Hohe musikalische Qualität – Vivaldis „Griselda“ in Wuppertal

Oper Wuppertal/GRISELDA/ Foto: Bettina Stöß

Volles Haus in Wuppertal! Regisseurin Mathilda du Tillieul McNicol holt die Geschichte der durch ihren Gatten Gualtiero schwer geprüften Griselda aus dem Decamerone in die Gegenwart. Die hinreißende Musik Vivaldis illustriert ein zeitloses Beziehungsdrama. Der Ehekrieg mit Machtgefälle, bei dem Wirtschaftsboss Gualtiero seine Ehefrau Griselda, Mutter seiner beiden Kinder, einfach abserviert, um die junge Costanza zu heiraten, spielt sich mit emotionsgeladener Musik und virtuosen Arien ab. Ich habe mit Griselda gelitten, die aus einfachen Verhältnissen stammend, eine Tochter verloren hat und Ihren geliebten Sohn bei ihrem Mann lassen soll. Mit zwei Countertenören, Sonja Runje in der Titelrolle und dem Sinfonieorchester Wuppertal unter der Leitung von Yorgos Ziavras habe ich faszinierendes Musiktheater erlebt. (Rezension der besuchten Vorstellung am 7. Februar 2026)

 

Dass Antonio Vivaldi, heute bekannt durch seine „Vier Jahreszeiten“ auch bis zu 50 Opern geschrieben hat, ist den wenigsten bekannt. Dabei ist seine Vertonung des „Griselda“-Stoffs aus Boccaccios „Il Decamerone“ nach dem Libretto von Carlo Goldoni im selben Jahr, 1735, uraufgeführt worden wie Händels „Alcina“. „Griselda“ fasziniert durch die psychologische Tiefe, die Vivaldi der Protagonistin mit seiner Musik verleiht. Griselda ist eine aus einfachen Verhältnissen stammende Frau, die von ihrem Gatten schikaniert und geprüft wird. Zusätzliche emotionale Spannung erzeugen eine verschollene gemeinsame Tochter und ein gemeinsamer Sohn. In der Inszenierung von Mathilda du Tillieul McNicol entsteht das Psychogramm einer toxischen Partnerschaft, in der Gualtiero die Mutter seiner beiden Kinder, Griselda, durch die jüngere Costanza ersetzen will und diesen Plan rücksichtslos verfolgt. Griseldas Gefühle sind psychologisch ausgedeutet und mit emotionaler virtuoser Barock-Musik komponiert.

Ottone, der Countertenor, der einen intriganten höheren Angestellten spielt, macht der schutzlosen Griselda den Hof, Roberto, der andere Countertenor, ist ein mittelloser Underdog, der sich mit Putzarbeiten seinen Lebensunterhalt verdient und von seiner Geliebten Costanza verlassen wird, die Griselda als Gualtieros Gattin ersetzen soll.

Oper Wuppertal/GRISELDA/ Foto: Bettina Stöß

Der „Griselda“-Stoff war im 18. und 19. Jahrhundert ein beliebtes Sujet und wurde 1350 von Boccaccio in der letzten Novelle des „Decamerone“ erstmals beschrieben. Der Markgraf von Salutzo zwingt seine Frau zu extremen Gehorsamstests, indem er sie verstößt und ihr ihre Tochter entzieht; Griselda glaubt, die Tochter sei tot. 1701 schuf Apostolo Zeno ein mehrfach vertontes Opernlibretto, das Griseldas Duldsamkeit zum Triumph ihrer Loyalität machte.

1735 griff Carlo Goldoni Zenos Libretto auf und vertiefte es psychologisch. Griselda erleidet ein Wechselbad der Gefühle in einem psychologischen Drama. Sie wird nicht nur von Gualtiero abserviert und im Stich gelassen. Eine tragende Rolle spielte neben dem grausamen Gualtiero der Intrigant Ottone, der Griselda vergebens begehrt und sie mit Entführung ihres Kindes und ihrer selbst bedroht. Dazu kommt die junge Costanza, die den mittellosen Roberto, den sie liebt, verlässt, um den deutlich älteren Gualtiero zu heiraten. Regisseurin Mathilda du Tillieul McNicol holt diese Geschichte in die Gegenwart und macht aus Gualtiero einen Konzernlenker, der vordergründig seine Frau Griselda durch eine jüngere, Costanza, ersetzen will. Aber Griselda kämpft, sie benutzt Ottone für ihre Zwecke, und erneuert unmittelbar vor der Hochzeitsfeier Gualtieros mit Costanza ihr Bekenntnis zur Ehe mit Gualtiero. Damit leitet sie das Lieto fine – das Happy End- ein. Costanza ist die gemeinsame Tochter, es war alles nur ein Test.

