„HÄNSEL&GRETEL“ im Theater Bielefeld: Jan Eßingers magische Opernmomente

Hänsel und Gretel_08: Otten, Molavian/ Foto
© Sarah Jonek

Es kommt sicher auch nicht oft vor, das die Regie im Mittelpunkt des Premierenjubels steht und vom Publikum minutenlang gefeiert wird. Aber wer das Glück hatte am gestrigen Abend im Theater Bielefeld dabei sein zu dürfen, wird diesen Jubel für Jan Eßinger und sein Regieteam durchaus nachvollziehen können. Nach seinem fulminanten FAUST von Gounod, erst vor wenigen Wochen im Landestheater Detmold, nun in kurzer Folge eine zweite Regiearbeit, die begeistert, die berührt, die umwerfend war und die auf weiteres von diesem Regisseur neugierig macht. Im Sommer wird er anlässlich der Bregenzer Festspiele die Oper EUGEN ONEGIN (Tschaikowsky) inszenieren. Die Bregenzer dürfen sich freuen! Mit HÄNSEL&GRETEL hatte das Theater Bielefeld gestern seine nächste Opernpremiere und ich lege mich fest: das war eine der großartigsten und unterhaltsamsten Aufführungen dieser Oper, die ich in fast 40 Opernjahren erlebt habe. Wenn Regie sich die Komposition verinnerlicht, wenn sie nicht versucht, allerlei in eine eigentlich simple, aber dennoch menschlich wichtige, Geschichte zu verarbeiten, was eigentlich dort nicht rein gehört, wer den Sängern auf der Bühne und dem Orchester im Graben zuhört – dem kann nur Gutes gelingen! (Rezension der Premiere vom 1.12.2018)  

 

I. Erster Akt und der magische Zauber des Abendsegens

In der bescheidenen Hütte eines Holzhauers leben die Eltern mit ihren beiden Kindern Hänsel und Gretel. Eigentlich sollen die Kinder arbeiten, was tun für den Familienhaushalt. Aber sie sind Kinder, sie vergessen Pflichten und Aufgaben und tollen herum. Als irgendwann die Mutter völlig frustriert nach Haus kommt – denn wieder hat sie nichts was sie den Kindern und dem Mann am Abend servieren kann- wird sie wütend.

Hänsel und Gretel_04: Wong, Kuffner / Foto @ Sarah Jonek

Sahra Kuffner als Mutter spielt diese in sich zerrissene Frau in beeindruckender Weise. Man sieht es ihr an, dass sie einerseits wütend auf die „faulen“ Kinder ist und andererseits, dass sie sich schämt, für das karge Leben das sie führen müssen. In ihrer Erregung jagt sie die Kinder hinaus, hinaus in den Wald. Und sie sollen sich nicht wagen ohne ein wenig Ernte wieder zurück zu kommen. Die Kinder verlassen traurig das Haus. Kurz darauf erscheint der Vater und hat eine Überraschung in seiner Tasche: Lebensmittel und Milch in fülle. Die Mutter freut sich, aber erkennt doch, dass sie einen schweren Fehler gemacht hat. Sie hat den Kindern die Schuld an ihrem verkorksten Leben gegeben und muss sich nun auch noch vom Vater anhören, dass der Wald gefährlich und auch tödlich für Kinder ist. Eine Hexe treibe ihr Unwesen. Und hier arbeitet die Regie sehr fein, sehr akzentuiert das Miteinander der Eltern aus. Die gesamte Szene über ist die Spannung spürbar. 

Die Kinder irren auf ihrer Suche nach Früchten durch den Wald und verlieren alsbald die Orientierung. Zudem wird der Schnee immer heftiger. Die Bühne ist hier weit offen, in blau beleuchtet und der Schnee rieselt unablässig von oben herab. Diese stimmungsvolle Szenerie, wie auch schon das Elternhaus im ersten Teil hat Bühnen-und Kostümbildnerin Benita Roth höchst eindrucksvoll geschaffen. Und es sei hier vorweggenommen, auch der zweite Akt, der am Zuckerkuchenhaus der Hexe spielt ist ein Hingucker und belegt, dass ein Bühnenbild immer wichtig ist. Aber auch die Lichtregie. Für die sich  Johann Kaiser verantwortlich zeigte.

Hänsel und Gretel_06: Otten, Molavian, Kuffner, Wong; Statisterie/ Foto @ Sarah Jonek

Am Ende des ersten Akts legen sich Hänsel und Gretel zum Schlafen ins Moos und singen das Nachtgebet. Und dieser Moment ist große Oper. Jan Eßinger macht daraus einen magischen Moment. Er lässt die Wunschträume der beiden Kinder nach Familie und Geborgenheit für einen kurzen Augenblick anschaulich werden.Die Ergriffenheit im Publikum ist fühlbar und der Opernbesucher wird überwältigt von seinen Gefühlen in die Pause entlassen. Eine Regie, die die Schönheit und den Zauber dieses Momentes nicht stört, nein, die sie vielmehr durch ihre zurückgenommene Art sogar noch mächtiger werden lässt.

