Leipzig: „TRISTAN UND ISOLDE“ – zutiefst bewegend

Oper Leipzig/TRISTAN UND ISOLDE/Meagan Miller (Isolde), Daniel Kirch (Tristan)/Foto ©Tom Schulze

„Langsam und schmachtend“ schrieb Richard Wagner über die Einleitung zu TRISTAN UND ISOLDE in seine Partitur – und genau so klang dieses berückende Vorspiel mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter der Leitung des Intendanten und Generalmusikdirektors der Oper Leipzig, Ulf Schirmer. Diese ausgeprägte Langsamkeit ermöglichte es den Zuhörer*innen behutsam einzutauchen in den so speziellen Klangkosmos dieses Werks, mit dem zentralen Motiv des berühmt berüchtigten Tristan Akkords (F-H-Dis-Gis). Es war  – um mit den Worten Isoldes zu sprechen – ein Ertrinken, Versinken, das zu höchster Lust führte. Denn das Gewandhausorchester Leipzig und Ulf Schirmer legten einen unglaublich differenzierten Klangteppich aus, mit großen, atmenden Bögen, fein ziselierten Details, intensiv im Klangerlebnis, aber nie übertrieben in der Lautstärke, so dass jedes Crescendo oder Diminuendo seine Wirkung voll entfalten konnte. (Rezension der Premiere vom 5.10.2019)

 

Klugerweise wurde dieses Eintauchen in diese überirdisch schöne Musik ohne ablenkende „Illustration“ auf der Bühne ermöglicht, lediglich ein Rahmen leuchtete um die große schwarze Fläche des Gazevorhangs. So konnte man sich ganz ungestört den exzellenten Klangqualitäten diese Orchesters widmen, den wunderbar fein und filigran intonierenden Streichern lauschen, dem präzisen Holz sein Ohr widmen, sich an dem sauberen und kontrollierten Klang des Blechs erfreuen. Besonders hervorzuheben das wunderbar präzise angegangene Vorspiel zum letzten Aufzug, wo sich aus dem Gegrummel der tiefen Streicher die Hörner so wundervoll abheben, bevor sich die Violinen in höchste Lagen aufschwingen. Die Musikerin mit dem Englischhorn, welche die tieftraurige Melodie aus Tristans Jugend spielt, taucht auf der Bühne auf, versinkt quasi mit Tistan in einen inneren Dialog. Gundel Jannemann-Fischer spielt diese Solostellen mit berührender Ausdruckskraft. Einen Soloapplaus bekam am Ende auch Gábor Richter, welcher auf der eigens für diese Aufführung angefertigten Holztrompete die Ankunft Isoldes so freudvoll eingeleitet hatte.

Oper Leipzig/TRISTAN UND ISOLDE/Herrenchor der Oper Leipzig/Foto ©Tom Schulze

Und erfreuen konnte man sich dann auch an der Inszenierung und dem Bühnenbild, sobald das Licht auf der Bühne nach der Einleitung langsam anging. Der Intendant des Schauspiel Leipzig, Enrico Lübbe, hat zusammen mit seinem Team eine großartige Inszenierung dieser nicht ganz einfach zu realisierenden Oper geschaffen, eine Inszenierung, welche mir persönlich unendlich viel für das Verständnis des Werks gegeben hat (nach geschätzten 20 verschiedenen Live-Inszenierungen, die ich gesehen habe). Dazu hat Étienne Pluss dem Regisseur ein verwinkeltes, vertracktes Bühnenbild auf die Drehbühne gebaut, das inspiriert war von einem Schiffsfriedhof.

Diese Bühne mit Elementen aus schrägen Flächen, Resten von Schiffsrümpfen, Kapitänskajüten und freien Räumen war von großer Suggestionskraft. Dank des stimmig eingesetzten Lichtdesigns von Olaf Freese und den dezent und beklemmend gesetzten Video-Clips des Teams von fettFilm entstand ein konzentrierter Gesamteindruck, welcher sowohl den realeren aus auch den transzendentaleren Aspekten der Oper gerecht wurde. Dabei treten Tristan und Isolde immer mal wieder aus dem Leuchtrahmen heraus, heraus aus ihrer Umgebung, in eine andere Sphäre – und gleichzeitig sind sie in ihrer unzerstörbaren Liebe auch näher bei uns. So am Ende des ersten Aktes, nach der Einnahme des Liebestrankes, wo sie quasi zum fiebrigen Liebesrausch des Orchesters bereits in ihre eigene Welt abdriften, oder im zweiten Akt, wo sie zu O sink hernieder Nacht der Liebe je rechts und links am Bühnenrand stehen, die Bühne dunkel bleibt, alle Konzentration auf die Todessehnsucht der beiden gerichtet ist. Später treten dann auch noch Doubles von Tristan und Isolde auf, es gibt Verschmelzungen und Unklarheiten, genau wie im Text Wagners. Auch sieht Tristan im dritten Akt in seinem Fieberwahn gleich mehrere Isolden auf Kareol ankommen, der Wahnsinnige, der die Realität vor allen anderen erkennt. Sehr positiv aufgefallen ist die genaue Personenführung und Charakterisierung der Protagonisten in den realeren, kammerspielartigen Szenen durch Enrico Lübbe und Co-Regisseur Torsten Buß. Zum Beispiel die tödlichen, hasserfüllten Blicke, welche sich Melot und Brangäne zuwerfen zu Beginn des zweiten Aktes oder wie textgenau das Wüten Kurwenals gegen Ende des dritten Aktes ausgeführt wird, wo er alle Ankommenden des zweiten Schiffs gnadenlos abschlachtet, was zwar in der Handlung so extrem nicht vorgesehen ist, aber perfekt zu Markes Worten „Halte, Rasender! Bist du von Sinnen? – Tot denn alles, alles tot“ passt.

