Märchenhaft und bildstark und hervorragend gesungen: Richard Wagners „Siegfried“ in der Kinderoper Köln

Oper Köln/Siegfried für Kinder/ Martin Koch, /Foto © Paul Leclaire

Große Begeisterungsstürme der Kinder, zum Teil im Grundschul- und sogar Kindergartenalter, die direkt vor der Bühne auf Sitzkissen Platz genommen haben, erst recht der Erwachsenen. Es ist die märchenhaft anmutende Erzählung der Legende des Drachentöters Siegfried, der den gefährlichen Drachen Fafner in seiner goldstrotzenden Höhle unerschrocken umbringt und die schlafende Brünnhilde aus ihrem Feuerring befreit. Ensemble und Orchester sind musikalisch absolut erstklassig, die Inszenierung kindgerecht und konkret. Die Produktionen der Kinderoper gelten auch bei erwachsenen Opernfreunden als Geheimtipp.(Rezension der Premiere vom 29.11.2019)

 

Eltern und Großeltern sitzen auf den sechs ansteigenden Stuhlreihen im vollbesetzten Saal 3 des Staatenhauses. Das Orchester mit 15 Musikern befindet sich links von der Bühne. Es ist die gleiche Einheitsbühne wie bei der „Walküre“, und Wotan, der Wanderer, der stimmgewaltige Insik Choi, ist sichtlich älter geworden. Seit Wotan seine unbotmäßige Tochter auf den Felsen in einen Feuerring bannte, ist Siegfried erwachsen geworden. Die Rolle verkörpert Martin Koch mit jugendlich frischem Tenor kraftstrotzend und unbekümmert. Er hat im „großen“ Kölner Ring den Mime gesungen und gilt als Experte für neue Musik.

Oper Köln/Siegfried für Kinder/ Insik Choi, Paul McNamara/Foto © Paul Leclaire

Kernstück von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ ist zweifellos „Siegfried“. Die Oper, im Original fast vier Stunden Aufführungsdauer, ist auf eine Stunde 20 Minuten gekürzt, was man am Anfang durch gesprochenen Text erreicht. Die wichtigsten und im Gedächtnis bleibenden Szenen und Leitmotive sind jedoch da, wenn auch stark gekürzt, und man hat das Gefühl, man habe die ganze Oper gesehen. Zwischen den Akten gibt es keine Pause. Erda kommt gar nicht vor. Regisseurin Barbara Gillessen und Dirigent Rainer Mühlbach haben eine gekürzte Fassung erarbeitet, die von Stefan Behrisch für kleines Orchester (Gürzenich-Orchester Köln) arrangiert wurde.

Alina Wunderlin als entzückendes Waldvöglein und Florian Köfler als furchteinflößender Fafner mit profundem Bass sind Mitglieder des Opernstudios, das eigentlich für die Kinderoper zuständig ist.

Die Schmiede Paul Mc Namara als Ziehvater Mime und Martin Koch als Siegfried sind gestandene Tenöre aus dem Ensemble, die im ersten Akt einen handfesten Generationenkonflikt austragen. Nachdem Wotan Mime den entscheidenden Hinweis: „Nur wer das Fürchten nie erfuhr, der schmiedet Nothung neu“, gegeben hat, offenbart Mime seine wahren Motive: er hat die Trümmer des Schwerts Nothung von Siegfrieds verstorbener Mutter Sieglinde bekommen und verwahrt in der Hoffnung, Siegfried könne ihm den Ring des Nibelungen, der unendliche Macht verleiht und den Wotan den Nibelungen durch List abgeluchst hatte, wieder beschaffen. Er veranlasst Siegfried, Nothung neu zu schmieden und Fafner zu erlegen. Danach will er Siegfried töten und den Ring an sich bringen. Paul Mc Namara liefert eine wundervolle Charakterstudie eines hinterlistigen, weinerlichen und feigen Giftmörders.

Siegfried zieht unbekümmert zur Drachenhöhle, killt das furchterregende Monster und trinkt von seinem Blut. Dadurch kann er die Sprache der Tiere verstehen. Zum Glück verrät ihm das Waldvöglein, dass sich der Ring und die Tarnkappe als einzige Teile des Goldschatzes wirklich lohnen und dass Mime ihm nach dem Leben trachtet.

