Deutsche Oper Berlin, copyright: Leo Seidel

Deutsche Oper Berlin: Andrea Chénier – eine nach wie vor wundervolle Inszenierung

Deutsche Oper Berlin/ Andrea Chénier/ Foto Bettina Stöß

Sputen muss sich, wer noch einmal die gemeinsam mit dem Friedrich –Ring schönste, stimmigste, geistreichste, anrührendste, geschlossenste, aufwühlendste, Herz, Verstand und ästhetischen Anspruch des Publikums am meisten befriedigende, nie mehr erreichte Maßstäbe setzende Inszenierung der Deutschen Oper erleben möchte, denn nach nur 40 Vorstellungen seit 1994 wird sie nun abgesetzt, und für immer soll das herrlich verrückte Pfauenkleid der Gräfin von Coigny (Kostüme: José Manuel Vásquez) im Fundus verschwinden oder auf einer Auktion verramscht werden. John Dew als Regisseur und mit ihm Peter Sykora als Bühnenbildner hatte dafür gesorgt, dass man bereits vor dem Aufgehen des Vorhangs zum Nachdenken angeregt wird: die Trikolore, deren mittlerer, roter Teil die Form eines Feilbeils hat, hängt über dem Souffleurkasten, auf dem ein paar Blätter Papier liegen, die am Schluss Gérard an sich nimmt, um das Erbe des Dichters zu retten. (Rezension der Wiederaufnahme v.28.11.2018 / Premiere am 28.9.1994)    

 

Später kann man das von Gérard besungene luxuriöse Sofa durch die einzelnen Akte verfolgen, aus dem gräflichen Salon über die Sitzgelegenheit für das Revolutionstribunal bis hin schließlich zur Schlafstätte für den spionierenden Incroyable. Und welch grandiose Idee, die „Revolution“ buchstabengetreu als das Umkehren des Obersten zum Untersten und umgekehrt sichtbar werden zu lassen, indem der Boden des gräflichen Schlosses zur Schräge wird, die adlige Gesellschaft ins Nichts rutschen und die Unterschicht die gesellschaftlichen Höhen erklimmen zu lassen. Wie geschickt sind die pausenlosen Übergänge vom ersten zum zweiten und vom dritten zum vierten Akt gestaltet! Allüberall wird der Dienst am Werk spürbar, nirgends und niemals die Eitelkeit und das Geltungsbedürfnis einer verkopften, agitationswütigen Regie. Dazu kommen die drei wunderbaren Rollen, insbesondere die des Tenors mit dem Improvviso, dem Credo, dem Fui soldato, dem Un bel di di maggio, oder La mamma morta für den Sopran und Nemico della patria für den Bariton. Für diese Partien und eine solche Inszenierung bekommt man die besten Sänger ins Haus, auch wenn sie dann einmal absagen wie jetzt Roberto Alagna.

Diese Produktion erfüllt, was Oper leisten sollte: den Zuschauer aufgewühlt und beglückt zugleich nach Hause zu entlassen, die Sänger in die Lage zu versetzen, das Beste, das ihnen möglich ist, zu geben, da sie durch Regie, Kostüme und Bühne darin unterstützt und nicht daran gehindert werden.

Deutsche Oper Berlin/ Andrea Chénier/ Foto Bettina Stöß

Obwohl die drei wichtigsten Partien mit Gästen besetzt waren, ist der Erfolg des gestrigen Abends auch einer des Ensembles. Burkhard Ulrich hatte seine alte, gute Form wieder gefunden und sang einen eindrucksvollen Incroyable mit prägnantem Charaktertenor. Philipp Jekal und Ya-Chung Huang machten rollenadäquat der Gräfin als Fléville und Abbé den Hof. Ievgen Orlov war mit dunkel-samtenem Bass der treue Freund Roucher. Der Gräfin wurde von Annika Schlicht ungewohnt satte Alt-Präsenz verliehen. Samuel Dale Johnson zeigte mit farbiger, gut tragender Stimme als Matthieu die sympathische Seite der Revolution. Ein wandelndes Operngeschichtsbuch dürfte Elena Zilio sein, die mit zwar wackliger Stimme, aber viel Bühnenpräsenz anstelle von Anna Tomawa-Sintow die Madelon gab. Und wenn der Wachhabende den kindlichen Enkel auf die Schlachtbank führt, kam jeder Zuschauer ohne den erhobenen Zeigefinger aus dem Produktionsteam darauf, über das Problem von Kindersoldaten nachzudenken. Auch Black-facing ist hier kein Problem, sondern Bersi mit Vasilisa Berzhanskaya einfach eine attraktive, der Not gehorchende Revolutionshure mit erotisch flirrendem Mezzosopran.

Marie José Siri gibt eine etwas matronenhafte, aber insgesamt glaubwürdige Maddalena, deren Sopran am schönsten in der mezza voce der hohe Lage mit reinem, klarem Klang ertönt, der aber unter Druck auch scharf werden kann. Einen farbigen, klangschönen und heldisch auftrumpfend könnenden Bariton hat Roman Burdenko für den Gérard, ein ebenbürtiger Gegenspieler für den Tenor. Dieser war als Einspringer an allen drei Abenden Martin Muehle, ein Sänger, der viel wagt und fast immer gewinnt, mit einem schonungslosen Einsatz der in der Höhe zu ungeheurer Strahlkraft fähigen Stimme ebenso ungeheuren Pengs, die auch einmal ein unsauberes Passaggio oder eine wacklige Intonation riskiert, was im Verismo durchaus toleriert wird, wenn das Ergebnis eine durch und durch mitreißende Darbietung wie die seine ist. Nur für den bel di di maggio hätte man sich mehr Poesie in der Stimme gewünscht. Ihm galt dann auch zu recht der besonders begeisterte Jubel des Publikums, das sicherlich auch die attraktive Optik des Sängers zu schätzen wusste. Giampaolo Bisanti teilte hörbar die Vorliebe seiner Sänger für die große musikalische Geste, den Aplomb, die zugespitzte Dramatik und führte das Orchester der Deutschen Oper zu so leidenschaftlichem wie kontrolliertem Spiel.

 

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