Maifestspiele Wiesbaden: Großartiger Auftakt mit Mozarts „Idomeneo“

Maifestspiele Wiesbaden / Idomeneo/ Foto @ Karl_Monika Forster

Intendant Uwe Eric Laufenberg weiß, worauf es ankommt: Man muss dem Festspielpublikum Stars bieten und eine Mischung von Reißern und Raritäten.

Er eröffnet diesmal mit einer Doppel-Premiere von Mozarts Königsopern „Idomeneo“ und „La Clemenza di Tito“ mit dem herausragenden Mirko Roschkowski in beiden Titelrollen, die er selbst mit dem Mozart-Experten Konrad Junghänel als Dirigent neu inszeniert.(Rezension der Vorstellung v. 30.4.2019)

 

»Idomeneo« schildert die Geschichte des Kriegsheimkehrers Idomeneo (Mirko Roschkowski), König von Kreta, der in Seenot Neptun bzw. Poseidon, dem Gott des Meeres, gelobt, den ersten Menschen zu opfern, dem er bei seiner Rückkehr begegnet, und das ist ausgerechnet sein Sohn Idamante, hier in der Tradition der Barockoper mit dem Countertenor Kangmin Justin Kim besetzt. Kim ist der Überraschungsstar des Abends, denn er meistert die in Sopranhöhe gehende Partie mit Bravour und sieht auch noch sehr gut aus. Er kann es sich leisten, mit nacktem Oberkörper als Opfer auf dem Altar zu liegen.

Ein großes Lob gebührt dem Chor der Hessischen Staatsoper, der unter der Leitung von Albert Horne Geflüchtete und Gestrandete in Wolldecken gehüllt verkörpert und die dramatische Wucht der Elemente und der Kriegswirren darstellt.

Die Kostüme (Marianne Glittenberg) sind zeitlos stilisiert und stellen die soziale Position der Personen dar. Kleiner Gag, wenn Netta Or, die die etwas hysterische Elektra darstellt, im Lauf ihrer Eifersuchts-Arie im 1. Akt ihren wunderschönen Busen enthüllt.

Sie hat am Schluss, nachdem Ilia und Idamante ihr Glück gefunden haben, ihre große Wahnsinnsarie und beeindruckt mit dramatischer Verve. Ganz die große Diva!

Das Bühnenbild von Ralf Glittenberg gibt den Blick auf das Meer frei, das in Videoprojektion mal ruhig und mal wild bewegt dargestellt wird.

Idomeneo als absoluter Monarch gelobt dem Meergott Neptun, die erste Person, die ihm an Land begegnet, zu opfern als Dank dafür, dass er selbst überlebt. Diese Höherwertung des eigenen Lebens gegenüber einem anderen ist das zentrale Problem dieser Oper. Idomeneo singt zwar „Ungerechte Götter, schreckliche Opferung!“, aber er selbst hat sein Leben durch das Gelübde erkauft.

Maifestspiele Wiesbaden / Idomeneo/ Netta Or/ Foto @ Karl_Monika Forster

Ein tragischer Konflikt, der zu großer Spannung führt, zumal Ilia (Slávka Zámečníková), Tochter des Königs von Troja, und Elektra (Netta Or), Tochter des Königs von Argos, wegen ihrer Liebe zu Idamante besonders heftig reagieren.

Mozarts große Choroper ist eine Studie über eine auseinandergeborstene Weltordnung, in der Naturgewalten und Kriege unter großen Entbehrungen überstanden werden müssen.

Der Star ist natürlich Mirko Roschkowski als Idomeneo, der die endlosen Koloraturen der Partie souverän meistert und auch schauspielerisch die Gefühle des absoluten Monarchen, der sich mit seinem Gelübde selbst in die tragische Situation gebracht hat, seinen geliebten Sohn opfern zu müssen, deutlich macht. Dieser König macht eine charakterliche Entwicklung durch und verzichtet bereitwillig auf seinen Thron zu Gunsten seines Sohnes.

Uwe Eric Laufenberg findet für diesen Konflikt starke Bilder. Wenn Idamante sich wie ein Opferlamm auf den Altar legt, umstanden von Priestern, und Idomeneo das Messer hebt, um ihn zu opfern, gefriert das Blut in den Adern.

Wiesbaden/Idomeneo/ Foto Karl + Monika Forster

Noch suggestiver ist das Bild, in dem Idomeneo ein totes Kind auf die Bühne trägt  und die Notwendigkeit des Opfers beklagt. Der Oberpriester (Rouwen Huther) ist da unerbittlich und lässt ihm keinen Ausweg.

Aber Ilia verkörpert mit ihrem wunderbaren lyrischen Sopran die liebende Frau und will sich selbst an Stelle des Idamante opfern – da kommt endlich, mitten im Opferungsritual aus dem Off das Orakel, das Idomeneo entlastet und ihm auferlegt, die Herrschaft in die Hände seines Sohnes zu legen. Das Orakel wird von Young Doo Park mit mächtiger, elektronisch verstärkter Bassstimme gesungen.

Konrad Junghänel dirigiert mit Sinn für spätbarocke Aufführungspraxis das Hessische Staatsorchester; Tim Hawken am Hammerklavier begleitet einfühlsam die Rezitative.

Das Werk des jungen Mozart von 1781 in der Urfassung mit einem Countertenor in der Kastratenrolle zu bringen ist allerdings nicht ganz unproblematisch. Mozart hat selbst 1786 eine Version mit Idamante als Tenor komponiert, die normalerweise gespielt wird.

Die Ensembles werden zu sopranlastig, auch wenn wunderbar stilsicher gesungen wird. Gerade die Vorgeschichte der Liebe Idamantes und Ilias, mit der Laufenberg beginnt, wirkt ermüdend. Der Herr neben mir fiel in tiefen Schlaf und wurde erst wieder wach, als unter großem Choreinsatz die dramatische Rettung besungen wurde. Ich habe bisher nur Inszenierungen erlebt, die mit Idomeneos Rettung aus der Seenot begannen.

Das Werk steht noch in der Tradition der Opern Händels, ist aber wegen seiner dramatischen Chorszenen und des zentralen Konflikts heute noch relevant. Während in der literarischen Vorlage („Abenteuer des Telemach“ von Francois de Salignac de la Mothe-Fénelon, (1651-1715)) der König einen Sohn tatsächlich opfert und sich dem Volkszorn nur durch Flucht entziehen kann, finden Mozart und sein Librettist Varesco die bessere Lösung: Als Ilia sich bereit erklärt, sich selbst aus Liebe für Idamente zu opfern, spricht das Orakel als „Deus ex Machina“. Typisches „Lieto fine“, das zur Barockoper gehört, aber ganz im Sinne des aufgeklärten Humanisten Mozart!

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer /Red. DAS OPERNMAGAZIN
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  • Titelfoto: Maifestspiele Wiesbaden / Idomeneo/ Mirko RoschkowskiFoto @ Karl_Monika Forster

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