„Musikalische Nordlichter“ – Herbert Blomstedt dirigiert die Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker u. Herbert Blomstedt-10.6.21/Foto ©Monika Rittershaus

Musikalische Nordlichter – Herbert Blomstedt dirigiert Sibelius und Brahms

Die Wahl der beiden Stücke an diesem Abend ist eine ungewöhnliche – die selten zu erlebende Paarung zweier Sinfonien, die unterschiedlicher nicht sein könnten – Jean Sibelius melancholische vierte Sinfonie und Johannes Brahms überaus opulente, schöpfungsreiche dritte Sinfonie. Eine geglückte Wahl, denn so ließen sich in der direkten Aneinanderreihung nicht nur Ähnlichkeiten, sondern eine dramatische Übertragung auf die derzeitige Lage der Kulturlandschaft erkennen.   (Rezension des Konzerts v. 11. Juni 2021)

 

Während Sibelius an seiner vierten Sinfonie arbeitete, hatte er mit den Folgen einer Tumorerkrankung zu kämpfen. Es war eine Zeit der Entbehrungen und der Angst, der Tumor könnte zurückkommen. Möglicherweise war dies auch der Grund für seine Schaffenskrise, die ihm mit der 4. Sinfonie einen Richtungswechsel einschlagen ließ. Er wandte sich ab von seinem bisherigen Schaffen. Während die ersten beiden Sinfonien romantische Werke sind und die dritte geradezu klassisch ist, schuf er mit der vierten ein regelrecht avantgardistisches Werk.

Düster wabernd stiegen die Fagotte, Kontrabässe und Violoncelli aus der Stille des Konzertsaals auf. Tragisch, geradezu deprimierend eröffnete sich Sibelius‘ Sinfonie Nr. 4 in a-Moll, op. 63. Sie erklang wie eine karge, nebelverhangene Landschaft, dennoch nicht ohne dunkle Schönheit. Die dissonante Harmonik zeichnete eine tragische Grundstimmung, die besonders im ersten und dritten Satz richtungsweisend blieb.

Berl. Philharmoniker u. Herbert Blomstedt-10.6.21/Foto ©Monika Rittershaus

Der schwedisch-amerikanische Dirigent Herbert Blomstedt ist mit den Berliner Philharmonikern nun zum ersten Mal als Sibelius-Interpret zu erleben und ließ sich bei der Interpretation von Sibelius vierter Sinfonie alle Zeit der Welt. Ohne die Tempi zu sehr zu reduzieren, wurde seine Interpretation zu einer ausgedehnten Naturbetrachtung, bei der man wenig Mühe hatte, sich karge finnische Landschaften, weite Räume und eine meditative Waldeinsamkeit vorzustellen. Als Ergebnis dessen erklang ein ungeahnter Detailreichtum aus Sibelius Musik. Gekonnt setzte Blomstedt eine subtile Dramatik ein – mit minimalem Aufwand erzielte er eine maximale Wirkung bei der Kontrastierung der einzelnen Sätze, die er abwechselnd düster und dann wieder exzentrisch verspielt interpretierte und so einen sinfonischen Klangteppich ausbreitete.

Auf diesen nachdenklich stimmenden ersten Teil des Abends folgte mit Brahms dritter Sinfonie ein prachtvoller musikalischer Kontrapunkt. Im Gegensatz zu Sibelius nach innen gerichteter symphonischer Gefühlswelt wird bei Brahms alles nach außen getragen. Seine dritte Sinfonie besitzt bereits beim ersten Hören eine Sogwirkung. Nachdem die ersten Takte ein wenig zu stürmisch hervorbrachen, fasste sich das Orchester schnell und beeindruckte sogleich im gewohnten Zusammenspiel. Die feinfühlig zurückgezogenen Piani ließen die eruptiven Ausbrüche der Orchestertutti noch einnehmender erscheinen. Die schneidig-brillante Interpretation, oft mit dröhnendem Blech und Pauken, ließ auf eine opulente, aber dennoch moderne, von Dramatik strotzende Ausführung schließen.

Berliner Philharmoniker u. Herbert Blomstedt-10.6.21/Foto ©Monika Rittershaus

Nach dem 3. Satz, dem Intermezzo, bei dem sich die Philharmoniker zurücknahmen und einen Ruhepol schufen, warteten sie im letzten Satz mit umso schärferen, schneidigeren Akzenten auf. Ein Grande Finale, das seinem Namen gerecht wurde. Auch wenn im Zusammenhang mit dem 94-jährigen Blomstedt regelmäßig Worte wie „Vitalität“ und „Energie“ fallen, muss man diese dem Dirigenten durchaus beeindruckt attestieren.

Auch wenn sowohl Brahms als auch Sibelius bei ihren Sinfonien auf Programme verzichteten, ist die Wahl der beiden Werke in der Philharmonie dennoch programmatisch bezeichnend für die Konzertlandschaft der letzten und kommenden Monate. Es ist ein fast düster einleitendes Programm mit Sibelius‘ Vierter, dass sich aber schließlich in Brahms‘ Dritter zuversichtlich und überaus optimistisch, geradezu feierlich entlädt. Geradezu symbolisch für die letzten Monate, in denen die Konzert- und Theaterlandschaft brach lag, nun aber langsam wieder zum Leben erwacht. Auch wie an diesem Abend mit überragender Spielfreude und großer Zuversicht in die Zukunft blickend.

Berliner Philharmoniker / Herbert Blomstedt

Jean Sibelius – Symphonie Nr. 4 a-Moll op. 63

Johannes Brahms – Symphonie Nr. 3 F-Dur op. 90

 

  • Rezension von Alexandra Richter / Red. DAS OPERNMAGZIN
  • Berliner Philharmoniker
  • Titelfoto: Berliner Philharmoniker u. Herbert Blomstedt-10.6.21/Foto ©Monika Rittershaus

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