Die Träume der Vergänglichkeit – der neue Rosenkavalier an der Bayerischen Staatsoper

Bayerische Staatsoper/ROSENKAVALIER/V. Jurowski/Foto @ Wilfried Hösl

Die Messlatte der ersten Premiere unter der musikalischen Leitung von Vladimir Jurowski als neuer Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper lag diesmal besonders hoch. Denn kein Werk hat das Münchner Opernhaus derart geprägt wie Richard Strauss‘ „Der Rosenkavalier“. Die Vorgängerinszenierung von Otto Schenk sorgte über fünf Jahrzehnte für unzählige Sternstunden – und die Erinnerungen währen beim Publikum bis heute. Für keine andere Oper stand Carlos Kleiber nach der Premiere im Jahr 1972 derart häufig am Pult des Bayerischen Staatsorchesters. Lucia Popp und Brigitte Fassbaender schufen über die Jahre exemplarische Rollenporträts der Sophie und des Octavian, später auch der Marschallin. Nach ihrem Bühnenabschied betreute Fassbaender sogar selbst die szenische Neueinstudierung dieser Schenk-Inszenierung. Vor vier Jahren fiel schließlich der letzte Vorhang, niemand geringeres als Kirill Petrenko leitete die Abschiedsvorstellung der legendären Produktion. (Rezension der besuchten Vorstellung v. 11.05.2022)

 

Nun nahmen sich Kultregisseur Barrie Kosky und GMD Vladimir Jurowski der anspruchsvollen Aufgabe einer Neuinszenierung an – und triumphierten! Wer Koskys szenische Herangehensweise an eine Oper kennt, durfte schon erahnen, dass der neue „Rosenkavalier“ natürlich auch opulent sein wird. Aber Kosky schafft eine Opulenz der anderen Art. Bei ihm ist es mehr eine minimalistische Deutung – Kosky inszeniert das Prachtvolle und Außergewöhnliche lediglich in einzelnen Momenten und lässt diese dadurch umso stärker erscheinen.

Den ersten Aufzug widmet der Regisseur vollständig der Figur der Feldmarschallin. Das ausufernde Rokoko der Vorgängerinszenierung behält er bei, deutet dies aber lediglich dezent an. Auf eingeschobenen Bühnenelementen bleibt die Epoche in einem ästhetisch ansprechenden, schwarz-silbernem Farbenkleid stets präsent, wenn auch nur als Beigabe. Erst vor dem inneren Auge des Betrachters setzt sich das Bild in seiner Vollständigkeit zusammen und blüht prächtig auf. So stellt Kosky die Vergänglichkeit einer Epoche, die es so wie in Hofmannsthals Dichtung dargestellt nie gegeben hat, in Beziehung zur Figur der Marschallin. Diese sinniert ja gerade mit ihrer unbeständigen Affäre zu Octavian, das Vergängliche ihrer Selbst doch noch festhalten zu können.

Bayerische Staatsoper/ROSENKAVALIER/M. Petersen/Foto @ Wilfried Hösl

Welch ein Coup, dass ausgerechnet Marlis Petersen, sie gilt als Ikone der Bayerischen Staatsoper schlechthin, mit einem Rollendebüt für diese Neuinszenierung gewonnen werden konnte. Seit letztem Sommer ist sie auch Kammersängerin des Hauses. Petersen legte die Anziehungskraft und Sinnlichkeit, aber auch die Selbstbestimmung einer Lulu und Salome, in ihre Interpretation der Marschallin. Sie führte ihre Stimme schlank und mit Präzision. Die Worte der Dichtung mit dem Sinnieren über Zeit und Vergangenheit formte sie in schauspielerischer Eleganz. Mit treffender Akzentuierung einzelner Spitzentöne schuf sie sich den ihr gebührenden Raum. Diese Fürstin Werdenberg wirkte authentisch, mit einem Hauch natürlicher Erhabenheit. Petersen versprühte einen Reiz, dem sich niemand entziehen konnte; nicht Octavian, auch nicht der Baron Ochs auf Lerchenau – und schon gar nicht das Publikum. Dieses feierte Petersens fesselnde, auch mimisch vollkommen rollenfüllende Darbietung mit jubelnden Ovationen.

