„DIE WALKÜRE“ IM RAUSCH DER FARBEN – Bayreuther Festspiele 2021

Die Walküre/Bayreuther Festspiele 2021; Photo © Enrico Nawrath

„wer wagner liebt, muss hören können, farbens, berauschendste farben hören können, töne und farben, die sich zu einer sprache psychologischer äusserungen und zustände verdichten.“  (Hermann Nitsch)

Monate vor dem Festspielsommer 20/21 wurde in der Presse stigmatisierend der „Blutkünstler“ Hermann Nitsch angekündigt. Welch Enttäuschung für jene Berichterstatter, aber welch ein Fest als die Walküre nicht in Blut-, sondern in Farbrausch mündet. (Gastrezension über die besuchte Generalprobe v. 23.7.21)

 

Die Stimmen verstummen, der Vorhang öffnet sich. Grelles Weiß einer von gefüllten Farbeimern flankierten liegenden sowie einer dahinter aufrecht stehenden Leinwand strahlt in das Dunkel des Auditoriums. Vor den Bühnenraum bildenden Malflächen sind Stühle für die konzertante Darstellung der Sänger*innen positioniert.

Die Walküre/Bayreuther Festspiele 2021; Photo © Enrico Nawrath

Das Kostümbild hat es dieses Jahr merklich einfach: Im Kontrast zu den zehn weiß gekleidet agierenden Mal-Assistent*innen treten die Charaktere in schwarzen Kutten auf. Der Fokus wird in dieser Bühnenaufstellung direkt auf den Einsatz und die Ausdruckskraft der Farben gelenkt.

Das Orchester setzt ein, der Sturm tobt, er umwirbelt uns und lässt das Auge eintauchen in saftiges Grün, tiefes Blau und Violett. Während es bunt über die vertikale Leinwand strömt, schütten weitere Assistenten unter Nitschs (für den Besucher nicht wahrnehmbaren) Anweisungen messbecher-große Farbmengen auf den horizontalen Farbträger. Die Unmöglichkeit, das Farbergebnis vollends zu planen stützt die bereits musikkompositorisch angelegte Lebendigkeit.

Die Walküre/Bayreuther Festspiele 2021; Photo © Enrico Nawrath

Je nach Stimmung und Charakter ändert sich die Farbgebung. So ist der erste Aufzug geprägt von hellen und dunklen blauen, zarten, tiefen violetten, leuchtend pinken, weißen, grau-blauen, schwarzen, gelben, grell grünen Eindrücken. Der zweite Akt gestaltet sich vielfältiger und kontrastreicher, wechselnd zwischen Orange, Gelb, Rot, Blau, Grün, Blau-Grau, Weiß, Braun, Schwarz, Pink und Gelb. Mit Siegmunds Tod bettet Nitsch eines seiner Kreuz-Rituale in dem Malvorgang ein; Blutrot fließt vom Mund der am Kreuz hängenden Frau auf das weiße Gewand, parallel dazu bildet sich ein rot-orangenes Rinnsal im Hintergrund. Der dritte überwältigende in warme Gelb-, Orange-, Rosa-, Pink- und Rottöne gehüllte Akt mit dunkelgrünen, blauen und weißen Akzenten endete mit einem inmitten der fliegenden Farbspritzer (die zum „Feuerzauber“ wie wabernde Lohe erstmals an das große Rinnbild geworfen werden) positioniertem Statisten am Kreuz, hinter ihm ein die Monstranz hochhaltender weiterer Statist mit verbundenen Augen. Über den Bezug zum Inhalt des Dramas könnte man hier streiten. Aber es wäre nicht Nitsch, ganz ohne Ritus.

Dass sich ein Aufzug dem Ende neigt, merkt man außerdem an dem Auftritt der reizenden jungen Assistentin, deren Aufgabe es ist, pastose Farbmassen auf die liegende Leinwand zu werfen und sie über sinnliches Bewegen, Recken, Beugen mit den Händen zu verteilen.

Die Walküre/Bayreuther Festspiele 2021; Photo © Enrico Nawrath

Es bedarf keiner tiefreichenden synästhetischen Vorerfahrung, um schon mit ersten herabrinnenden Farbbahnen zum Vorspiel eine bedeutungsträchtige Farbwahl in enger Beziehung zur Musik und ihres Gehalts zu erkennen. Klang und Farbton greifen auf bestimmte Areale unserer Empfindungen zu; Assoziationen zu Farbe und Musik harmonieren dabei. Ganz im Sinne des Gesamtwerk-Gedankens, drängt sich hier keine der Teilkünste auf, geschweige denn in den Vordergrund. Es ist ein beidseitiges Verstärken, Ergänzen und Erweitern der Wirkungskraft dieses musikalischen Malprozesses, welche mittels der visuellen Abstraktion das Publikum umso direkter berührt.

Eine solche selbst für Bayreuther Verhältnisse neuartige Malaktion lenkt die Konzentration unweigerlich auf das Symbiosen-Erlebnis. Es dauert eine Weile bis die erste Welle der Attraktion nachgelassen hat und die Augen erlauben, sich den Sänger*innen zu widmen.

