
Aida – Verdis große Oper über eine Frau, die zerrissen ist von Liebe zu einem Mann, der als Krieger ihr eigenes Volk bedroht und bekämpft und der tiefen Sehnsucht nach ihrer Heimat. Am Ende opfert sich Aida zuerst für die Menschen ihres Heimatlandes und dann für den Mann, den sie nicht lieben durfte. Liebe, Sehnsüchte, menschliches Verlangen in Zeiten von Krieg, Leid und Tod. Eine Pflanze, die einfach nicht wachsen und gedeihen durfte, weil Menschen Kriege führen, weil sie meinen, mit Kriegen Probleme lösen zu können. Am Ende töten sie Menschen und noch viel mehr: sie zerstören Hoffnung und Zukunft. Die Darmstädter Aida-Inszenierung der israelischen Regisseurin Noa Naamat beeindruckt und überwältigt mit ihrer klaren Aussage GEGEN Krieg und FÜR Frieden. Denn nur der Frieden ist alternativlos. Das italienische Wort für Frieden ist „Pace“ und mit diesem Wort endet Giuseppe Verdis Oper Aida. Flehentlich von Amneris gesungen und mit Blut auf die Wand geschrieben, hinter der Radames und Aida gemeinsam vom Leben Abschied nehmen. Ein starkes Schlussbild! „Pace t’imploro! Pace, pace … pace!“ (Rezension der besuchten Vorstellung vom 17. Januar 2026)
Aida, eine Oper, die schon seit ihrer Uraufführung an Heiligabend des Jahres 1871 in Kairo die Menschen begeistert und berührt hat und die in unzähligen Inszenierungen oft als ein großes Opernspektakel dargestellt wurde und wird. Die Aufführungen in der Arena di Verona mögen da beispielhaft für sein. Nicht zuletzt der Triumphmarsch des zweiten Aktes mit seinem großen Chor, den Solisten der Oper und dem vollen Orchesterklang verleitet viele Regisseure dazu, eben diese Szene in prachtvoller, nahezu üppiger Weise darzustellen und Verdis überwältigende Musik und Orchesterbesetzung tut ihr Weiteres dazu. Aber Aida ist so viel mehr als nur „große Oper“. Vielmehr ist das Werk auch – und gerade – ein Kammerspiel aus dem Blickwinkel der Hauptpersonen. Eben jener Aida, die als äthiopische Sklavin bei den ägyptischen Besatzern ihres Landes leben muss, dem Krieger Radames, den sie heimlich liebt, obgleich er ihr Volk bekämpft und Amneris, der Königstochter des verfeindeten Landes, der sie dienen und gehorchen muss. Und die gleichzeitig auch ihre Rivalin um die Liebe zu Radames ist. Und dann ist auch noch Amonasro, ihr Vater und König der Äthiopier, in Gefangenschaft geraten. Dieser verlangt von Aida, dass sie ihre Liebe zu Radames dazu nutzt, um an Kriegsgeheimnisse zu gelangen, die ihn, Amonasro, dazu befähigen, dem Krieg eine für ihn günstige Wendung zu geben. Aida kann in dieser Konstellation nur verlieren. Und doch ist sie in Verdis Oper die alleinig Starke unter all den Schwachen, die sie umgeben.

Die Regisseurin Noa Naamat lässt ihre Aida nicht zu Zeiten der Pharaone, mit viel Wüstensand und ägyptischen Lokalkolorit spielen. Sie versetzt die Handlung in die aktuelle Zeit, in der Kriege weitaus technischer und präziser geführt werden. In der die Waffen immer tödlicher, immer zerstörerischer werden. Wo ganze Industrien davon leben, dass die Nachfrage nach Waffen aller Art bedient wird. Kriege gab und gibt es seit Menschengedenken. Während zu früheren Zeiten mit einfachsten Mitteln gekämpft wurde, wo „Mann gegen Mann“ das Mittel der Wahl war um die Befehle und Wünsche der Mächtigen zu erfüllen, sind es jetzt tödliche High-tech-Waffenfabrikate die zum Einsatz kommen. Zum Einsatz Mensch gegen Mensch. Geblieben ist aber eines: Menschen sterben und andere Menschen bleiben trauernd, verletzt und traumatisiert zurück. Und in einer solchen apokalyptischen Szenerie spielt die Darmstädter Aida-Neuinszenierung.
