Mein lieber Herr Gesangsverein – „Die Meistersinger von Nürnberg“ bei den Bayreuther Festspielen

Bayreuther Festspiele 2025 / DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG/Ensemble und Chor der Bayreuther Festspiele/Foto © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Mit seiner Neuinszenierung von Die Meistersinger von Nürnberg bei den Bayreuther Festspielen 2025 tritt Matthias Davids in große Fußstapfen: Davon abgesehen, dass das Werk bis ins 21. Jahrhundert hinein strikt Familien- und Chefsache war, steht Davids auch vor der Herausforderung, Barrie Koskys meisterhafter Inszenierung von 2017 nachzufolgen. Die Aufgabe bewältigt Davids spielerisch leicht, mit einem Händchen für die Komödie und viel Inspiration aus dem echten Leben. (Rezension der Vorstellung v. 14. August 2025)

 

 

Manchmal imitiert die Kunst das Leben, manchmal auch das Leben die Kunst. Wenn im ersten Aufzug von Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ Fritz Kothner die Anwesenheitsliste durchgeht, fehlt einer: Niklas Vogel schweigt bekanntlich, ist krank. In Matthias Davids‘ Neuinszenierung darf die Figur Niklas Vogel zumindest kurz auftreten. Mit Maske steht er am Bühnenrand und macht eine entschuldigende Geste, ehe er von den Meistern und den Lehrbuben weggeschickt wird. Ein anderer schweigender Maskenträger sitzt nur ein paar Meter weiter und darf bleiben: In der Vorstellung am 14. August ist Georg Zeppenfeld, der Sachs dieser Inszenierung, angeschlagen und kann die Partie selbst nicht singen. Er spielt stumm, von der Seite singt Nicholas Brownlee. Wobei „von der Seite“ in Bayreuth ein dehnbarer Begriff ist: Brownlee steht – ob aus akustischen oder visuellen Gründen – gerade so mittig, dass er immer ein bisschen im Weg ist; in einer Szene wird sogar sein Notenpult umgestoßen. Brownlee ist übrigens nicht der einzige Einspringer, auch Matthias Stier als David und Werner van Mechelen als der Meistersinger Konrad Nachtigal fallen aus; für sie springen Ya-Chung Huang und Marek Reichert ein.

So viel zu den chaotischen Voraussetzungen, unter denen Die Meistersinger an diesem Abend gespielt wird. Dabei hat es Davids mit seiner Inszenierung ja schon schwer genug, steht der Musical-erprobte Regisseur doch vor der denkbar undankbaren Aufgabe, Barrie Kosky nachzufolgen, von dessen Meistersinger-Inszenierung Wagnerfans noch heute, acht Jahre nach der Premiere, schwärmen. Zur Erinnerung: Der australische Regisseur ließ im fernen 2017 zahlreiche Doubles von Richard Wagner und dessen Wegbegleiter:innen auftreten und zeichnete auf diese Weise und mit viel bissigem Humor aufs genaueste nach, wie viel Wagner und wie viel von dessen antisemitischem Weltbild in Die Meistersinger stecken. Auf einen so klaren Bezug zum Komponisten verzichtet Davids, von den politischen Implikationen der Meistersinger-Oper scheint er auf den ersten Blick die Finger zu lassen. Er macht alles ganz anders als sein Vorgänger und genau das ist die große Stärke der Inszenierung.

Im luftleeren Raum spielt Davids‘ Meistersinger-Deutung natürlich trotzdem nicht. Sie ist geprägt von liebevollen Referenzen an die Bayreuther Festspiele und deren Publikum. Die Fachwerkfassaden und Lampen im Bühnenbild von Andrew D. Edwards spiegeln die Architektur des Bayreuther Festspielhauses wider. Auch die berüchtigt unbequemen Sitze des Wagnertheaters und die dazugehörigen Sitzkissen sind auf der Bühne zu sehen. Und auf der Festwiese laufen wie selbstverständlich Doubles von Thomas Gottschalk und, natürlich, Wagnerfan und Alt-Bundeskanzlerin Angela Merkel umher. Vor allem aber nimmt Davids die ländliche, deutsche Festkultur aufs Korn. Zur Vorbereitung seiner Inszenierung ist er durch die Dorffeste Süddeutschlands und Österreich getingelt und zieht die Inspiration seiner Meistersinger-Inszenierung so direkt aus dem echten Leben. Das beginnt bei den an den Männerbund Schlaraffia angelehnten, aber auch an Faschingsroben erinnernden „Uniformen“ der Meister (Kostüm: Susanne Hubrich) und der herrlich spießigen Singschul-Deutung, bei der es natürlich ein Buffett samt Mettigel (von Beckmesser, ist eh klar) gibt, und endet bei den auf der Festwiese auftretenden königlichen Hoheiten, darunter die Apfelkönigin, die Brotkönigin, die Festspielkönigin und, für ihren Titel erstaunlich unauffällig, die Dramakönigin.