Versuche, sich auf die Wiedergabe der gesamte Farbfülle zu beschränken, die in ihrer Schichtung und Mischungen umso mannigfaltiger wirkt, müssen scheitern! Mit Hinblick auf die Wirkungssteigerung durch das Wechselspiel der Künste lassen sich jedoch wesentliche Details hervorheben: Synchron anschwellende und sich durchsetzende Momente treiben die dramatische Spannungskurve an. Siegmunds Tod (Schwarz), das drohende Unheil der Götterwelt (Königsblau, Dunkelblau, Schwarz) und Frickas giftigen Worte (Schlammgrau/-blau, Dunkelokka), die wilde Lebenskraft der Walkürenschwestern (Gelb, Rosa, Orange, Pink, Rot) nehmen im Verlauf zunehmend Raum ein. Ähnlich der „Leitmotivik“ erfüllen sie auf anderer Wahrnehmungsebene eine verwandte Funktion.

Genannte Steigerungen sind musikalisch ebenfalls großartig umgesetzt. Unter der erfrischenden und klaren Leitung Pietari Inkinens erwuchs aus den zunächst bedrohlich grollenden dann bedrückenden klanglichen Stimmungsbildern ein ekstatisch lebensbejahendes Klangvolumen, welches durch den ökonomischen Umgang mit Übergängen und Schlüsselmomenten einen das Publikum hinreißenden Sog entwickelte. Zugleich machte sich dieses wesentliche Wagnersche Charakteristikum in der ausgeführten Aktionskunst bemerkbar, indem visuell erlebbares Trüben, Aufhellen, Kontrastieren oder Überlagern den Höhepunkten erst ihre volle farbgewaltige Wirkungskraft ermöglichten.

Die Walküre/Bayreuther Festspiele 2021/Lise Davidsen/; Photo © Enrico Nawrath

Obwohl das Mimische und somit wohl auch die Stimmen etwas gehemmt schienen, machte sich auch hier eine alle Künste durchziehende Entwicklung bemerkbar. Was man Sieglinde (Lise Davidsen) zu Beginn noch kritisch als zu glatt und zurückgenommen anheften mochte, entpuppte sich in den drauffolgenden Aufzügen als bewusstes Spiel mit musikdramatischer Intensität – selten hat man ein solch herzzerreißendes, schmerzhaft-schönes und klares „Stoße Dein Schwert“, „O herstes Wunder“ und „Rette die Mutter“ zu hören bekommen.

Siegmund (Klaus Florian Vogt) stand etwas hinter seiner Geliebten zurück, gewann jedoch die Herzen durch seine Authentizität in seiner dramatischen Leistung und dem feinfühligen An- und Abschwellen der Töne. Vogt glaubhaftes Aufgehen in seiner Rolle ließ glatt den Sänger hinter der Rolle vergessen, wenn er innbrünstig ausrief Siegmund zu heißen.

Mit diesem Wotan (Günther Groissböck) hätte Bayreuth einen würdigen Vertreter gewonnen, in seiner Stimmgewalt samt klar akzentuierter Aussprache und der majestätisch erhabenen Haltung. Bedauerlicherweise trat Groissböck wenige Tage vor der Premiere zurück. (In der Premiere sang Tomasz Konieczny den Wotan. Dazu auf DAS OPERNMAGAZIN später mehr. Red.)

Die Walküre/Bayreuther Festspiele 2021/Irene Theorin/ Photo © Enrico Nawrath

Brünnhilde (Iréne Theorin) trug durch ihren entscheidenden Charakter und bisherige Glanzleistungen in dieser Rolle die doppelte Last höchstgesteckter Erwartungshaltung, die sie trotz der Gänsehautmomente ihrer Schlachtmaid-Rufe nicht vollends erfüllen konnte. Das neben der Stärke zugleich mitfühlende Wesen Brünnhildens hätte deutlicher werden müssen.  Möglicherweise liegt Theorins Stärke im leidenschaftlichen Zusammenspiel von Darstellung und Gesang – die Voraussetzung war in dem Format nicht gegeben.

Hunding (Dmitry Belosselskiy) und Fricka (Christa Mayer) erfüllten ihre Rollen souverän mit klarer Deklamation und Stimme. Die Walküren erstrahlten mit charakteristischen Stimmen wie die leuchtenden Szenenfarben.

„wagner hat mich mein ganzes leben fasziniert. wegen dieser wunderbaren, schwelgerischen, sinnlichen musik, die den klang über die melodie hinaus zum blühen bringt.“ (Hermann Nitsch)

Wagners Musik durch einen Nitsch-Filter zu erleben, eröffnet einen neuen Zugang zu Wagner wie auch zum Aktionskünstler Nitsch. Leuchtende Farben, blühende Farben, das pralle Leben erlebt man diese Tage in Bayreuth. Die volle Wucht des Seins und eine unvergleichliche Lebensbejahung spricht aus Bildern eines 82-Jährigen.

Vielleicht sehen wir Wagners Musik in Zukunft mit anderen Farben.

 

 

Die Rezensentin, Gastautorin bei DAS OPERNMAGAZIN: Christina Lena Monschau (*1991) studierte zunächst Kunst, wechselte dann aus stärkerem Interesse an Korrelationen zwischen unterschiedlichen Künsten zur Kunstgeschichte und Musikwissenschaft. Ihr Forschungsschwerpunkt umfasst interdisziplinäre Fragestellungen und die Musik des 19. Jahrhunderts. 2020 publizierte sie ihre erste Monografie „Mimik in Wagners Musikdramen“.  Aktuell widmet sie sich an der a.r.t.e.s. Graduate School der Universität zu Köln ihrer Dissertation zur Expressivität in Wagners Ring-Zyklus („Musik durch Auge und Ohr. Zur Expressivität im Wechselspiel der Künste in Wagners ´Ring des Nibelungen´“). / Link zu ihrem Dissertationsprojekt

 

 

 

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