Noa Naamat
Noa Naamat, hebräisch נועה נעמת, wurde 1990 in Israel in eine mizrahi-jüdische Arbeiterfamilie hineingebore, mit Wurzeln im Irak, Afghanistan und der Türkei. Sie wuchs mit mittelöstlichen kulturellen Einflüsse auf, euopäische Kultur, insbesondere Oper, waren nicht Teil ihrer Erziehung. In der Schule entdeckte sie das Theater und inszenierte mit 16 Ionescos Die Unterrichtsstunde. Mit 19 erlebte sie mit Faust ihre erste Oper und bewarb sich zwei Wochen später voller Begeisterung an der Israeli Opera. Dort arbeitete sie an ihrer ersten Produktion, David Pountneys Inszenierung von Halévis „La Juive“, bevor sie 2012 ihr Studium der Theaterwissenschaft an der Royal Central School of Speech and Drama in London begann. Sie studierte Italienisch und Operngeschichte an der Accademia Europea in Florenz und erhielt ihren Masterabschluss in Regie 2016 am Royal Conservatoire of Scotland. Als Spielleiterin und Regieassistentin wirkte sie an renommierten Opernhäusern, darunter die Wiener Staatsoper, die Scottish Opera, das Deutsche Nationaltheater Weimar, das Maggio Musicale Fiorentino und das Teatro dell’Opera di Roma. 2017 wurde sie als bislang jüngste Regisseurin in das angesehene Jette Parker Young Artists Programme des Royal Opera House aufgenommen. Als freiberufliche Regisseurin inszenierte Naamat seitdem Produktionen für verschiedene Opernhäuser, darunter die Staatsoperette Dresden, die Royal Danish Opera, die Opéra Royal de Versailles, das Mecklenburgische Staatstheater, das Copenhagen Opera Festival, das Beijing Music Festival und das Royal Opera House.
Die Israelin Noa Naamat, sicher geprägt vom dauerhaft schwelenden Nahostkonflikt, zeigt hier auf sehr bedrückende Weise, wie Menschen agieren und reagieren, die unter einer ständigen Bedrohungslage leben müssen. Besonders gelingt ihr dies in der großen Triumphszene der Oper. Dort, wo Radames vom Volk als Sieger bejubelt wird, lässt sie Kampfjets durch das Theater donnern, lässt Kanonen ihre tödliche Fracht verschießen und Menschen atemlos werden. Während Verdis populärer Triumphmusik erschallt all das über die Raumklang-Lautsprecher des Staatstheaters Darmstadt. Und alle erleben hör- und sichtbar mit, was Radames, der von den Kriegsherren Gefeierte, gerade durchlebt. Aus dem einst so motivierten Soldaten ist ein schwer traumatisierter Mensch geworden. Dies und die Schlussszene dieser Darmstädter Operninszenierung, in der eine völlig resignierte Amneris das Wort „Pace“ an die Verlieswand schreibt, während Kinder um sie herumtollen, sind starke Bilder. Ein Plädoyer für Frieden und gegen Krieg. Man kann es nicht oft genug sagen und schreiben!
Das drehbare Bühnenbild (Bühne: Bettina John und Noa Naamat / Kostüme: Bettina John) zeigt eine zerstörte, zerbombte, Kulisse in der Menschen leben und sich mit allem, was um sie herum, geschieht, arrangieren müssen. Sie haben keine Wahl. Den Kriegen der Mächtigen sind sie ausgeliefert. Naamat lässt in all dem Chaos Kinder spielen. Während die Erwachsenen leiden und verzweifelt sind, machen Kinder, was Kinder schon immer gemacht haben: sie spielen. Sie leben für diese Zeit ihr kindliches Leben. Auch, wenn die Bomben um sie herum in die Häuser knallen – wie es in einer Szene nachhaltig dargestellt wurde – spielen sie doch nach einer Pause weiter. Da wo Kinder spielen erwächst Zukunft. Die Erwachsenen sind verantwortlich dafür, dass diese Spielplätze nicht weniger sondern viel mehr werden.
Die große Publikumsnachfrage nach Karten für diese Aida ist auch ein deutlicher Hinweis darauf, dass Noa Naamat den Nerv sehr vieler Opernbesucher mit ihrer Darstellung von Verdis Aida getroffen hat. Die teils drastisch wirkenden Sequenzen korrespondieren auf sehr eindringliche Weise mit den sensiblen, zarten und sehr menschlichen Momenten dieser Inszenierung.
Auch musikalisch weis die Darmstädter Aida zu überzeugen! Alle Solisten wurden vom Publikum für ihre jeweiligen Darstellungen gefeiert.

