
Nachdem ich in einem Konzert Tomislav Jukić gehört habe, war mir schnell klar, das wir es hier mit einem aufstrebenden Sänger zu tun haben. Ich habe dann im Opernhaus Zürich dieses Interview mit diesem sympathischen jungen Tenor geführt.
(Das Interview führte Marco Stücklin für DAS OPERNMAGAZIN-CH)
(DAS OPERNMAGAZIN – OM): Wie bist Du zur Musik gekommen?
(Tomislav Jukić – TJ): Ich komme vom Süden Kroatiens, wo 99,9 % der Bevölkerung singt. Ich war schon immer umgeben von Musik und Liedern. Meine Eltern waren keine Musiker, aber bei jeder Gelegenheit haben wir zusammen gesungen. So war es für mich nicht schwierig, mich mit Musik zu beschäftigen. Sie war immer ein Teil meines Lebens.
Meine ersten Erfahrungen mit der Musik machte ich, als ich begonnen hatte, Klavier zu spielen. Während 7 – 8 Jahren war ich an der Musikschule. Nach einer Pause mit Klavierspielen wollte ich in einen Highschool-Chor eintreten. Das gefiel mir besonders und ich spürte, dass dies ist ein Teil meiner Natur ist. Ich bekam viel Unterstützung durch meinen Lehrer. Er war der Chordirigent. Er sagte mir, dass meine Stimme im Chor auffällt und dass ich unbedingt daran arbeiten sollte. Da startete ich mein Stimmtraining in der High School von Split. Ich ging dieses Training ganz ruhig an. Damals war es ja noch mein Hobby und ich dachte nicht daran, dies jemals als Beruf zu wählen denn mir wurde nach und nach bewusst, dass es schwierig sein werde, dies zu meinem Beruf machen zu wollen. Für mich war damals das Singen so unbeschwert und bequem, wie auf einer Couch zu liegen, fernzusehen und einfach Spaß zu haben. Über Rituale und Probenarbeit machte ich mir keine Gedanken.
(OM): Später, als Du merktest, dass dies mehr als nur ein Hobby werden könnte, was war der nächste Schritt?

(TJ): Ich wusste, dass ich, sollte ich diesen Beruf wählen, es dann nicht mehr ein Singen nach Lust und Laune sein wird, sondern dass man dann an bestimmte Regeln gebunden und mit vielen Herausforderungen konfrontiert sein wird.
Ähnlich wie bei einem Sportler. Ich war ja lange auch ein Sportler und als Basketballspieler sehr aktiv. Dies trat mit dem Einstieg als professioneller Sänger etwas in den Hintergrund. Deshalb ist es mir immer sehr wichtig, mich auch gut zu ernähren und viel Zeit außerhalb des Opernhauses zu verbringen. Auf diese Weise verschaffe ich mir ein gutes Gleichgewicht zwischen Freizeit und Vorbereitung auf die Proben.
(OM): Wann war es das erste Mal, dass Du vor einem größeren Publikum gesungen hast?
(TJ): Das war nicht einfach. Es gab viel auf und ab, bevor ich die erforderliche Sicherheit gewonnen hatte. Die eigene Stimme kennenzulernen ist ein langer Prozess.
Am Anfang herrscht natürlich eine große Anspannung, welche sich jedoch rasch legt, sobald ich die ersten Noten gesungen habe und die Akustik der eigenen Stimme wahrnehme. Dann beginnt sich die anfängliche Zurückhaltung zu lösen und ich kann entspannt die Musik genießen und mich darüber freuen. Nicht nur über meine Stimme, sondern über die Musik als solche und die Komponisten, die es mir ermöglichen, damit das Publikum zu erfreuen. Als ich das erste Mal vor einem größeren Publikum aufgetreten war, hatte ich den Raum gar nicht richtig wahrgenommen, sondern war völlig auf die Interpretation der Lieder konzentriert. Wenn man danach aber den Applaus hört, ist es wie ein Erwachen. Genau solche Momente sind es, welche mich bei diesem Beruf so glücklich machen .
(OM): Du hast an einigen Wettbewerben teilgenommen? Wie waren dort Deine Erfahrungen?
(TJ): Da ich viel Sport getrieben habe und dabei an vielen Wettbewerben teilgenommen habe, war dieses Ambiente für mich nicht wirklich neu. So auch bei Klavierwettbewerben, an denen ich jedes Jahr teilgenommen hatte.
Ich erinnere mich an den ersten Gesangswettbewerb in Split. Dieser findet jedes zweite Jahr statt. Ich stand unter einem enormen Druck, denn jeder Konsonant und jede Note die man singt, werden bewertet. Ähnlich wie bei einem Gymnastikwettbewerb, wo jede Bewegung wichtig ist. Da zählt auch der Ausdruck und die kleinste Nuance. Ich bin es möglichst natürlich angegangen, so wie ich eben bin und so war ich dann doch sehr überrascht, als mein Professor zu mir kam und mir eröffnete, dass ich den ersten Preis gewonnen hätte. Das war großartig und ich konnte es kaum glauben. Dieser Moment war wie ein Schub oder Rückenwind, welcher mich in die richtige Richtung geführt hatte. Zudem war es eine starke Motivation. Aber es war auch ein schwieriger Weg, denn die klassische Musik stand in meinem engeren Umfeld eher etwas im Hintergrund und hat noch nicht den gleichen Stellenwert, wie dies in der Schweiz oder Deutschland der Fall ist, was sich aber mehr und mehr ändert.
Ich habe eine tolle Familie und gute Freunde, welche mich in jeglicher Hinsicht unterstützen. Mir wurde klar, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, um meinen Traum zu verwirklichen.
(OM): Du kamst dann zum Internationalen Opernstudio in Zürich. Wie kam es dazu?
(TJ): Es war ein aufwändiger Weg, um hier in Zürich aufgenommen zu werden. Es bedurfte vieler Proben und Reisen, um bereit zu sein. Es ist gibt viele Sänger, die sich um einen guten Platz bemühen. Ich hatte großes Glück und bin sehr dankbar, dass mir das gelungen ist. In Zürich ist die renommierte Agentin Rita Schütz auf mich aufmerksam geworden, weil sie von mir ein slowakisches Lied hörte. Sie hatte auch von meinem Erfolg beim Wettbewerb in der Slowakei gehört und offerierte mir, ans Opernhaus Zürich zu kommen. Ich erinnere mich gut an diesen Moment, es war in meinem zweiten Jahr meines Studiums in Zagreb. Wenn man in einem geschlossenen Raum studiert, fühlt man sich sicher. Ich hatte so viele gute Sachen erlebt und gute Feedbacks bekommen und dann kam dieses Email, als ich gerade auf einem Laufband im Gym war. Ich konnte es kaum glauben und meinte, jemand mache einen Scherz mit mir. Ich ging zu den Auditions und das war ein ganz besonderes Erlebnis.
Nun bin ich seit der Saison 2024/25 hier in Zürich. Dies ist für mich eine wunderbare Sache. Hier herrscht eine so gute Atmosphäre und hier kann man auch die großen Stars der Opernwelt erleben und zusammen mit ihnen auf der Bühne stehen.
(OM): Du hast im letzten Sommer am „Young Singers Projekt“ in Salzburg teilgenommen. Welche Erfahrungen hast Du dort gemacht?