 

II. Hänsel und Gretel retten sich und andere und sie sind keine Kinder mehr

Natürlich will die böse Knusperhexe das Hänsel ein wenig fetter wird, damit sie ihn verspeisen kann. Im Moment erscheint er ihr zu mager. Mit einer List, Hänsel hält ihr anstatt seines Zeigefingers einen kleinen dünnen Stock hin, täuscht er die Hexe Rosina Leckermaul. (Stark gespielt und gesungen von Katja Starke). Und irgendwann, so will es ja die Mär von Hänsel und Gretel, landet die böse Hexe, die in Eßingers meisterhafter Inszenierung so herrlich an Frau Flodder erinnert, im Feuer. Hexe tot – alles gut, Aber auch hier arbeitet Jan Eßinger mit vielen kleinen Symbolen und Zeichen. Immer mehr wird klar, dass der Aufenthalt der beiden Geschwister Jahre dauerte und sie mit vielen andren Kindern, die teilweise aus ihrer Kinderkleidung sichtbar herausgewachsen waren, erwachsen geworden sind. Wenn am Ende der Oper die seit Jahren nach ihren Kindern suchenden und darüber grau gewordenen Eltern auftauchen und ein viel zu kleines Jäckchen von Gretel in Händen halten, wird klar, Hänsel und Gretel sind erwachsen geworden. Nicht nur körperlich, auch im Geiste, denn am Ende konnten sie den Eltern vergeben.

Und der Schlußgesang dieser Oper wurde der zweite magische Moment. Wieder fügt Regisseur Eßinger alles zusammen, was zusammen gehört und flutet das Theater mit Gefühlen! 

Das in einer solch stimmigen und einfach schönen Inszenierung auch gut und stark gesungen wurde, liegt nah. Das Elternpaar, dargestellt von der fast schon dramatisch singenden Mutter der Sarah Kuffner und der gesanglich mächtig auftrumpfende Frank Dolphin Wong. als Vater. Die kleinen, aber wichtigen Rollen des Sandmännchens, des Taumännchens und der Spaziergängerin wurden von fast identisch wirkenden „Mary-Poppins“-Verschnitten beeindruckend vermittelt. Hier seien Ekaterina Aleksandroy, Dorine Mortelsmanns und Inger Franke genannt.

Hänsel und Gretel_07: Starke / Foto @ Sarah Jonek

Die Knusperhexe, die wie schon an anderer Stelle beschrieben, ein wenig wie die berühmte Frau Flodder aus der ehemaligen Niederländischen Filmserie wirkte, machte Katja Starke,  natürlich auch gesanglich, zu einem Kabinettsstückchen. Bravo für diese Leistung!

Die Geschwister Hänsel und Gretel wurden von Hasti Molavian und Nienke Otten eindrucksvoll gespielt und das wurde nur noch gesanglich getoppt. Ihr gemeinsames „Abendsegen“ war von allererster Güte, es traf die Zuschauer direkt ins Herz. Aber auch optisch entsprachen sie absolut den Vorstellungen, die man an diese beiden Märchenfiguren hat. Für beide ein großer Erfolg, ausgiebig bejubelt vom Publikum!

Die Kinder der Theaterballettschule, die Damen des Extrachores, die Kinder von junOS und die vielen Statisten rundeten das Opernerleben ab.

Diese anspruchsvolle Partitur erfordert vom Orchester und dem Dirigenten viel Einsatz, auch in Dramatik und besonders im gefühlvollen Spiel. Beim musikalischen Leiter des Abends, Alexander Kalajdzic, war die Oper in besten Händen. Er dirigierte die Bielefelder Philharmoniker stimmungsvoll, aber auch packend. Viel Applaus auch für den Dirigenten und das Orchester.

 

Fazit: Ein rundum gelungener Opernabend, nicht nur für Kinder, nein, eigentlich für alle, die Musik lieben. Verpackt in eine meisterhafte Inszenierung und gesanglich und musikalisch vom Feinsten. Ein großer Wurf des Theater Bielefeld zu dem nur gratuliert werden kann. Ein Besuch dieser Hänsel und Gretel – Aufführung ist absolut zu empfehlen!

 

  • Rezension von Detlef Obens/DAS OPERNMAGAZIN 12-2018
  • Weitere Termine und Infos zur Oper unter DIESEM LINK
  • Oper von Engelbert Humperdinck, UA 1893 in Weimar
  • Titelfoto:  Hänsel und Gretel_08: Otten, Molavian/© Sarah Jonek (alle Artikelfotos)

 

4 Gedanken zu „„HÄNSEL&GRETEL“ im Theater Bielefeld: Jan Eßingers magische Opernmomente&8220;

  1. Was für eine -ebenfalls- grandiose und lebendige Rezenssion!
    Da erahnt man nur, was einem entgangen sein mag…. schade, daß ich nicht anwesend sein konnte – zu weit der Weg.

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