheit in der Kunst. Auf der Website des Opernhauses und im sehr eindrücklich gestalteten Magazin kann man viel über diesen Fall und seine Facetten erfahren.  (Rezension der Premiere vom 4.11.2018

 

Kirill Serebrennikov war an keiner der Proben selbst anwesend und sein Vertrauter Evgeny Kulagin arbeitete mit Video-Aufzeichnungen der Proben und dem Feedback des Regisseurs. Diese Arbeitsbedingungen sind sehr aufwändig und erfordern von allen Beteiligten einen maximalen Einsatz. Dass wir hier nicht die von W.A. Mozart komponierte Oper nach dem Libretto von Lorenzo Da Ponte als unterhaltsame Verwechslungskomödie erleben, war vorauszusehen.

Serebrennikov ist für seine spannenden Ideen bekannt und er setzt diese bekannte Oper ganz neu in Szene. Das Spiel mit den Gefühlen, der Liebe und der Eifersucht, sowie der Übermacht des Mannes, ermöglicht eine, gerade in der heutigen Zeit, wo die Geschlechterbeziehung durch diverse Bewegungen diskutiert wird, andere Sicht auf die Handlung. Beim Betreten des Zuschauerraumes, begegnen wir einem auf zwei Etagen angelegten Fitnesszentrum, in welchem die Darsteller bereits Ihren Übungen nachgehen. Die Sänger erscheinen als moderne Menschen, welche mit allen heutigen technischen Geräten ausgerüstet sind.

Oper Zürich – Così fan tutte – 2018/19
© Monika Rittershaus

Alfonso will seinen beiden Freunden Guglielmo und Ferrando beweisen, dass Ihre Verlobten, wie alle Frauen, nicht treu sind. Er schlägt eine Wette vor, dass es ihm gelingt dies zu beweisen. Die beiden Freunde jedoch sind sich Ihrer Sache sicher und lassen sich auf diesen Vorschlag ein. Nun sollen die beiden verliebten Männer angeblich eingezogen werden und sofort abreisen müssen. Fiordiligi und Dorabella sind verzweifelt und nehmen Abschied. Kurz darauf sollen die Freunde verkleidet im Hause erscheinen und die beiden Damen verführen. Hier beginnt nun das Drama. Anders als im Libretto, werden bei Serebrennikov die beiden Liebhaber «sterben» und die Damen im Glauben lassen, nun Witwen zu sein. Das wird in einer eindrucksvollen Szene bis zur Übergabe der Asche in Urnen zelebriert. Serebrennikov lässt nun zwei stumme Schauspieler auftreten, welche sich mit vollem Einsatz in die Handlung einbringen und für große Verwirrung sorgen.

Francesco Guglielmino und David Schwindling bewältigen diese Aufgabe hervorragend. Diese Idee überzeugt darum, weil nun die in der Handlung banal erscheinende Verwechslungskomödie in ein echtes menschliches Drama umschwingt. Die Sänger sind oft auf der jeweils anderen Ebene sichtbar oder begleiten gar die Schauspieler, werden aber von den beiden Frauen nicht wahrgenommen. Es wird eindrucksvoll bewiesen, dass man eine neue Sichtweise überzeugend umsetzen kann.

Die vielen Ideen des Regisseurs hier zu beschreiben ist schlicht nicht möglich. Nur bei einem Besuch dieser Aufführung, kann man sich auf diese neue Sicht einlassen und wird mit viel schwarzem Humor und einem enorm abwechslungsreichen Bühnenraum beeindruckt.

Es ist dem vollen Einsatz des ganzen Teams zu verdanken, dass diese Inszenierung überhaupt zustande gebracht wurde. Evgeny Kulagin , Nikolay Simonov, Tatiana Dolmatovskaya und dem Video-Designer Ilya Shagalov sei für diese großartige Arbeit gedankt. Besonders erwähnt werden muss auch die Lichtgestaltung von Franck Evin, welche diese anspruchsvolle Bühne ins beste Licht rückt.

Auf der musikalischen Seite ist ein Ensemble zu erleben, welches sich mit seiner ganzen Energie einsetzt und eine Spielfreude entwickelte, welche beeindruckend ist.

Michael Nagy als Don Alfonso, singt mit großer Stimme diese Partie und überzeugt auch durch seine Darstellung dieses Charakters. Als Ferrando ist Frédéric Antoun zu hören. Er gestaltet diese Rolle mit sehr viel Ausstrahlung und seinem schönen Tenor. Seinen Freund Guglielmo singt der Bariton Andrei Bondarenko mit flexibler Stimme und Temperament.

Oper Zürich – Così fan tutte – 2018/19
© Monika Rittershaus

Die beiden Sängerinnen Ruzan Mantashyan (Fiordiligi) welche am Opernhaus debütiert und Anna Goryachova (Dorabella) sind mit unglaublicher Energie und eindrucksvollen Stimmen zu erleben. Die am Opernhaus bestens bekannte Rebeca Olvera (Despina) ist in dieser Inszenierung als Psychologin, total in Ihrem Element und passt hervorragend in diese neue Rolleninterpretation.

Das ganze Ensemble wird im Laufe der folgenden Aufführungen noch mehr zusammenfinden und neben der enormen körperlichen Leistung auch die stimmlichen Qualitäten noch mehr verfeinern.

Die musikalische Leitung war dem Dirigenten Cornelius Meister anvertraut, welcher die Philharmonia Zürich durch diese nicht einfach zu bewältigende Aufgabe führte, was bei dieser rasanten Inszenierung auf verschiedenen Ebenen eine echte Herausforderung darstellt. Dass dies nicht immer ganz gelingt ist wohl auch der Premierennervosität zuzuschreiben. Je nach Sitzplatz ist die Akustik infolge des speziellen Bühnenraumes beeinträchtigt.

Das Premierenpublikum spendete allen Beteiligten einen verdienten und langen Applaus und man darf sicher sein, dass diese Aufführung als grosse Ensembleleistung unter besonderen Bedingungen in die Opernhaus-Geschichte eingehen wird.

 

  • Rezension der besuchten Premiere von COSI FAN TUTTE am 4.11.2018 in Zürich von Marco Stücklin/DAS OPERNMAGAZIN
  • Weitere Termine, Infos und Kartenvorverkauf unter DIESEM LINK
  • Titelfoto und weitere:  Oper Zürich – Così fan tutte – 2018/19 © Monika Rittershaus

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