Ein Stern allein macht keinen Sternenhimmel

„Je länger du guckst, umso mehr siehst du!“ singt Susannah in der gleichnamigen Oper von Carlisle Floyd über Sterne. Video von Megan Marie Hart.
© Stefan Romero Grieser, 2017

Wir alle blicken in der Nacht gern hinauf. Hinauf zum Himmel, an dem wir in manchen Nächten eine Vielzahl von Sternen beobachten können. Einige sind scheinbar größer und heller als andere. Aber eben das gesamte Bild von großen, mittleren und kleinen Sternen ist es, was uns so zu beeindrucken vermag. Was wäre aber, wenn wir eines Nachts nur noch die größten und hellsten Sterne erblicken würden? Die vielen anderen Sterne, die sie sonst umgeben haben, dann verschwunden sind? Wäre dies noch unser Sternenhimmel, wie er in der Literatur, in der Musik und in unzähligen Überlieferungen beschrieben wird? Vermutlich nicht. Wir würden vielmehr ins Schwarze, ins Dunkle sehen und diese funkelnde Vielfalt, die eben der Sternenhimmel hat, nicht mehr erleben können.

Zur Zeit erleben wir, wie in der Kunst, vornehmlich in der Musik- und Theaterszene, so mancher Stern droht, sein Leuchten zu verlieren. Und nur noch die großen Sterne die Kraft haben weiter zu strahlen. Der künstlerische Sternenhimmel droht seine wundervolle Vielfalt zu verlieren, wenn wir nicht alle dem entgegenwirken, auch die „Sterne“ selbst. Und dazu bedarf es auch der großen Sterne, die von ihrer Leuchtkraft einen Teil abgeben müssen. Einen künstlerischen Sternenhimmel mit all seinen großen und kleinen Sternen zu erhalten ist eine Aufgabe, die viel Kraft und Ausdauer verlangt, aber auch den persönlichen Verzicht nicht ausschliesst. Von einzelnen Sternen, oder neudeutsch auch Stars, kann ein ganzer Himmel nicht leuchten. Und wir alle blicken nur allzu gern hinauf …

 

Das englische Wort STARS, übersetzt Sterne, beschreibt einerseits das allnächtliche funkelnde Phänomen am Himmel: den Sternenhimmel. In klaren und wolkenarmen Nächten, man spricht deswegen auch von sternenklar, sind bis zu 5000 dieser Sterne am Himmel auszumachen. Einige funkeln heller, andere schwächer. Einige kommen uns größer vor, dafür wieder andere umso kleiner. In Wahrheit hängt dies aber auch von ihrer Entfernung zur Erde ab, mitunter können selbst die augenscheinlich kleinsten Sterne um ein Mehrfaches größer sein als unsere Sonne. Sehr gut nachvollziehbar im Hertzsprung-Russell-Diagramm. Das All ist in seiner Größendimension unfassbar. 

Aber das Wort Stars steht auch für Menschen, vornehmlich Künstler, die in ihrem Bereich sehr erfolgreich waren und sind und denen viel mediale Aufmerksamkeit zuteil wurde. Dazu müssen sie nicht immer die besten ihres Fachs gewesen sein. Manchmal genügt es am richtigen Ort und zur richtigen Zeit – quasi eine glückliche Fügung – auf ihrem Gebiet etwas geleistet zu haben, was ihnen dann einen besonderen Status gibt. Stars in der Kunst gab und gibt es zu allen Zeiten. Ihre Präsenz ist daher groß. Und natürlich sind viele zu Starruhm gelangte Künstler auch völlig zu recht und unbestritten dort angekommen, wo sie nun glänzend strahlen. Die Kunstszene und das Publikum braucht sie gleichermaßen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Ihr durchaus beachtlicher wirtschaftlicher Wert ist zudem auch von Wichtigkeit. Aber nun wird nicht jede Künstlerin, jeder Künstler, zu einem Star in diesem Sinne. Der Faktor Glück spielt dabei eine große Rolle. Natürlich nicht allein, dass entsprechende Können und das besondere Talent, in Verbindung mit viel individueller Disziplin für den künstlerischen Beruf, sind ebenfalls vonnöten um sich die innere Leuchtkraft zum strahlen zu erhalten.