Bayerische Staatsoper/ROSENKAVALIER/M. Petersen, L. Redpat /Foto @ Wilfried Hösl

Der zweite Aufzug gilt der bürgerlichen Welt von Sophie und ihrer Familie. Auch sie lebt und träumt sich in eine Opulenz. Hier ist es die Opulenz der Künste, Sophies Schlafzimmer gleicht einer Museumsausstellung. Sie strebt nach den Idealen der Klassik, dem „Wahren, Schönen und Guten“. Was als ihr Traum beginnt, wird jedoch als Albtraum zur Realität. Die üppig staffierte silberne Kutsche, aus welcher Octavian entsteigt, wird sogleich vom Baron Ochs vereinnahmt. Der Regisseur Kosky lässt seine Figur in diesem Aufzug leiden, gar zerbrechen, nur um sie nach dem sentimentalen Duett zu ungeahnter Größe aufsteigen zu lassen. Während der Baron in Sophies Intimsphäre drängt, ihren Traum besudelt und dann ihr Bett in Beschlag nimmt, findet sie nur einen Ausweg aus dem Albtraum: Sie tötet den Baron, ein Sieg, der auch den patriarchalen Verhältnissen des Bürgertums der damaligen Zeit gilt. Liv Redpath leuchtete in der Partie der Sophie mit klangschöner, lautmalerischer Sopranstimme. Daniela Köhler (die neue Bayreuther Brünnhilde) versprühte als Jungfer Marianne Leitmetzerin eine überraschend jugendliche Frische, während Johannes Martin Kränzle mit ungeahntem Witz und Tiefe in der ansonsten so biederen Figur des Faninal glänzte.

Der dritte Aufzug dieser Inszenierung gilt der Titelfigur des Werks, Octavian. Es sei nicht zu viel verraten, man muss es einfach selbst erleben! Kosky führt das „Theater auf dem Theater“ ad absurdum und inszeniert in unglaublichem Tempo. Mit dem Verkleidungsspiel und der überzogene Dramatik lässt er die Figur des Octavian als Schauspieler schlechthin erscheinen. Samantha Hankey bestach durch leidenschaftliche, charismatische Darstellung bei zugleich akkurater Befolgung der Gesangslinie. Die Partie des Octavian lag ideal für ihre cremig-intensive Mezzostimme.

Bayerische Staatsoper/ROSENKAVALIER/C. Fischesser, L. Redpat/Foto @ Wilfried Hösl

Die stimmliche und szenische Leistung von Christof Fischesser als Baron Ochs auf Lerchenau kann man nicht hoch genug loben: Schlussendlich veredelte seine pointierte-hitzige, souveräne Interpretation mit fester, eindringlicher Stimmführung diese Aufführung zu einer weiteren Sternstunde der Bayerischen Staatsoper.

Den Jubelstürmen zum Schlussapplaus nach zu deuten, hat Vladimir Jurowski am Pult des Bayerischen Staatsorchesters mit seinem Dirigat des „Rosenkavaliers“ die Herzen des anspruchsvollen Münchner Opernpublikums erobert. Die Feuerprobe ist bestanden, derart lautstark haben die Münchner zuletzt nur für „ihren Petrenko“ geklatscht. Jurowskis kraftvoll-akzentuiertes Dirigat ließ trotz Öffnung zahlreicher Partiturstriche keine Minute Langeweile aufkommen. Sein „Rosenkavalier“ strotzte vor Temperament und Witz. Und doch stellte Jurowski die Vitalität der Komposition Strauss‘ in den Mittelpunkt seiner Interpretation. Die Süße des Wiener Walzerschmelzes war nicht seins – man verzeiht es ihm, da sein Dirigat so erfrischend war! Und wer der alten Inszenierung dennoch nachweint, der kann natürlich weiterhin an die Wiener Staatsoper reisen, wo der „Schenk-Rosenkavalier“ vermutlich bis in alle Ewigkeit fest im Repertoire der Staatsoper verankert bleiben wird.

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bayerische Staatsoper / Stückeseite
  • Titelfoto:  Bayerische Staatsoper/ROSENKAVALIER/M. Petersen, L. Redpat/Foto @ Wilfried Hösl

 

 

 

 

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