Neben der Festkultur setzt Davids vor allem auf eins: auf die handwerklich gut gemachte Komödie. Insbesondere im zweiten Aufzug gelingt ihm ein wahres Feuerwerk an Gags. Da ist zum Beispiel Magdalene, souverän dargestellt von Christa Mayer, die eigentlich Beckmessers Ständchen hören soll, sich aber, gelangweilt von der Grundsatzdiskussion auf der Straße, kurzerhand von einem Besenstiel vertreten lässt. Möchtegern-Rockstar Beckmesser ist das herzlich egal; er geht ganz in seiner Performance auf. Vielleicht weiß er auch, dass hier Komödie gespielt wird. Vermutlich wissen es alle, auch Walther, der zwischendurch Beckmessers Laute halten muss (und sich für diesen Auftritt galant und verwirrt gleichermaßen verbeugt) und Eva, die nebenbei in einer Bücherzelle nach einer neuen Bettlektüre sucht und sich gar nicht unauffällig hinter einem Buch versteckt. Der Aufzug gipfelt in der actionreichsten Prügelfuge seit Jahren, in der Matthias Davids Beckmesser und den eifersüchtigen Lehrbuben David zunächst ganz auffällig durch Stunt-Doubles ersetzt und danach eben diese Auffälligkeit parodiert, indem er Darsteller und Stuntdoubles gleichermaßen an einem Boxkampf teilnehmen lässt.

Alle von Davids‘ Regieideen gehen leider nicht auf, dafür sind es am Ende vielleicht doch zu viele. So fragt man sich auch nach der zweiten besuchten Vorstellung noch, warum denn ständig eine Gruppe von Straßenmusikanten durchs Bild läuft oder warum Festspielprominenzen wie Angela Merkel und Thomas Gottschalk auf der Festwiese jeweils doppelt in Erscheinung treten müssen. Auch die ans Musical angelehnten Choreografien von Simon Eichenberger wirken manchmal etwas hölzern, was weniger an den Tänzen an sich liegt, sondern daran, dass Opernsänger:innen, ob solistisch oder im Chor, nicht immer die stärksten Tänzer:innen sind. Gerade in der Schlussszene hätte Davids daher vielleicht eher auf natürliches Spiel als auf Choreografie mit Schlusspose setzen sollen. Trotzdem ist man viereinhalb Stunden lang blendend unterhalten, denn die Inszenierung hat alles, was eine gute Musik-Komödie braucht: Tempo, Witz, Biss – und hochmotiviert spielende Darstellende.

Bayreuther Festspiele 2025 / DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG/Georg Zeppenfeld, Christina Nilsson/Foto © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Insbesondere an diesem Abend ist an erster Stelle Georg Zeppenfeld als Hans Sachs zu nennen. Obwohl stumm und durch den Mundschutz in seinen Ausdrucksmöglichkeiten eingeschränkt, ist er hochmotiviert bei der Sache und verleiht seiner Figur durch pointierte Gesten und wohlüberlegte Bewegungen Individualität. Sein Sachs ist nachdenklich, weniger allwissend als andere Sänger die Figur vielleicht anlesen, aber dabei unglaublich verschmitzt. Dass er während Beckmessers Ständchen nicht nur auf Schuhen klopft, sondern spielerisch alle Möglichkeiten auskostet, Störgeräusche zu produzieren, wirkt bei ihm wie das natürlichste der Welt. Mit diesem nuancierten Spiel kann Nicholas Brownlee auf der Seite sängerisch nicht ganz mithalten, doch es sei ihm verziehen: Sein letzter geplanter Sachs ist schon eine Weile her, und auch für einen Bayreuth- und Sachs-erfahrenen Sänger dürfte ein so großer Einspringer mit reichlich Nervosität verbunden sein. Mit schönem, strahlendem Timbre und großer vokaler Präzision zeigt er in jedem Fall eine mehr als respektable Leistung.