Die Kunst braucht ihre Stars, ihre strahlenden Sterne. Aber alle! Und ich komme daher auf den Beginn dieses Artikels zurück.

Manche würden ihren Star gerne zu sich holen, wie hier das UFO die Konstanze in einer etwas anderen „Entführung aus dem Serail“.
© Stefan Romero Grieser, 2018

Die großen, die mittleren, aber auch die scheinbar kleinen Sterne sind es, die ein Gesamtes ausmachen. Und welcher Stern/Star nun am meisten wirkt – oder strahlt – hängt auch damit zusammen, wie wir, das Publikum, es erleben. In manchen Nächten kommt uns ein scheinbar kleiner Stern so groß und leuchtend vor, dass der eigentlich größte dagegen verblasst. Woran mag das liegen?  Vielleicht erreicht gerade dieser eine Stern in gerade jenem Moment unsere Sinne und vermag uns auf unbeschreibliche Weise zu vereinnahmen? Im übertragenen Sinne auf die Künstlerinnen und Künstler an Theatern und Opernhäusern angewandt, bedeutet dies, dass es nicht zwingend großer Namen und Prominenz bedarf, um uns zu berühren, zu begeistern, zu vereinnahmen. 

Wie oft haben wir Opern- und Musikfreunde es schon erlebt, dass uns eine gesangliche und/oder musikalische Darbietung so im Innersten berührt hat, dass wir alles um uns herum in diesem Moment vergessen haben, nein, sogar dankbar vergessen konnten? Uns einen strahlenden Moment bereitet hat, an den wir oft und gern zurückdenken? Sicher sind auch diese Momente in ihrer gefühlten Größe, Ausprägung und Stärke unterschiedlich. Wie die Sterne am Himmel. Eben einzigartig und nur in ihrer Gesamtheit und Vielfalt so kostbar und überwältigend. 

Wir haben es in dieser besonderen Zeit selbst in der Hand uns das gemeinsame künstlerisches Sternenzelt zu bewahren und zu erhalten. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass so mancher Stern droht zu verblassen, da seine Kraft schwindet und eine kalte und dunkle Lücke zurückbleibt. Am Ende werden selbst die größten Sterne die Kraft nicht mehr aufbringen können, dagegen anzuleuchten. Bis auf die ganz besonderen: Die Fixsterne, deren Namen Zeit und Generationen stets überdauern. Deren Leuchtkraft nie erlischt und die Inspiration und Antrieb für künftige Sterne waren, sind und bleiben. 

Eine Kraftaufgabe für alle steht bevor. Die Musikszene – und nicht nur allein die klassische – treibt gerade auf unruhiger See. Derzeit gibt es noch keinen verlässlichen Kompass, der die rettende Richtung vorgibt. Wir segeln sozusagen auf Sicht. Aber um in diesem Bild zu bleiben: ein zu stark beladenes Boot in rauer See sollte sich von unnötigem Ballast befreien. Es wäre nun auch die Zeit über vieles nachzudenken, oder noch besser, manches, was gerade in der Theater- und Opernszene an Hemmnissen vorherrscht, endlich neu zu bewerten und Althergebrachtes hinter sich zu lassen. Sei es im Tarifrecht (auch Gagenpolitik) oder in der Weise, wie die Häuser personell aufgestellt sind. Künstlerische Freiheit verträgt sich nun mal nicht mit starren hierarchischen Strukturen. Da bleibt dann vieles auf der Strecke, was eigentlich da nicht hingehört und nicht verloren gehen sollte. 