Das Glück vollkommen machten natürlich die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne, von den kraftvoll und markant intonierenden Herren des Chors der Oper Leipzig, über den kurzfristigen Einspringer für den Kurwenal bis zu den beiden Rollendebütanten für Isolde und König Marke. 

Daniel Kirch sang einen zutiefst beeindruckenden, überaus stimmschönen Tristan, kontrolliert, nie forcierend, mit klarer, unverwaschener Diktion und klar konturierter Abmischung der Dynamik. Seiner Stimme kam sicher das einfühlsame Dirigat Schirmers entgegen, und selbst wenn Kirchs Stimme mal von einem Aufbäumen des Orchesters leicht zugedeckt wurde, geriet er nicht in Versuchung zu viel Druck auf seine Stimme auszuüben. Die Zukunft wird es ihm danken!

Oper Leipzig/TRISTAN UND ISOLDE/ Barbara Kozelj (Brangäne), Meagan Miller (Isolde)/ Foto ©Tom Schulze

Als Isolde debütierte Meagan Miller. Insbesondere der erste Akt geriet ihr mit herausragender, ja geradezu leuchtender Klarheit in Stimmführung, Durchdringung des Textes und kraftvollen, wunderschön abgerundeten Höhen. Auch im zweiten Akt erzeugte sie oft Gänsehaut, z.B. mit der so herrlich aufblühenden Phrase „dass hell sie dorten leuchte“ und natürlich im Liebes-Todesrausch Zwiegesang mit Tristan, unterbrochen von den warnenden, gehaltvoll intonierten Rufen der Brangäne von Barbara Kozelj.

Barbara Kozelj begeisterte rundweg mit ihrer vokalen Interpretation dieser wichtigen Rolle. Ihre Stimme ist eher hell gefärbt, derjenigen der Isolde im Timbre sehr ähnlich. Sie verfügt über ein beeindruckendes Volumen und beglückte (wie eigentlich alle Protagonisten) mit ihrer klaren Diktion und subtiler Phrasierung.

Einen großen Erfolg konnte der stimmgewaltige Bass Sebastian Pilgrim für sein Rollendebüt als König Marke verbuchen. Mit beklemmender Stimmgewalt schmetterte er seine Fragen an Tristan und seine Enttäuschung über ihn in seinem langen Monolog im zweiten Akt heraus, dabei aber sehr wohl dynamisch-inhaltlich fein abgestuft. Wunderbar und imponierend!!! Klug bedacht auch von der Regie, dass er den Verräter Melot von sich stößt und stattdessen den treuen Kurwenal umarmt.

Dieser wurde von Jukka Rasilainen kurzfristig übernommen. Der weltweit gefeierte Bassbariton sang im ersten Akt einen rabaukig-kernig klingenden Freund und Begleiter Tristans, im dritten Aufzug erschien er dann weicher, fürsorglicher, bevor er wie erwähnt mörderisch zu rasen begann.

Perfekt besetzt waren der Melot mit Matthias Stier, der wunderschön das „Frisch weht der Wind“ intonierende Franz Xaver Schlecht als junger Seemann, der Hirt von Martin Petzold und Alvaro Zambrano ließ gegen Ende der Oper mit seinem kurzen Einwurf als Steuermann aufhorchen!

Oper Leipzig/TRISTAN UND ISOLDE/Meagan Miller (Isolde), Daniel Kirch (Tristan)/Foto ©Tom Schulze

Am Ende dann singt Isolde ihr Mild und leise, wie er lächelt, das Licht erlischt dazu, auch sie tritt nun über die Schwelle des Lichtrahmens, wo Tristan ihrer harrt. Heller schallend singt sie sich rauschhaft in den Liebestod und gemeinsam schreiten die beiden in ein warm orangerot leuchtendes Abendlicht. Kitschig – kann sein, macht aber nichts, denn es ist gerade zusammen mit dieser Musik unglaublich berührend.

Man hätte gerne noch etwas in Stille verharrt, doch schnell brandete der begeisterte Applaus des Premierenpublikums auf, der in eine standing ovation mündete. Verdient!

Fazit: Eine Oper, die in dieser Ausführung zutiefst bewegt und musikalisch begeistert! Nicht verpassen!

 

 

 

 

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