Der wichtigste Spielpartner für Sachs ist in Davids‘ Inszenierung der Stadtschreiber Beckmesser – dadurch, dass eine Lesart der Figur als antisemitisch aufgeladen nur allzu leicht möglich ist, das ewige Sorgenkind einer jeden „unpolitischen“ Meistersinger-Inszenierung. Davids achtet sehr genau darauf, wie er mit Beckmesser umgeht, in keiner einzigen Szene verliert die Figur ihre Würde. Nicht in der Prügelei im zweiten Akt, die Davids fernab von Barrie Koskys Pogrom als chaotische Eifersuchts-Szene inszeniert, und auch nicht auf der Festwiese. Bei der Allgemeinheit mag Beckmesser sich keiner großen Beliebtheit erfreuen, aber er hat doch auf der Bühne immer seinen Fanclub – und lässt sich durch seine Niederlage im Preissingen auch nicht entmutigen. Anstatt zu verschwinden, diskutiert er bis zum letzten Ton noch mit Sachs über Walthers Liedtext: Er bleibt ein gleichwertiger Gesprächspartner. An der künstlerischen Begabung Beckmessers lassen Davids und Sänger Michael Nagy aber sowieso keinen Zweifel aufkommen, denn Nagy gestaltet die Partie durchweg stimmschön mit vollem Bariton und mit echter Dramatik, wie sie bei Beckmesser selten zu hören ist. Ein besonderes Highlight ist aber auch Nagys Pantomime in der Schusterstubenszene: Hier liefert er scheinbar mühelos echten, schwierigen Slapstick.

Auch die übrigen, bei Davids sehr individuell gestalteten Meister verdienen großes Lob, aus Platzgründen muss hier leider darauf verzichtet werden, sie alle einzeln zu nennen. Doch es sind diese Meister, welche die Singschulszene wie auch die Festwiese zu einem Erlebnis machen: Denn egal wo man während Fritz Kothners (souverän und nur so vor Spielfreude strotzend: Jordan Shanahan) Ausführungen zur Singkunst guckt, niemals sitzt irgendjemand nur herum. Alle Mitglieder dieses komisch-spießigen Gesangsvereins haben immer etwas zu tun, sind immer ganz in ihrer Rolle.

Bayreuther Festspiele 2025 / DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG/Michael Spyres/Foto © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

So liebevoll die einzelnen Meister gestaltet sind, was wäre Die Meistersinger ohne das große Liebespaar? Davids legt einen erfreulich großen Wert auf die Charakterisierung Evas: Sie hat bei ihm so gar keine Lust darauf, als Preis verschachert zu werden und kämpft mit beeindruckender Dickköpfigkeit gegen die Regeln der Meistersingerzunft und ihres Vater an. Am Ende drückt sie Pogner, dem Jongmin Park mit wuchtigem Bass die nötige Autorität verleiht, Walthers Meisterpreis in die Hand und marschiert mit ihrem Liebhaber von der Bühne. Mit ihrem lieblichen, und doch ordentlich dramatischem Sopran hat die Schwedin Christina Nilsson genau die richtige Stimme für diese Charakterisierung der Eva. Michael Spyres debütiert an ihrer Seite als Walther von Stolzing. Der Baritenor hat sich bei der fünften Vorstellung bereits hervorragend in der Partie eingefunden und hat in Bezug auf Phrasierung, aber auch auf das Schauspiel, viele gute und neue Ideen. Dazu imponiert er mit seinem gewaltigen Stimmumfang und -volumen.

Einer scheint das Konzept der Inszenierung allerdings nicht ganz mittragen zu wollen und das ist Dirigent Daniele Gatti. Er dirigiert Die Meistersinger wunderschön und wahrlich tristanesque, arbeitet dabei mit großen Bögen und ungewöhnlichen Tempi, die zum neu Hinhören einladen. Immer wieder liefert er dabei musikalische Höhepunkte, so wie das intensiv wogende Vorspiel zum dritten Akt, doch will sein Ansatz nicht ganz zu Davids‘ turbulenter Inszenierung passen. Insgesamt hapert es bei der Kommunikation zwischen Graben und Bühne, nicht alle kommen bei Gattis abrupten Tempowechseln mit. Zu kämpfen hat der von Thomas Eitler-de Lint einstudierte Chor, aber auch der als David kurzfristig eingesprungene Ya-Chung Huang scheint von Gatti nicht ausreichend geführt zu werden. Huang, der sängerisch an sich eine hervorragende Leistung zeigt, macht das Beste daraus, indem die kleinen Ungereimtheiten kurzerhand in sein Schauspiel einbindet. Die Lacher und den Jubel des Publikums hat er so ganz auf seiner Seite.

