"Giselle" Ballett von John Neumeier (HAMBURG BALLETT) Foto @ Holger Badekow

„Giselle“ im Hamburg Ballett – ein Ballett voller musikalischer Empathie

Leslie Heylmann/Ballett Hamburg( Ballett Giselle /Foto @ Kiran West
Leslie Heylmann/Ballett Hamburg/ Ballett Giselle /Foto @ Kiran West

Besuchte Vorstellung im Hamburg Ballett vom 30. April 2017 /Abendvorstellung–  

Laut John Neumeier ist Giselle „sicher das wichtigste und schönste Ballett der romantischen Zeit. Die romantische Zeit, die für viele Menschen eine Ära des Balletts schlechthin bedeutet.“ Mag der Ballettdirektor des Hamburg Balletts sich damit vielleicht auch hauptsächlich auf den klassisch-akademischen Tanzstil beziehen, so ist es doch auch von der Handlung her, das was man allgemein hin als romantisch-klassisches Ballett versteht. 

Giselle“, ist die Geschichte eines Winzermädchens (Silvia Azzoni), das sich in den als Bauern verkleideten Herzog Albert (Alexandre Riabko), verliebt. Als sie durch den eifersüchtigen Jäger Hilarion (Carsten Jung) erfährt, wer Albrecht ist und dass er mit Bathilde (Emilie Mazon) verlobt ist, verliert sie Verstand und Leben. Sie wird eine „Willi“ eine tote, tanzende Braut, die unter der Führung der Willi-Königin Myrta (Anna Laudere), den trauernden Hilarion in Verderben und Tod führen. Albrecht jedoch, kann Giselle, die über den Tod hinaus Liebende, mit ihm tanzend, retten und sich selbst von dem Zauberfluch eine Willi zu sein befreien und endgültig sterben.

Neumeier und seine Compagnie sind jedoch, wie der Ballettchef weiterhin sagt, nicht nur „eine klassische“, sondern auch eine „kreative Compagnie, die gewohnt ist, neue Dinge zu erschaffen“. Da verwundert es nicht, dass in der Hamburger Fassung, alle Personen Persönlichkeiten sind, in denen sich der Zuschauer, wiedererkennt, scheinen sie doch dem Leben, eher als der Welt der Erzählungen und Märchen entsprungen.

So wird Giselles Mutter Berthe (Patricia Friza), eine größere Bedeutung zugemessen: Sie ist blind, doch hellsichtig und sensible was das Schicksal, ihrer hier offensichtlich herzkranken Tochter angeht. Ihr Tanz ist durchgehend von, eher dem modernen Tanz zugeordneten, eckigen Bewegungen, die Neumeier bei den anderen Figuren verwendet, wenn diese besonders verzweifelt sind. Anders als in seinen Tschaikowski-Balletten, die er auch neu und anders erzählt, lässt Neumeier den, für romantische Ballette typischen, stets geisterhafteten „Weißen Akt“, nicht unangetastet von dieser klassisch modernen Verknüpfung.

Kostüme und Bühnenbild von Yannis Kokkos sind eher schlicht und ohne die Üppigkeit, (die man von den Produktionen anderer Compagnien kennt), sodass das Augenmerk des Zuschauers sich direkt auf die tänzerische und darstellerische Leistungen der Künstler konzentrieren kann, wie auch auf die erzählt Geschichte.
Diese beginnt hier im Prolog nach Giselles Tod. Im ersten Akt an der Geschichte Beteiligte betrauern sie mit Gesten, Sprüngen Drehungen und Bewegungen, wie Neumeier, sie gerne und erfolgreich nutzt um Leid und Verzweiflung glaubhaft und authentisch darzustellen. Dann erst wird die Geschichte, rückblickend erzählt.