Mit Megan Marie Hart verfügt Darmstadt über eine Aida von großem sängerischen und darstellerischen Format. Und die benötigt diese Inszenierung auch. Fast ständig auf der Bühne präsent, überzeugt Frau Hart auch in ihren stummen Momenten mit ihrem Spiel und ihrem körperlichen Einsatz. Gesanglich hat sie diese Partie ohnehin verinnerlicht. Ihr Sopran blüht in den Höhen – und davon hat Verdi seiner Aida einige in die Partitur komponiert – kraftvoll und sehr sicher auf und entfaltet sich auch in den tieferen Lagen ebenso intensiv. Berückend schön ihre „Nilszene“ im dritten Akt mit einem fast dahingehauchten „mai più ti rivedrò!“ – Ein solistischer Glanzpunkt!
Als ihr geliebter Radames trumpfte Matthew Vickers mit höhensicherer und durchsetzungskräftiger Tenorstimme auf. Darstellerisch auch bis an die Grenzen gehend, vermittelte er den Zuschauern das Bild von einem vom Krieg schwer traumatisierten Mann. Großartig sein „Sacerdote, io resto a te“ am Ende des dritten Akt und im Duett mit Megan Marie Hart das Schlussduett „O terra, addio; addio, valle di pianti …“.
Amonasro, Aidas Vater, wurde vom Bariton Aris Argiris in unnachahmlicher Weise gesungen und dargestellt. Der nicht nur in Darmstadt sehr beliebte Opernsänger überzeugte mit seiner raumfüllenden, dabei auch sehr klangschönen, Stimme und verlieh der Partie eine große und besondere Dramatik. Für Verdis Baritonpartien ist Argiris schlichtweg immer eine Idealbesetzung. Das Duett mit ihm und Aida im dritten Akt wurde zu einem der Höhepunkte der Vorstellung.
Ks. Katrin Gerstenberger verlieh der Amneris ein zunächst starkes und dominantes, zum Ende hin sehr verletzliches Profil. In den Auseinandersetzungen mit Aida ließ sie all ihre Bühnenerfahrung einfließen und stellte die Amneris als gefühlskalte und herzlose Königsstochter dar, die aber im Finale der Oper all ihre Weichheit, auch mit ihren stimmlichen Mitteln, offenbarte.
Der Bass Zaza Gagua trumpfte mit voller und kräftiger Stimme auf und gab einen dominanten und empathielosen Oberpriester Ramfis. Ein beeindruckendes Rollenportrait des georgischen Opernsängers!

Johannes Seokhoon Moon gab dem König majestätisches Profil und stellte in dieser Inszenierung einen Machthaber dar, der als Getriebener seiner Anhängerschaft fast schon machtlos erschien. Die Hohepriesterin wurde von der Sopranistin Ofeliya Pogosyan mit beeindruckend klarer Stimme gesungen.
Aufhorchen ließ in der kleinen Partie des Il Messagero (Bote) der mexikanische Tenor Marco Mondragón mit einer angenehmen, dabei aber sehr präsenten Stimme. Fast schon als eine Luxusbesetzung für diese kleine Partie zu bezeichnen.
Hervorragend einstudiert der Opernchor und der Extrachor des Staatstheaters Darmstadt, sowie ein Gastchor, unter der Leitung von Alice Meregaglia und Guillaume Fauchère. Der Chor, wie auch die Statisterie des Staatstheaters Darmstadt sind stark in die Inszenierung eingebunden und erhielten völlig zu Recht vom Publikum großen Beifall.
Johannes Zahn am Pult des Staatsorchesters Darmstadt ließ seine Musiker einen spannungsgeladenen, kraftvollen und dramatisch angelegten Verdi aufspielen und führte sie auch durch die eher stillen Passagen der Partitur.
Das Publikum dankte allen Mitwirkenden mit großem Applaus und vielen Bravorufen für einen Opernabend, der sicher im positiven Sinne als sehr besonders zu bezeichnen ist. Es folgen nur noch zwei weitere Aida-Vorstellungen in Darmstadt: Am 23.1. und zum letzten Mal am 6.2.2026. Danach geht die Koproduktion mit der Finnischen Nationaloper nach Helsinki.
- Rezension von Detlef Obens / DAS OPERNMAGAZIN
- Staatstheater Darmstadt / Stückeseite
- Titelfoto: Staatstheater Darmstadt / AIDA/ Megan Marie Hart/ Foto: Nils Heck