„Nuit funèbre“ („Trauernacht“) mit Musik von Johann Sebastian Bach beim Festival der Opéra de Lyon

Opéra de Lyon/Nuit funèbre/Foto ©Blandine Soulage

Das Festival 2022 der Opéra de Lyon steht unter dem Motto: Familiengeheimnisse. Viele werden erst beim Tod eines Angehörigen aufgedeckt.  –  „Thema dieses Abends ist die Kontemplation des Todes. Das Stück handelt von einer Familie mit vier Kindern, die sich mit dem Tod des Vaters auseinandersetzen müssen,“ so die Regieanweisung von Katie Mitchell. Vier Kinder treffen sich zum Abendmahl, um den plötzlichen Tod ihres Vaters zu verarbeiten- Sopran, Alt, Tenor und Bass. Man bringt Trauerblumen mit, holt Kleidung des Verstorbenen hervor, isst, trinkt und tauscht sich aus. Hin und wieder erscheint auch der stumme Vater und pfeift ein paar Takte, was wiederum Erinnerungen auslöst, die gemeinsam kommentiert werden. Die 75 Minuten lange Vorstellung wirkt ungeheuer intensiv und konzentriert. (Besuchte Vorstellung am 20.03.2022)

 

Der Bühnenraum ist ganz karg nur mit einem Tisch und fünf Stühlen möbliert, die Gegenstände werden von der Seite hereingeholt. Die Kinder tragen Trauerkleidung, sind barfuß, nehmen am Tisch Platz und ändern mitunter ihre Sitzordnung. Alle Bewegungen sind sehr gemessen und feierlich, das Klappern des Geschirrs ist das einzige Geräusch neben der überirdisch schönen und tröstlichen Musik von Johann Sebastian Bach.

Ein Interview mit den Beteiligten finden Sie auf der Website der Opéra de Lyon unter DIESEM LINK.

Mit der Motette „Mit Weinen hebt sich´s an“ von Johann Christian Bach, vierstimmig a cappella gesungen, beginnt die Trauernacht. Das Orchester aus jungen Musikern, Schülerinnen und Schülern der CNSMD von Lyon unter der musikalischen Leitung von Simon-Pierre Bestion spielt in historisch informierter Aufführungspraxis auf Darmsaiten und mit Naturtoninstrumenten.

Opéra de Lyon/Nuit funèbre/Foto ©Blandine Soulage

Mit sehr klaren, perfekt geführten Stimmen singen jungen die Sänger*innen stilsicher zum Ritual des Abendmahls vierstimmige Motetten und Kantaten von Johann Sebastian Bach, die thematisch zum Anlass hervorragend passen. Auch die Form- einige sind als Fuge komponiert, in der die Stimmen nacheinander einsetzen und sich dann harmonisch, aber mit einigen Reibungen mischen, entspricht hervorragend dem Duktus der Kommunikation bei einer Familienzusammenkunft anlässlich des Todes eines nahen Angehörigen. Es entsteht ein zartes Gewebe filigraner Trauermusik, bei der in den Pausen zwischen den einzelnen Stücken die dramatischen Momente imaginiert werden.

Es könnte auf die Dauer langweilig werden, aber dann wird ein Brief herumgereicht. Wir wissen nicht was drin steht, aber die Protagonisten reagieren unterschiedlich. Die Konstellationen ändern sich, was sich auch in der Sitzordnung ausdrückt. Mit „Ich habe genug“, BWV 82, endet der Abend, und Zuschauer*innen wie ich, die im christlichen Glauben sozialisiert wurden, nehmen die theologische Botschaft mit, die Bach als Kirchenmusiker in allen seinen Werken mitteilt: „Wenn deine Sterbestunde schlägt/ …/so mag man deinen Leib /Den man zu Grabe trägt/ Mit Sand und Staub beschütten/ Dein Heiland öffnet dir/ die ewigen Hütten.“

Regisseurin Katie Mitchell gibt der Musik, die Bach als Gebrauchsmusik zu Gottesdiensten komponiert hat und die die Gebete, die Predigt und den Gesang der Gemeinde ergänzten, eine ganz eigene Bedeutung. Es ist der Trost, den man einander spendet, wenn man Angehörige betrauert.