Silvia Azzoni ist eine wirklich hinreißende Giselle. 1973 geboren, zählt sie zu den erfahreneren Tänzern der Compagnie und wirkt doch ganz wie das junge Mädchen, das sie darstellt: Vom ersten Blick an ist sie verliebt in den, den sie für einen einfachen Winzer hält und seit jeher liebt sie das Tanzen, entgegen aller Warnungen ihrer Mutter, das beides nicht gut für das kranke Herz Giselles ist.

Azzoni besticht, berührt, bezaubert und das nicht nur dank ihrer Ausstrahlung und darstellerischen Fähigkeiten, sondern in erster Linie durch ihr tänzerisches Können, ihre „musikalische Empathie“. Da sind nicht nur ihre wunderbar weichen Port de bras (Armbewegungen) Sie erfühlt, mit ihren Bewegungen, die Bedeutung der Musik, deren Aussage. So tanzt sie die komplizierte, schnelle Schrittfolge ihrer Variation im Pas de deux verspielt und leichtfüßig. Verliebt und glücklich halt.

Die gleiche Schrittfolge, zum gleichen Thema wirkt in Ausführung und Ausdruck im zweiten Akt dann furios und reif, ganz wie es der Musik- und natürlich auch, der im Tode gereiften Giselle- entspricht. Die entschlossen ist,den Geliebten trotz allem zu retten. Dann Silvias Azzonnis Schwerelosigkeit- besonders bei den Hebungen durch Hilarion oder Albert während ihres Todeskampfes wirkt sie wie schwebend, wie bereits „geisterwolkenleicht“ anmutig.

Jene „musikalische Empathie“ und ausdrucksstarke Natürlichkeit ist aber auch Alexandre Riabko nicht fremd und scheint sowieso eine Art Alleinstellungsmerkmal der Compagnie zu sein. (so wie es hart antrainierte technische Brillanz und Perfektion bei den russischen Compagnien zu sein scheint) und macht den Wiedererkennungseffekt aus. Denn auch Riabko gehört zu den, im positivsten Sinne „alten Hasen“ des Hamburg-Balletts mit jugendlicher Präsenz. Sein Albert ist erwachsener als seine Angebetete aus dem Volk, nicht der böse Verführer, sondern ein junger, lässiger Adliger, der in Giselle das findet, was seiner adligen Verlobten fehlt. Seine Reue und Verzweiflung im weißen Akt überzeugen, ebenso wie seine unbeschwerte Verliebtheit im ersten. Seine Jetés und Pirouetten sind von Leichtigkeit geprägt. Wirklich beeindruckend jedoch sind im Finale seine Sprünge über mehere Takte hinweeg und auf der Stelle, bei denen die Füße bei Absprung wie Landung parallel hintereinanderstehen, während des Sprunges drei Mal in der Luft gewechselt werden und die auf den klangvollen Namen „entrechat six“ hören. Da der Oberkörper dabei fast regungslos ist, wirkt diese Schrittfolge bisweilen etwas befremdlich, doch so ausgeführt,wie Riabko es tat, überaus imposant.

"Giselle" Ballett von John Neumeier (HAMBURG BALLETT) Foto @ Holger Badekow
„Giselle“ Ballett von John Neumeier (HAMBURG BALLETT) Foto @ Holger Badekow

Tänzerisch steht ihm Carsten Jung der Dritte im Bunde der langjährigen Publikumsmagneten in nichts nach. In der Kombination Ausstrahlung und bzw. durch tänzerisches Können jedoch übertrumpft er als unglücklich liebender Hilarion, den drei Jahre jüngeren Kollegen sogar. Die Eifersucht von Jungs Hilarion ist geprägt von Sorge um Giselle, nicht umgekehrt. Er ist nachdenklich und auf stille Art stark. Und das wortwörtlich, denn einer der intensivsten und fesselndsten Momente ist für mich, wenn Hilario, Albert in Giselles Gegenwart, die versteckten Herzogsgewänder und das Schwert präsentiert. Gefühlt eine Minute mindestens stehen die drei fast regungslos da und doch fühlt man jede Gefühlsregung, die zum Ausdruck gebracht werden soll. Ähnlich spannungsgeladen wenn auch wesentlich Aktions reicher,ist Hilarions Tod. Jung kämpft unter dem höhnischen Gelächter der Willis gegen das Versagen seiner Beine an. Verzweilung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Einer von mehreren Gänsehautmomenten an diesem Abend.

