„Götterdämmerung für Kinder“ als Stream aus der Oper Köln

Oper Köln / Logo

Als Stream vollendet die Oper Köln ihre ambitionierte Produktion von Wagners „Ring des Nibelungen“ für Kinder am 25. April 2021. Aufgrund der Corona-bedingten Abstandsregeln müssen ganz neue Bilder gefunden werden. Eine Aufführung vor Publikum ist wegen des Lockdowns nicht möglich. Die ursprünglich viereinhalb Stunden sind auf 85 Minuten eigedampft, 18 Musiker*innen des Gürzenich-Orchesters spielen in der Regie von Brigitta Gillessen unter der Leitung von Rainer Mühlbach mit Martin Koch als Siegfried, Stefan Hadžić als Gunther, Bjarni Thor Kristinsson als Hagen, Jessica Stavros als Brünnhilde, Ana Fernández Guerra als Gutrune, Insik Choi als Alberich sowie Nornen und Rheintöchtern aus dem Opernstudio das Finale von Wagners Monumentalwerk, das auf 16 Stunden Gesamtdauer angelegt ist. „Götterdämmerung für Kinder“ als Einstiegsdroge für Wagnerianer in der Oper Köln – Der Stream ist abrufbar bis zum 24. Mai 2021.

 

Zuschauer*innen, die bereits Rheingold, Walküre und Siegfried gesehen haben, warten gespannt auf das Ende der Tetralogie. Ich konnte am 29.11.2019 an der Live-Aufführung der „Siegfried für Kinder“ mit Publikum teilnehmen (das Opernmagazin hat berichtet)  und habe die Beobachtung gemacht, dass die Kinder, vor allem aber auch die Erwachsenen, gebannt dem Geschehen folgten. Die Kinderoper ist ein Geheimtipp auch unter Kölner Opernfreunden: bildstark, kurz (85 Minuten) und leicht verständlich – der ideale Einstieg in Wagners Werk.

Der Stream muss ohne Live-Publikum auskommen, das unmittelbare Erlebnis der Live-Aufführung fehlt. Das ist, neben der Verkleinerung des Orchesters, ein großer Nachteil. Einem Stream folgt man nicht so willig wie einer Live-Vorstellung, die Ablenkungen sind einfach viel größer.

Trotzdem stellt sich für mich als Kennerin der ursprünglichen Fassung die Faszination der spannenden Geschichte ein. Mit gesprochenen Texten wird tatsächlich nicht nur die Geschichte der Gibichungen erzählt, sondern auch die Vorgeschichte, soweit sie für das Verständnis des Dramas erforderlich ist. 

Nornen und Rheintöchter sind aus dem Internationalen Opernstudio ideal besetzt, die nordische Sagenwelt ist vollständig skizziert. Ich habe nicht den Eindruck, dass man wesentliche Teile – bis auf den Jägerchor – gestrichen hat. Man hat allerdings einige Szenen umgestellt.

Die Geschichte wird ohne Pause im Einheitsbühnenbild der eiskalten Architektur des Gibichungenpalasts erzählt. Optisch könnte es auch eine Konzernzentrale sein (Bühne: Christof Cremer). Davor ein längliches Wasserbecken, auf dem Siegfrieds Rheinfahrt stattfindet, rechts ein Felsen, der später mit der Konzernzentrale verschmilzt, auf dem sich Brünnhilde von Siegfried verabschiedet. Coronabedingt wird ihr der Ring nicht angesteckt, sondern zugeworfen.

Die Orchesterszenen sind besonders konzentriert. Statt 16 erste Violinen gibt es nur eine, 18 Musiker statt 100, dadurch ist der Klang längst nicht so opulent wie gewohnt. Die Überwältigungsästhetik Wagners wird erheblich entschärft.