(TJ): Festivals sind immer sehr schnell. Man muss gut vorbereitet kommen und es finden in wenigen Tage ganz viele Veranstaltungen statt. Man muss gesund und immer sehr aufmerksam sein. Als junger Sänger wurde man dort sehr nett behandelt und gefördert. Wir konnten Sänger treffen, Generalproben besuchen und es gab auch viele Meisterklassen. Wir waren sehr gut aufgehoben und konnten viele Kontakte knüpfen. Es gab auch Auditions mit wichtigen Personen von großen Opernhäusern. Es war eine sehr intensive Zeit und ich habe trotzdem immer auf meinen Körper geachtet. Ich habe entschieden, meinen Weg langsam anzugehen und mir gut zu überlegen, was ich singen will. Ich habe viel Zeit mit meinen Kollegen verbracht. Es war eine großartige Erfahrung. Ich hatte auch Gelegenheit, bei der Produktion „Die drei Musketiere“ für Kinder mitzuwirken. Das war eine sehr inspirierende Erfahrung.
(OM): Was war bis jetzt Dein Highlight?
(TJ): Auf der Bühne nimmt man jeden Moment unterschiedlich wahr. Als Sänger wächst man und die Schritte werden immer länger. Das Benefizkonzert mit Cecilia Bartoli war sicher eines dieser Highlights. Sie ist ein sehr großer Name und mit ihr auf der Bühne zu stehen ist eine ganz besondere Ehre.
Ebenfalls ganz wichtig war das Open Air Konzert in Zagreb auf dem König Tomislav Platz. Dort hatte ich die Gelegenheit, vor tausenden Zuhörern zu singen. Besonders die Arie aus der hier unbekannten Oper „Adela und Mara“ von Josip Hatze war sehr emotional. Man kann auf Facebook diese reizende Arie finden. Das Konzert wurde auch über Radio und Fernsehen übertragen. Für mich war es eine besondere Freude, auf diesem Wege auch meine Familie und Freunde teilnehmen lassen zu können, die ich nicht oft sehen kann. Übrigens habe ich auch die Highschool besucht, welche den Namen dieses Komponisten trägt.
(OM): Was sind Deine nächsten Projekte?

(TJ): Neben meinen Auftritten im Opernhaus Zürich als Mitglied des Internationalen Opernstudios, werde ich im Sommer wieder in Salzburg sein und in der konzertanten Aufführung von „Werther“ zu hören sein. Weitere Projekte sind in Planung und versprechen eine spannende Zukunft.
(OM): Was macht Tomislav, wenn er nicht singt oder probt?
(TJ): Als Sänger hat man stets sein Instrument bei sich und muss es pflegen. Viel Sport und Bewegung gehören dazu und sind mir deshalb sehr wichtig. Außerdem verbringe ich viel Zeit mit langen Spaziergänge in der Natur. Solchen Aktivitäten gönne ich einen großen Teil meiner Freizeit, um etwas Distanz zum Opernhausbetrieb zu gewinnen.
Wenn ich wieder einmal zuhause in Kroatien bin, schwimme ich gerne im Meer und genieße einfach die Zeit zusammen mit guten Freunden. Natürlich pflege ich den Kontakt mit meinen Eltern, was ja heutzutage durch die Technik gut möglich ist. Außerdem spiele ich Klavier und koche gerne. Dann besuche ich natürlich auch Konzerte und die Vorstellungen im Hause. Zudem ist es interessant, den Proben mit den Sängern der laufenden Produktion beizuwohnen. Solche Gelegenheiten sind sehr bereichernd. Ich mag Zürich sehr und genieße dort Spaziergänge am See und auf dem Uetliberg. Aber es gibt noch so viel mehr in dieser schönen Stadt zu sehen.