Gänsehaut beschwörte auch die intensiv empfundene und dargebotene Darstellung von Patricia Friza als Mutter Berthe herauf. Wie sie sich als Blinde bewegt, immer wieder mit großen, warnenden Gesten ihre Sorge zeigt, begeistert. Begeisterungswürdig sind auch die Leistungen der drei führenden Willis Anna Laudere als Myrta, Xue Lin als Moyna und Mayo Arii als Zulma. Selbst in diesen wichtigen, doch nicht allzu großen Rollen, zeigt sich, was ich -“musikalische Empathie“ und Ausdruckskraft nenne.

Doch was wären die dramatischen Rollen eines Stückes, gäbe es nicht auch die leichte, fröhliche Seite? Für die stehen hier einmal Florencia Chinellato und Jacopo Bellussi mit ihrem wunderbar getanzten, verliebten wirkendem Bauern Pas de deux. Stehen sie während dieses Tanzes auch selbstverständlich im Mittelpunkt von Handlung und Aufmerksamkeit, so zeigt sich doch Neumeiers Geschick für kleine Details im Hintergrund. Den von dort aus werden sie von Giselle beobachtet und der einfühlsame Zuschauer, merkt es ihr sofort an: Das ist, was sie sich wünscht, für sich und Albert. Dessen Verlobte Bathilde ist der zweite Aspekt von Leichtigkeit und Lebensfreude. Kindliche, sehr kindliche Lebensfreude, denn sie tritt mit einem Teddybären im Arm auf, neckt mit ihm im Takt und Melodie ihren genervten Vater (Eduardo Bertini) und die illustre Jagdgesellschaft . Sie lacht herzlich, als sie ihren als einfachen Bauern verkleideten Verlobten sieht, ist offen Giselle gegenüber. Zumindest bis sie deren Liebe zu Albert erkennt. Kurz, sie ist ein an einen Adeligen verhökertes Kind, so dass es nicht verwunderlich ist, dass deser nach einer jungen Frau sucht. Dargestellt wird dieses irgendwie niedlich sympathische Wesen, von Emilie Mazon und das auf bezaubernde Art. Nicht nur im Aussehen, auch in ihren Bewegungen, in ihrer Anmut erinnert sie sehr an ihre Mutter Gigi Hyatt, die diese Rolle in der rein klassischen Inszenierung/Choreographie von 1983 tanzte. Ab der nächsten Saison ist Mazon, die gerade den Oberdörffer-Preis gewann, als Solistin engagiert und so ist zu erwarten, dass sie oft und intensiv, mehr als ihren Charme zum Ausdruck bringen darf.


Viel gäbe es noch zu sagen zu dieser fantastischen Version eines romantischen Balletts, dem durch Inszenierung, Choreographie und empfindsam schauspielernde Tänzer die schwärmerische Seichtheit genommen, und eine gewisse, fast psychologische Tiefe verliehen wurde. 
Doch soll dieser Schluss reichen: Es war ein wunderschöner Abend, dank aller Beteiligter, auch denen im Orchestergraben unter der, versiert die Tänzer unterstützenden, Leitung von Simon Hewett und nicht zuletzt denen vor der Bühne, die den Genuss mit frenetischem Applaus honorierte.

*Gastartikel von Birgit Kleinfeld, Hamburg (besuchte und rezensierte Aufführung vom 30.4.17 im Hamburg Ballett)

*Homepage Hamburg Ballett

* Premiere:
Hamburg Ballett, Hamburg, 23. Juni 1983
Produktion 2000 – Premiere:
Hamburg Ballett, Hamburg, 10. Dezember 2000

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