Oper Köln/Götterdämmerung/Martin Koch, Jessica Stavros/Foto @ Paul Leclaire

Der technisch perfekte Martin Koch gibt einen jugendlich naiven Siegfried, keinen schweren Helden, der an der List Hagens scheitern muss. Jessica Stavros verkörpert mit strahlender Kraft und Fülle eines dramatischen Soprans die starke Brünnhilde, die zwar zunächst den verfluchten Ring behalten möchte, weil er ein Liebespfand Siegfrieds ist, ihn dann aber nach Siegfrieds Tod den Rheintöchtern übergibt und sich selbst in das lodernde Feuer stürzt. Dadurch gibt sie der Welt eine neue Chance.

Motor der Handlung ist Bjarni Thor Kristinsson als Hagen, der aus reiner Machtgier den Ring in seinen Besitz bringen will. Der elegante schwarze Gehrock (Kostüme: Christof Cremer) lässt Hagen wie einen aalglatten skrupellosen Konzernchef wirken. Er heckt die Intrige aus, Siegfried in Gunthers Gestalt Brünnhilde erobern zu lassen. Kristofferssons tiefschwarzer mitunter giftiger Bass und sein ausdrucksstarkes Spiel offenbaren ihn als den Bösewicht des Dramas. Natürlich verrät der Ring an Siegfrieds Finger den Betrug, der Brünnhilde so erzürnt, dass sie Hagen verrät, wo Siegfried, der im Kampf unbesiegbar ist, verwundbar ist, und so sein Schicksal besiegelt.

Aus dem Opernstudio besetzt ist sein Halbbruder Gunther mit Stefan Hadžić, der den Thronerben als verwöhnter Softie gibt, dem genau bewusst ist, dass er Brünnhilde niemals aus eigner Kraft wird erringen können. Willig folgt er den Vorschlägen seines verschlagenen Halbbruders Hagen.

Zwerg Alberich, der Hagen eigens mit der Gibichungenmutter Grimhild zu dem Zweck gezeugt hat, den Ring zurück zu gewinnen, den Alberich aus dem Rheingold geschmiedet hat, wird verkörpert von Insik Choi. In einem kurzen, intensiven Dialog bestärkt er Hagen, Siegfried mit einem Speerstoß in den Rücken ums Leben zu bringen. Alles findet in der Betonarchitektur von Gibichung statt. Beim Trauermarsch um Siegfrieds Tod wird die Verkleinerung des Orchesters besonders schmerzlich spürbar.

In anschließenden Handgemenge um den Ring an Siegfrieds Finger, bei dem Hagen seinen Bruder Gunther eiskalt umbringt, gelingt es Brünnhilde, den Ring an sich zu bringen und den Rheintöchtern zu übergeben. Die Todesfälle sind übrigens, auch bedingt durch die Abstandsregeln, sehr dezent dargestellt, es fließt abgesehen von der Verbrüderung Siegfrieds mit Gunther kein Bühnenblut.

Oper Köln/Götterdämmerung/Martin Koch, Bjarni Thor Kristinsson, Ana Fernández Guerra/Foto @ Paul Leclaire

Ana Fernández Guerra als Gutrune ist über den Tod ihres Bruders und ihres Gatten verzweifelt. Sie ist seit September 2020 im Opernstudio und strahlt die Unschuld einer jungen Audrey Hepburn aus. Sie ist in dem kalt glitzernden schulterfreien Cocktailkleid so reizend anzusehen, dass man Siegfrieds Zuneigung zu ihr leicht nachvollziehen kann. Da braucht es keinen Vergessenstrank!

Auch Hagen stirbt, er stürzt sich nach dem Ring in den Rhein, wo er von den Rheintöchtern in die Tiefe gezogen wird. Auf den Trümmern der alten Ordnung soll neues Leben entstehen.