Kurz entschlossen bringt Siegfried seinen Ziehvater um, als der ihm einen vergifteten Trank reicht, und erfährt danach vom Waldvöglein, dass er auf einem Felsen in einem Feuerring die Frau seines Lebens, Wotans Tochter Brünnhilde, finden wird.

Nibelung Alberich (Vincenzo Neri) und Göttervater Wotan (Insik Choi), die Antagonisten und beide großartige Bassbaritone, die sich schon im „Rheingold“ um den Ring stritten, bekräftigen ihren Anspruch auf den Besitz des Rings, der jetzt an Sigfrieds Finger glänzt. Alberich hatte ihn verflucht, als Wotan ihn ihm durch eine List entwand, und Fafner und Mime sind Opfer dieses Fluchs.

Oper Köln/Siegfried für Kinder/ Jessica Stavors, Martin Koch/Foto © Paul Leclaire

Wotan, dessen Zwillingskinder Siegfrieds Eltern sind, trifft Siegfried auf dem Weg zu Brünnhilde. Er will Siegfried aufhalten, aber der entmachtet seinen Großvater, indem er dessen Speer, Symbol seiner Macht, zerschlägt. Unerschrocken durchdringt er das lodernde Feuer und findet Brünnhilde, die Jessica Stavros mit vollem dramatischem Sopran verkörpert. Siegfried empfindet erstmalig Furcht – ausgerechnet vor einer Frau! – vor der ehemaligen Walküre, die er liebevoll aus dem Schlaf küsst. Eine leuchtende Liebe erwacht, Siegfried ist erwachsen geworden.

Hört man zum Vergleich eine CD- Aufnahme des „Siegfried“ merkt man schon, dass die Musik erheblich übersichtlicher und weniger farbig in der Instrumentierung und nicht so dynamisch in der Lautstärke ist wie das Original, aber die wesentlichen Motive und Melodien sind skizziert. Große Monologe („Wie sah meine Mutter wohl aus …“) fehlen naturgemäß.

Bühnenbild und Kostüme von Christof Cremer sind märchenhaft bunt und kindgerecht. Es wird kräftig gehämmert und gefochten, die Kampfchoreographie von Thomas Ziesch ist dezent und verzichtet auf zu drastische Effekte.

Die Kinderoper besteht seit 1996 und ist die älteste Kinderoper Deutschlands und seit 2018 Unicef-Kulturpate. Kurzfassungen bekannter Opern werden mit kleinem Orchester kindgerecht inszeniert und in einem Saal mit 200 Plätzen gespielt. Die Karten werden zu familiengerechten Preisen (Kinder 7,00 €, Erwachsene 12,50 €) angeboten, und es gibt 14 Vormittagstermine um 11.30 Uhr für Schulklassen und drei Abendtermine um 18.00 Uhr für Familien. Kinder werden so an die Oper herangeführt und bekommen Lust auf mehr.

Oper Köln/Siegfried für Kinder/ Martin Koch, Paul McNamara/Foto © Paul Leclaire

Es gibt für 2,00 € ein gut aufbereitetes Programmheft mit ausführlichen Erläuterungen, vielen Szenenfotos und einem Interview mit dem Darsteller des Titelhelden. Die Theaterpädagogen der Oper bieten Fortbildungen für Lehrer sowie ein Heft mit Material zum Stück an, so dass die begleitenden Lehrer die Kinder im Unterricht auf den Besuch der Oper vorbereiten können. Es gibt auch einen Förderverein, der Kindern, die den Eintrittspreis nicht bezahlen können, die Tickets finanziert.

Die Theaterpädagogen empfehlen den Besuch ab 8 Jahren. Die kleineren Kinder wurden nach einer halben Stunde etwas unruhig, aber die Szene, in der Siegfried versuchte, auf einem Rohr zu blasen, und dann den Hornisten zu Hilfe rief, fesselte wieder ihre Aufmerksamkeit.

Im Foyer sind Tische mit Malutensilien und Bastelmaterial aufgestellt, so dass die Kinder das Erlebte künstlerisch verarbeiten können. Einige hatten sich ein Schwert gebastelt, andere Bilder gemalt.

Auf diese Weise zieht die Kölner Oper das künftige junge Publikum heran. Hier der Link zur Theaterpädagogik

 

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