In vielen Kommentaren von betroffenen Künstlern, die derzeit unter der Situation von Corona und seinen Auswirkungen leben und arbeiten müssen, ist die Gagenpolitk der Theater ein Thema, welches immer wieder vorkommt. Viele kommunale Stadttheater, aber auch öffentlich geförderte größere Landes- und Staatstheater, sind den zuständigen Haushaltsbestimmungen verpflichtet und unterworfen. Finanzielle Spielräume sind oft eng gesteckt und werden vermutlich in der Zeit nach Corona auch nicht weiter gefasst werden können. Das Gegenteil ist anzunehmen. Die Künstlergagen machen einen großen Teil des Budgets aus. Und hier sollte die aktuell so oft geforderte Solidarität ein Maßstab sein. Solidarität setzt voraus, dass sie nicht von der einen Seite gefordert und von der anderen erbracht wird. Solidarität ist immer ein gegenseitiges Nehmen und Geben und damit ein Unterstützen der Stärkeren für die Schwächeren. Im Sinne von Gagen könnte es bedeuten, jede erbrachte Leistung möglichst einheitlich zu bewerten, also zu entlohnen.

Hands, Stefan Romero Grieser, 1998
Solidarität!
Hands, Stefan Romero Grieser, 1998

Wenn in ein und dem gleichen Theater eine Sängerin der AIDA, oder der Sänger des DON GIOVANNI (soll jetzt hier als Beispiel für alle Sängerinnen UND Sänger dienen) mal 2000 €, oder 3000 €, wieder andere gar noch viel mehr an einem Abend verdienen, obgleich sie alle die selbe Partie gesungen und dargestellt haben, muss die Frage nach der Gerechtigkeit erlaubt sein. Davon ausgegangen, dass jede/r Sänger/-In höchst professionell ihre/seine künstlerische Leistung abliefert, sind die Gagenunterschiede kaum noch verständlich zu machen. Warum also Unterschiede? An der Ausbildung kann es nicht liegen. Ein mehrjähriges und fundiertes Gesangstudium, oftmals mit Masterabschluss, verbindet alle Sänger/-Innen an den deutschen Bühnen. Sicher ist der gegenwärtige „Marktwert“ eines Künstlers von Bedeutung, wenn es um die Bezahlung geht. Ein Name, der unter Umständen ein Haus füllt, spielt dabei eine Rolle. Die Fans, die „ihren“ Star am Theater live erleben wollen, sind auch ein großer (Wirtschafts-) Faktor, den es zu bedienen gilt.

Aber ist das alles in Zeiten einer Pandemie, die viele Künstler weltweit existenziell trifft, noch vertretbar? Eine Zeit, von der wir jetzt noch nicht wissen, wann sie endet?

Wäre nicht jetzt die Zeit, annähernd einheitliche Gagen für gleiche Leistung zu fordern und auch zu zahlen? Wäre nicht jetzt die Zeit, dass Künstler mit hohen und sehr hohen Gagen zugunsten ihrer Kollegen mit kleineren und zudem unsicheren Gagen Solidarität inform von Verzicht zeigen? Sozusagen mit barer Münze? Oder einfach mal sagen: „Ich wüsste da noch jemand, der auch gerade Zeit hätte …“ Wäre nicht jetzt die Zeit, wo ein Publikum, die Öffentlichkeit, die Presse ein solch solidarisches Verhalten stark und hörbar honorieren sollte? Weil Publikum, Öffentlichkeit und Presse Theater wollen, Oper wollen, Musik erleben wollen. Und das in der gesamten Breite. Und auch noch nach Corona?!

Wäre nicht jetzt die Zeit dafür jeden unserer verfügbaren Stars/Sterne zu engagieren? Denn dass die Sterne nur scheinbar groß oder klein sind, ist nun mal so. Es kommt nur immer auf den jeweiligen Blickwinkel an. Jeder einzelne Stern ist von großem Wert. Doch in ihrer Gesamtheit sind sie unendlich wertvoll und für die Menschen unverzichtbar.  

Und wir schauen doch alle gern hinauf in diesen großen und unendlich wirkenden Himmel mit all seinen Sternen …

 

  • Gedanken von Detlef Obens / DAS OPERNMAGAZIN
  • Titelfoto: Die Sternenhalle der Königin der Nacht – Bühnenbild für Mozarts Zauberflöte von K. F. Schinkel. CC BY-NC-SA, Staatliche Museen, Berlin
  • besonderen Dank an Stefan Romero Grieser für seine kunstvollen Bilder

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