Opernhaus Zürich: „IL TURCO IN ITALIA“ – ANDERE LÄNDER, ANDERE SITTEN!

Opernhaus Zürich / Il turco in Italia / Foto @ Hans-Joerg Michel

Oper in zwei Akten von Gioachino Rossini

Libretto von Felice Romani

Opernhaus Zürich

Premiere 28. April 2019 (Besuchte Vorstellung)

Gioachino Rossini wurde eingeladen eine neue Oper für die Mailänder Scala zu schreiben, um die Saison 1814 zu eröffnen. Kurz zuvor hatte bereits seine Oper «Aureliano in Palmira» in Mailand Premiere und wurde vom Publikum nur mäßig akzeptiert. 

 

Unter Zeitdruck schrieb der damals erst 22-jährige Rossini dann «Il turco in Italia» und musste auch Stücke einbauen, welche nicht aus seiner Feder stammen. Als dann am 14. August 1814 die Premiere in Mailand stattfand, wurde diese Oper von Teilen des Publikums als Kopie seiner Oper «Italiana in Algeri» (1813) angesehen und war kein Erfolg. In der Folge wurde die Oper dennoch an verschiedenen Theatern in Italien aufgeführt. Die erste Vorstellung in deutscher Sprache fand fast auf den Tag genau vor 200 Jahren am 23. April 1819 in Stuttgart statt. Danach war die Oper lange Zeit von den Spielplänen verschwunden und wurde erst wieder 1950 mit Maria Callas in Rom aufgeführt.

Die Handlung dieser Opera buffa ist – wie bei Rossinis Werken oft – von vielen Details gespickt und führt uns auch heute noch die menschlichen Regungen in allen Facetten vor.

Der türkische Fürst Selim will in Neapel das Leben in Italien kennenlernen und verliebt sich dabei in Donna Fiorilla, welche jedoch bereits mit Don Geronio verheiratet ist. Don Narciso ist ebenfalls in Fiorilla verliebt, wird von Ihr aber nicht wie gewünscht beachtet. Prosdocimo, ein Dichter, sucht nach einem Stoff für sein neues Werk und wird unerwartet in seiner nächsten Umgebung fündig. Zaida, eine Zigeunerin, welche eine frühere Geliebte des Selim war, mischt ebenfalls die Karten auf. Dies führt zu Verwirrungen unter Ehemännern und heimlichen Geliebten. Schwindeleien, Maskeraden und Verwechslungen, Treueschwüre und Bekenntnisse wechseln sich ab und führen nach grosser Aufregung zu einem guten Ende.

Opernhaus Zürich / Il turco in Italia / Foto @ Hans-Joerg Michel

JAN PHILIPP GLOGER ist mit seiner Inszenierung das große Kunststück gelungen, die Handlung perfekt in unsere Zeit zu verlegen. Das grossartige Bühnenbild von BEN BAUR, die Lichtgestaltung von MARTIN GEBHARDT, die Kostüme von KARIN JUD und das Video-Design von SAMI BILL bilden ein kongeniales Ganzes, welches den Zuschauer überrascht und ihn während der ganzen Aufführung hindurch in Bann hält.

Die Drehbühne bietet Raum für drei Wohnungen und einen Hauseingang mit angeschlossener Waschküche, wo der normale Alltag, wie in tausenden gewöhnlichen Wohnhäusern abläuft. Man staunt über die unglaublich detailreiche Arbeit von JAN PHILIPPE GLOGER. Besonders in den Szenen, wo sich die Situation zuspitzt und Streit, Eifersucht und das Werben um die Gunst des Anderen ihren Höhepunkt erreicht, ist die aufwändige Probenarbeit richtig spürbar.

Manch einer kann diese Situationen aus eigener Erfahrung bestens nachvollziehen. Das alles wirkt trotz des 200 Jahre alten Librettos in dieser Umsetzung total aktuell. Obwohl man sehr oft lachen kann und die Begegnung der verschiedenen Mentalitäten schmunzelnd beobachtet, wirken diese Szenen nicht aufgesetzt, sondern widerspiegeln in unserer Gesellschaft täglich auftretende Situationen. Dies wird unterstrichen, durch die Kostüme, welche als solche gar nicht wahrgenommen werden, da sie unserer heutigen Alltagskleidung entsprechen.