Das Bühnenbild und Kostüme von Noemi Daboczi mit zwei Drehbühnen ermöglicht schnellen Szenenwechsel mit einer Privatwohnung, einer Firmenzentrale und einem Nachtclub. Die Kostüme sind zeitlos modern und beschreiben die soziale Stellung der Protagonisten: Gualtiero und Ottone im Maßanzug, Roberto im Blaumann. Yorgos Ziavras dirigiert ein exquisites mit Theorbe (Elizaveta Solovey) und Cembalo (Bonnie Wagner) ergänztes Sinfonieorchester Wuppertal. Die musikalische Umsetzung überzeugte auf der ganzen Linie, denn man hatte international agierende hochkarätige mit Barockmusik vertraute Sänger:innen engagiert, die für ihre stilsicher gesungenen virtuosen Arien reichlich Szenenapplaus bekamen. Genretypisch gibt es weder einen Chor noch über Rezitative hinausgehende Ensembles. Die Arien reflektieren die Gefühle der Protagonisten und sind im zweiten Teil reich und individuell verziert.

Oper Wuppertal/GRISELDA/ Ensemble/ Foto: Bettina Stöß

Sehr skrupellos wirkte als Gualtiero Michael Gibson mit flexiblem, klangschönem Tenor. Seine Gründe, Griselda zu prüfen, bleiben unklar. Mezzo Sonja Runje ist eine ausgewiesene Barockexpertin und gab eine emotionsgeladene dynamische Griselda, die tief gekränkt um ihre Ehe kämpft. Rinnat Moriah mit ihrem vielseitigen Koloratursopran mit extremen Höhen war eine faszinierende eiskalte Costanza, die ihren Geliebten Roberto verlässt, um Gualtiero zu heiraten. Besonderes Highlight sind die beiden Countertenöre. Gerben van der Werf verlieh mit glockenheller Stimme dem mittellosen verliebten Roberto Kontur, während Lidor Ram Mesika dem intriganten Ottone durch Phrasen in Baritonlage einen besonders extremen Stimmumfang verlieh.

Ich habe ein zeitloses Lehrstück über die Soziologie der Partnerwahl erlebt: Gleiche soziale Herkunft geht vor Liebe, und wer das vermeintliche Glück hat, in eine höhere soziale Schicht einzuheiraten, kann sich auf nichts verlassen. Vivaldis „Griselda“ glänzt durch eine starke Hauptfigur, hohe musikalische Qualität und einen zeitlosen Konflikt mit genretypischem Happy End. Der Besuch in der Oper Wuppertal für Barockfans und Experimentierfreudige gleichermaßen empfehlenswert, denn es wird auf hohem Niveau musiziert.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Opernhaus Wuppertal / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Wuppertal / GRISELDA/ Gerben van der Werf, Rinnat Moriah/ Foto: Bettina Stöß
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2 Gedanken zu „Hohe musikalische Qualität – Vivaldis „Griselda“ in Wuppertal&8220;

  1. Hallo,
    Schön geschrieben, Sie haben nur am Ende die Namen der beiden Countertenöre vertauscht.

    Lidor Ram Mesika – Ottone
    Gerben van der Werf – Roberto

    „Besonderes Highlight sind die beiden Countertenöre. Lidor Ram Mesika verlieh mit glockenheller Stimme dem mittellosen verliebten Roberto Kontur, während Gerben van der Werf dem intriganten Ottone durch Phrasen in Baritonlage einen besonders extremen Stimmumfang verlieh.“

    Es war wirklich wunderschön und beeindruckend.
    Ich war am Samstag selber dort.
    MFG
    Chris B.

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