
Das jährliche Eröffnungskonzert des Lucerne Festival ist neben einem gesellschaftlichen Höhepunkt immer wieder auch ein musikalisches Highlight. Das Lucerne Festival Orchestra ist in seiner Zusammensetzung einmalig, vereint es doch die ersten Solisten/innen aus führenden Orchestern und Kammermusikensembles zu einem Klangkörper aller erster Güte. 2003 von Claudio Abbado und Intendant Michael Haefliger ins Leben gerufen, ziehen diese Konzerte Musikfreunde aus aller Welt an. (Rezension des Konzerts v. 15. August 2025)
Es muss auch für Michael Haefliger, welcher nach 26 Jahren nun die Intendanz an seinen Nachfolger Sebastian Nordmann übergibt, eine große Genugtuung sein, dass sich das Lucerne Festival immer weiter zu einem der wichtigsten Festivals im klassischen Bereich entwickelt hat.
Nach einer kurzen Performance der diesjährigen „artiste étoile“ Winnie Huang, welche im Laufe des ganzen Festivals mit einer Vielzahl von Aufführungen zu erleben sein wird und der Begrüßung durch Michael Haefliger und dem Stiftungsratspräsident Markus Hongler folgte die Grußbotschaft der Landesregierung durch Bundesrat Albert Rösti. Bezugnehmend auf die zur Aufführung gelangenden Werke und dem FestivalMotto „ OPEN END“ kam er in seiner Rede auf den Begriff „unvollendet“ zu sprechen und verband diesen mit der Arbeit des Bundesrats, welche auch nie vollendet sein wird. Nebst einem Rückblick auf die Geschichte des Festivals bedankte er sich beim Intendanten für die große geleistete Arbeit, was mit einem starken Applaus des Publikums bestätigt wurde.
Vor hundert Jahren wurde Pierre Boulez geboren. Er war viele Jahre mit dem Festival eng verbunden. 2004 begründete er die Lucerne Festival Academy, die Meisterschule für Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, welche er bis 2015 leitete. Als Hommage an ihn wurde an diesem Abend seine „Mémoriale“ (…explosante-fixe..Originel) für Flöte und acht Instrumente gespielt. Solisten des Lucerne Festival Orchestra und Jacques Zoon, Flöte, ließen die besondere Stimmung dieser Komposition mit feinster Gestaltung unter der Leitung von Riccardo Chailly erklingen.
Die fünf berühmten „Rückert-Lieder“ von Gustav Mahler, welche der Komponist allerdings nicht als Zyklus komponiert hat, strahlen jedes einzelne für sich eine ganz eigene Stimmung aus. Die Lieder „Blicke mir nicht in die Lieder“, „Ich atmet‘ einen linden Duft“, „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ und „Um Mitternacht“ entstanden im Sommer 1901. Das fünfte Lied „Liebst Du um Schönheit“ schenkte er 1902 seiner Alma. Es wurde jedoch nicht von ihm orchestriert, sondern von Max Puttmann, der für Mahlers Verlag, C.F. Kahnt in Leipzig arbeitete.

Mit der Mezzosopranistin Elina Garanča hatte man eine Solistin gewonnen, welche mit ihrer wunderbar geführten Stimme und ihrer vornehmen Gestaltung dieser Lieder eine optimale Besetzung war. Es war deutlich erkennbar, wie innig die Sängerin die Texte miterlebte. Der Zyklus wurde unter dem feinfühligen Dirigat von Riccardo Chailly zu einem Hörgenuss.
Nach der Pause erklang das Hauptwerk des Abends. Die Sinfonie Nr. 10 von Gustav Mahler. Diese Sinfonie hat eine interessante Geschichte.
Im Juli 1910 begann Mahler mit dieser, seiner letzten Sinfonie, zu der Zeit, als er von der Affäre seine Frau Alma mit Walter Gropius erfahren hatte. In diversen Randnotizen in den Partiturskizzen kann man seine großen Emotionen erkennen. Bereits Anfang September ließ er die Arbeit an diesem Werk ruhen. Es gab nur noch einige Instrumentenangaben im Particell. Als Mahler im Mai 1911 starb, war diese Sinfonie noch lange nicht vollendet. Ernst Krenek, Komponist und Almas Schwiegersohn erarbeitete 1924 eine Version des „Adagio“ und des „Purgatorio“. Er war überzeugt, dass man die übrigen Sätze nicht vollenden kann. Viele Jahre Später 1964 machte sich der britische Musikwissenschaftler Deryck Cooke an eine Ergänzung, welche er im selben Jahr in einer ersten Version präsentierte. Bis 1975 wurde diese noch zweimal revidiert.
Was man mit dem Lucerne Festival Orchestra in diesem Konzert erleben durfte, war eine Sternstunde der Musik und ließ im wunderbaren weißen Saal des KKL eine geradezu magische Stimmung aufkommen. Da stimmte einfach alles! Riccardo Chailly führte das Lucerne Festival Orchestra mit viel Feingefühl und Emotion und erreichte ein sensationelles Zusammenspiel der Musiker, sodass einen diese 80 Minuten wie im Fluge vorbeigegangen zu sein erschienen. Man fühlte sich von dieser Musik voll in den Bann gezogen. Einmal mehr faszinierte die ausserordentliche Virtuosität dieses Orchesters. Nachdem die letzten Takte erklungen waren, herrschte im Saal für einen Moment ergriffene Stille, bis dann der tosende Applaus des begeisterten Publikums keine Grenzen mehr kannte.
- Rezension von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN-CH
- Lucerne Festival
- Titelfoto: Lucern Festival-Eröffnungskonzert/Elina Garanča/Foto © Manuela Jans/Lucerne Festival