Besonders die Figur des nach einem neuen Stück suchenden Dichters wird in dieser Inszenierung mittels der ihn stets begleitenden Kamera und seiner immer wiederkehrenden Einmischung in das Geschehen virtuos umgesetzt. Es würde zu weit führen, hier die unglaubliche Ideenvielfalt zu beschreiben. Dazu sollte man sich die Aufführung selbst ansehen.

Der nach Abenteuern Ausschau haltende Türke Selim, wird von NAHUEL DI PIERRO gesungen. Er wirkt mit seinem flexiblen Bass und seiner perfekten Interpretation derart glaubhaft, dass man keinen Moment an seinen Absichten zweifelt.

Opernhaus Zürich / Il turco in Italia / Foto @ Hans-Joerg Michel

JULIE FUCHS als Donna Fiorilla, debütierte in dieser Rolle. Was für eine herrliche Stimme. Man erlebte eine selbstbewusste, aber auch gefühlsvolle Künstlerin, welche mit Spielfreude und vollem Einsatz diese schwierige Partie aufs beste interpretierte.

Der gehörnte Ehemann Don Geronio, wurde von RENATO GIROLAMI gesungen und wenn ein so erfahrener Sänger, der auf allen großen Bühnen gearbeitet hat, sein ganzes Talent ausspielt, ist ihm der begeisterte Zuspruch des Publikums gewiss.

Die Rolle des Don Narciso wurde vom sehr gefragten Tenor EDGARDO ROCHA mit sehr viel Glanz und herrlichen Höhen gesungen. In der Rolle des Hausmeisters, welche er in dieser Inszenierung spielt, kann er sein Sehnen und Flehen, seine Wut und seine Liebe mit seiner schönen Stimme zum Ausdruck bringen.

Der Dichter Prosdocimo spielt hier eigentlich den Strippenzieher. Wegen seiner Angst, keinen Stoff für ein neues Stück zu finden, begibt er sich mit Kamera ausgerüstet auf seine am Ende erfolgreiche Tour. Wie PIETRO SPAGNOLI diese Rolle mit seinem starken Bariton ausfüllt ist ebenfalls sehr eindrücklich und hervorragend gespielt.

Dem Publikum bestens bekannt ist die temperamentvolle REBECA OLVERA. In der Rolle als Zaida konnte sie mit ihrer bestens disponierten Stimme zugleich auch Ihre Spielfreude ausleben. Immer wieder eine schöne Begegnung dieser sympathischen Künstlerin.

Opernhaus Zürich / Il turco in Italia / Foto @ Hans-Joerg Michel

NATHAN HALLER als Albazar, meisterte diese Partie vorbildlich.

Man kann diesem Sängerensemble nur die größte Referenz erweisen und für diese herausragende Leistung gratulieren.

Doch was wären Rossinis Opern ohne einen erfahrenen, energievollen und großen Kenner am Pult? Maestro ENRIQUE MAZZOLA ist dieser Spezialist und man kann sich glücklich schätzen, für diese Produktion solch einen Kenner der Materie gewonnen zu haben. Mit der PHILHARMONIA ZÜRICH wurden alle Facetten dieser hinreißenden Musik ausgeleuchtet, was sich auch auf die Sänger übertrug und so wurde dieses glanzvolle Resultat erzielt.

Die Begleitung am Hammerklavier durch ANNA HAUNER war äußerst differenziert.

Der ZUSATZCHOR DES OPERNHAUSES und der STATISTENVEREIN AM OPERNHAUS ZÜRICH ergänzten dieses phantastische Ensemble. Nicht verpassen!

 

  • Rezension der Premiere von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN/CH.
  • Weitere Termine, Infos und Kartenvorverkauf unter DIESEM LINK
  • Titelfoto (und alle weiteren) Opernhaus Zürich / Il turco in Italia / Foto @ Hans-Joerg Michel

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