Katie Mitchell gewann 2013 den „International Opera Award“ für ihre Inszenierung der Uraufführung des Jahres – „Written on Skin“ von Martin Crimp und George Benjamin bei den Festspielen von Aix-en-Provence, die anschließend in Amsterdam, Wien, Toulouse, London und Florenz übernommen wurde. Gerade erst hat sie ihr siebenjähriges Engagement am Festival von Aix-en-Provence beendet, wo sie 2014 „Nuit funèbre“ herausbrachte.

Elisabeth Boudreault, Sopran, ist diejenige, die offenbar am meisten am Verstorbenen hängt. Sie hüllt sich in sein Sakko und zieht seine Schuhe an, um ihm noch einmal nahe zu sein. Fiona McGown, Mezzosopran, ist die pragmatische Hausfrau, die die Bewirtung in die Hand nimmt.

Andrew Hensley, Tenor, gibt den erfolgreichen Geschäftsmann, was man am korrekten grauen Business-Anzug erkennt, der aber den Tod durchaus als Bedrohung ansieht und fürchtet. Philippe Dusigne, Bariton, ist eher ein Künstler, der in grauem Hemd mit schwarzer Krawatte auftritt. Er sieht den Tod sehr gefasst. Er stimmte „Es ist vollbracht“ an. Alle insgesamt eine bürgerliche Familie, was man an den Kostümen von Vicki Mortimer ablesen kann. Die Stimmen harmonierten perfekt und hoben sich deutlich voneinander ab. Im Satz von Bach ergab sich polyphoner Wohlklang.

Philippe Dusigne, Schauspieler, tritt nur stumm und mit ein paar gepfiffenen Tönen in Erscheinung. Er ist mehr als ein Phantom, er verkörpert die Erinnerung der Trauernden, auch er in Business-Kleidung.

Opéra de Lyon/Nuit funèbre/Foto ©Blandine Soulage

Es ist ein ganz profanes Ritual: man umarmt einander tröstend, man faltet die Kleidung des Verstorbenen sorgfältig, nimmt Gegenstände aus seinem Besitz in die Hand und betrachtet sie, man trinkt und isst zusammen, und man tauscht sich vor allem mittels der Musik aus. Die vierstimmigen Kantaten und Motetten treffen den Duktus solcher Gespräche im Familienkreis ganz genau: man ist grundsätzlich einer Meinung, aber mit leichten Reibungen und Unterschieden. Und der Trost, im Glauben an die Erlösung durch Christi Leid und Tod aufgehoben zu sein, liegt eigentlich nahe.

Die Musik hat Johann Sebastian Bach als Gebrauchsmusik für Gottesdienste geschrieben. Zu seiner Zeit war der Tod allgegenwärtig. Frauen starben im Kindbett, Säuglinge starben bei der Geburt oder erreichten das Erwachsenenalter nicht, und Seuchen waren allgegenwärtig.

Bedingt durch die Pandemie müssen sich Menschen jetzt häufiger mit dem plötzlichen Tod von Familienmitgliedern und Freunden auseinandersetzen, die Aktualität des Themas liegt also auf der Hand. Intendant Philippe Brunel hat dieses Werk bewusst in Auftrag gegeben, um jungen Musikerinnen und Musikern, die wegen der Pandemie plötzlich vor dem Nichts standen, die Chance zu geben, sich am Anfang ihrer Karriere mit einer herausfordernden Aufgabe auseinanderzusetzen.

Das Theatre de Lyon, Les Célestins, ist ein neoklassizistischer Bau und passt hervorragend zu dieser filigranen Barockmusik, die absolut stilsicher interpretiert wurde. Die Texte, die mit französischen Übertiteln in deutscher Sprache gesungen wurden, waren verständlich, denn man hatte sich offensichtlich Mühe gegeben, die Sänger*innen in der Aussprache und Betonung anzuleiten.

Für mich war dieser Abend die weitaus interessanteste Produktion, des Festivals „Familiengeheimnisse“, denn Bach als Komponist zu einer Theaterhandlung habe ich bisher nur bei szenischen Umsetzungen seiner Passionsmusik erlebt. Die Übertragung auf eine Grenzsituation in einer Familie habe ich in der Form noch nie gesehen, aber die Ausgangssituation kommt mir bekannt vor.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Opéra de Lyon / Stückeseite
  • Titelfoto: Opéra de Lyon/Nuit funèbre/Foto ©Blandine Soulage

 

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