Kammermusikalischer Mahler mit Klaus Florian Vogt und Michael Volle im Kurhaus Wiesbaden

Kurhaus Wiesbaden/Außenansicht/Foto @ Stephan Richter

Gustav Mahler: Das Lied von der Erde
Kammerorchesterfassung von Arnold Schönberg und Rainer Riehn

Dirigent GMD Patrick Lange
Tenor Klaus Florian Vogt
Bariton Michael Volle
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden
1. Juli 2020

Gleich mit den ersten Lockerungen für Kunst und Kultur in der Corona-Pandemie setzte das Staatstheater Wiesbaden ein Zeichen und entwickelte Anfang Mai über Nacht einen Ersatz-Spielplan für die eigentlich abgesagten Maifestspiele 2020. Während die ersten Vorstellungen noch liebevoll improvisiert wirkten, so etwa Michael Volle, der mit seiner Frau Gabriela Scherer Opernausschnitte mit Klavierbegleitung sang, steigerte sich zunehmend der Anspruch von Abend zu Abend. Zum Abschluss der Spielzeit – die Maifestspiele sind schon einige Wochen vergangen – kehrte der Bariton Michael Volle und der Tenor Klaus Florian Vogt zurück ans Staatstheater Wiesbaden. Sie begeisterten das Publikum mit der selten gespielten – aber pandemiefähigen – Kammerorchesterfassung von Gustav Mahlers „Das Lied von der Erde“.

 

In seinem Spätwerk „Das Lied von der Erde“ verbindet Gustav Mahler die musikalische Form der Sinfonie mit der Gattung des Liedes. Es gilt als das persönlichste und mitunter bedeutendste Werk des Komponisten. Arnold Schönbergs Kammerorchesterfassung wurde erst in den 1980er Jahren durch Rainer Riehn fertiggestellt. Der Friedrich-von-Thiersch-Saal, ein prunkvoller Konzertsaal im Kurhaus neben dem Staatstheater Wiesbaden, besticht durch eine lange Nachhallzeit. Diese Akustik mag positiv dazu beigetragen haben, dass dem GMD Patrick Lange in diesem Konzert das schier Unmögliche gelang: Trotz lediglich knapp einem Dutzend Orchestermusikern und die Streicher sparsam als Solistenquintett besetzt, erklang „Das Lied von der Erde“ orchestral so voll und satt wie es das Ohr sonst nur von einem großen Orchester gewohnt ist. Dies zeugt von einer hohen musikalischen Qualität der ausgewählten Solisten des Hessischen Staatsorchesters. Patrick Lange ließ sich in seiner Interpretation nicht von der Emotionalität der Komposition einnehmen, unter seiner Leitung musizierte das Orchester einen nüchternen, aber zugleich gekonnt durchgearbeiteten Mahler.

Der noch im Mai am Staatstheater Wiesbaden unbeschwert und süß-säuselnde Müllersbursche Klaus Florian Vogts in Schuberts Liedzyklus „Die schöne Müllerin“ war an diesem Abend nicht mehr wiederzuerkennen. Der Tenor meisterte die drei komplexen und herausfordernden Lieder intensiv-kraftvoll und mühelos. Insbesondere in dem den Liedzyklus eröffnenden „Trinklied vom Jammer der Erde“ müssen andere Sänger krampfhaft gegen die starken Instrumentalsolisten ankämpfen, nicht so Vogt: Seine klare Stimme kam deutlich zum Vorschein, sein helles Timbre setzte er schwungvoll und bewusst ein, messerscharf stach dieses durch die Klangwogen des Orchesters.

Friedrich-von-Thiersch-Saal/Kurhaus Wiesbaden/Foto @ Stephan Richter

Michael Volles drei Lieder für Baritonstimme nahmen etwa doppelt so viel Zeit wie die Tenorpartie in Anspruch, sind dabei aber auch leicht stimmenfreundlicher komponiert. Volle steigerte sich durch herzzerreißende Deklamation von Lied zu Lied in seiner Intensität. Im halbstündigen Finale, dem „Abschied“, bewies er, dass er nicht nur als Wagnersänger, sondern genauso auch im Liedvortrag als Geschichtenerzähler mit unübertreffbarem Ausdruck überzeugen kann.

Volle lies einen friedvoll angehauchten Optimismus in seinen letzten Worten im sonst erschütternden Abschiedslied mitschwingen: „Blüht auf im Lenz und grünt aufs Neu“ steht auch sinnbildlich für unsere gesamte Kulturlandschaft. Denn gerade der Kunst und all ihren Künstlerinnen und Künstlern bleibt in der folgenden Spielzeit ein blühender, zweiter Frühling zu wünschen. Das Staatstheater Wiesbaden bewies Kreativität und zeigte mit diesem orchestral schlanken, aber voluminös klangvollen Mahler, wie auch außerhalb der Maifestspiele und selbst unter härtesten Pandemiebedingungen ein musikalisches Festspielniveau erreicht werden kann.

 

  • Rezension von Phillip Richter / RED: DAS OPERNMAGAZIN
  • Titelfoto: Friedrich-von-Thiersch-Saal/Kurhaus Wiesbaden/Foto @ Stephan Richter

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