Nornen (Rebecca Murphy, Luzia Tietze und Judith Thielsen) und Rheintöchter (Ye Eun Choi, Maike Raschke und Lotte Verstaen) sind aus dem Opernstudio besetzt und erzählen die Vorgeschichte in gesprochenem Text. Auch einige Dialoge der Protagonisten werden als Text gesprochen. So kommt man den Rezeptionsgewohnheiten junger Zuschauer entgegen. Die Sprache ist teilweise modernisiert und kindgerecht verändert, aber gesungene Texte sind im Original erhalten.

Besonders anrührend ist die Schlussszene, in der die junge Gutrune nach dem Untergang der Götterwelt den Sprössling einer neuen Weltesche in ihren Händen birgt. Die Besetzung ist insgesamt so opulent, dass man sich wünscht, den Original -„Ring“ in der Inszenierung von Robert Carson, der vor 20 Jahren in Köln aufgelegt wurde und der 2021 in Madrid realisiert wird, mit diesen Sängerinnen und Sängern dem großen Gürzenich-Orchester zu erleben. Es wird hervorragend und mit großer Textverständlichkeit gesungen und gespielt. Flankierend gibt es deutsche Untertitel.

Rainer Mühlbach, der das Libretto gekürzt hat, Dirigent und Leiter des Opernstudios, holt aus der kleinen Besetzung alles heraus. Das Arrangement von Stefan Behrisch geht sensibel mit Wagners Original um, kann aber den vollen Wagner-Klang mit großem Sinfonieorchester nicht ersetzen.

Der „Ring des Nibelungen für Kinder“ wird flankiert mit einer umfassenden Materialsammlung für Lehrer*innen und Eltern, die mit ihren Kindern ab 8 Jahren ausgehend von der Geschichte der Nibelungen und der nordischen Götter und ihrer musikalischen Umsetzung erarbeiten können. Sie stellt auch die Leitmotive der Protagonisten dar.

Zentrales Thema der Tetralogie ist auch die Problematik des Raubbaus an der Natur, verdeutlicht an der Weltesche, die am Anfang des „Rheingolds“ als prachtvoller Baum die Bühne beschattet, am Ende in der „Götterdämmerung“ als verkohlter Stumpf im eiskalten Gibichung liegt, das im Heute angekommen ist.

Oper Köln/Götterdämmerung/Bjarni Thor Kristinsson, Stefan Hadžić, Ana Fernández Guerra/Foto @ Paul Leclaire

Auch die Triebfedern der Handlung, die Gier nach Macht und Statussymbolen, aber auch Neid und Verrat werden durch das Material für Kinder aller Altersgruppen konkret erfahrbar. Die 70-seitige Mappe mit fächerübergreifendem Unterrichtsmaterial fordert zu Projekttagen zum Thema „Mythologie und Umwelt“ geradezu heraus. Auch das Padlet zur Oper hilft bei der Erschließung der Geschichte. Dazu wird auch ein hervorragendes Begleitheft mit vielen Fotos und einer ausführlichen Dokumentation angeboten, das mit dem Stream zusammen erworben wird.

Besonders schön finde ich den Comic zur Geschichte der Götterdämmerung von der 16-jährigen Siegerin des ausgeschriebenen Comic-Wettbewerbs, Aylin Juliette Bourauel. 2020.21_Comicwettbewerb_Gotterdammerung_Aylin_Juliette_Bourauel.pdf (oper.koeln)

Karten können als Einzeltickets und als Gruppentickets für Schulklassen im Pay-asyou-wish-Verfahren in sieben Kategorien vom Ring-Entdecker für 0,00 € bis zum Ring-Experten für 70,00 € (Gruppen bis zu 100 Personen zu 0,00 € bis 120 €) erworben werden und sind für die Gesamtdauer vom 25.4. bis 24.5.2021 gültig. Hier geht es zum Kartenkauf: Streaming Oper Köln – Oper Köln

 

 

    • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
    • Oper Köln / Stückeseite
    • Titelfoto: Oper Köln/Götterdämmerung/Bjarni Thor Kristinsson, Stefan Hadžić, Ana Fernández Guerra/Foto @ Paul Leclaire

 

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