Bayreuther Festspiele 2025 / DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG/Ensemble und Chor der Bayreuther Festspiele/Foto © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Am Ende gibt es langen Jubel für alle Beteiligten. Diese Inszenierung, diese Aufführung, scheint für viele ein neues Festspielhighlight zu sein. Eine grundsätzliche Frage stellt sich trotzdem: Ist das alles nicht zu albern, viel zu seicht für die Bayreuther Festspiele? Das Haus, das mit den Ring-Inszenierungen von Patrice Chéreau und Frank Castorf, Tobias Kratzers Tannhäuser und ja, auch mit Koskys Meistersinger-Inszenierung so oft wegweisendes zur Wagner-Interpretation beigesteuert hat? Die Antwort auf diese Frage ist kurz: Nein. Erstens darf Theater, darf Die Meistersinger auch einfach mal Spaß machen. Gerade weil das Werk doch von Anfang an als komische Oper konzipiert war. Zweitens ist Davids‘ Inszenierung nicht seicht oder unpolitisch, sondern eine wohlüberlegte Antwort auf seine beiden Vorgängerinszenierungen, in denen Die Meistersinger mit allen, nicht zu leugnenden Problemen ganz genau auseinandergenommen worden ist. Da gab es ja nicht nur Koskys meisterhafter Antisemitismus- und Biografie-Studie. Zehn Jahre zuvor war Festspielchefin Katharina Wagner ein grandioser Kommentar auf die Rezeptionsgewohnheiten des Publikums auf und um den Grünen Hügel herum gelungen, garniert mit klaren Verweisen auf die Vereinnahmung des Stücks durch die Nationalsozialisten.

Sicherlich haben Katharina Wagner und Barrie Kosky nicht alles abgedeckt, was an politischen oder gesellschaftlichen Themen aus Die Meistersinger herauszuholen ist. Man hätte auch nach Kosky etwas anderes als Davids‘ grandios gemachte Komödie zeigen können. Und doch ist es nur richtig, wenn in Davids‘ Inszenierung Beckmesser auf der Bühne jeder Diskussion wortwörtlich den Stecker zieht. Nach zwei meisterhaften Analysen lenkt die Neuinszenierung von Die Meistersinger die Aufmerksamkeit des Publikums zurück zum Kern der Oper. Mit genauer Textkenntnis und großem Interesse an den Figuren zeigt Davids Die Meistersinger, die Meister, Walther und Eva wie sie sind und ebnet so den Weg für ganz neue, unvoreingenommene Auseinandersetzungen mit dem Werk und all seinen Problematiken. Katharina Wagner hat den richtigen Regisseur ausgewählt um die Rezeption von Die Meistersinger von Nürnberg auf dem Grünen Hügel voranzubringen.

 

  • Rezension von Adele Bernhard / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bayreuther Festspiele 2025 / Stückeseite
  • Titelfoto: Bayreuther Festspiele 2025 / DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG/Chor der Bayreuther Festspiele/Foto © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
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3 Gedanken zu „Mein lieber Herr Gesangsverein – „Die Meistersinger von Nürnberg“ bei den Bayreuther Festspielen&8220;

  1. Ich habe die Meistersinger „leider“ nur im Fernsehen angehört, ich war begeistert. Auch die Inszenierung von 2017 kenne ich…die war auch sehr gut.

  2. Chapeau !
    Das ist die kenntnisreichste und umfassendste Rezension dieser Aufführung – in ihrem Niveau dem Rang der Inszenierung vollkommen angemessen !
    Die Frau kann genauer zuschauen als zu viele ihrer Kollegen, sie hat offensichtlich auch Vergleichsmöglichkeiten mit den letzten Bayreuther Produktionen.
    Ich würde mich freuen, weitere Rezensionen aus ihrer Feder zu lesen.
    Und mit noch größerem Vergnügen kann ich mir jetzt die Aufzeichnung wieder und wieder anschauen 😉

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