„Adriana Lecouvreur“ als Hommage an das Theater begeistert in der Oper Düsseldorf

Deutsche Oper am Rhein/ADRIANA LECOUVREUR/Liana Aleksanyan, Ramona Zaharia/Foto: Hans Jörg Michel

Diese Inszenierung hat die Ästhetik eines Musicals mit der musikalischen Substanz einer anspruchsvollen Oper. Adriana Lecouvreur ist die gefeierte Schauspiel-Diva, die auf dem Zenit ihrer Karriere mit der Mäzenin, Fürstin von Bouillon, um die Liebe des Prinzen Moritz von Sachsen konkurriert und letzten Endes von ihrer Rivalin vergiftet wird. Adriana lebt nur für ihre Kunst und fesselt mit ihrem intensiven Spiel und faszinierender Natürlichkeit ihr Publikum. Regisseur und Ausstatter Gianluca Falaschi und Dirigent Antonio Fogliani machen aus diesem Künstlerdrama eine Art Revuetheater, bei dem sich spektakulär choreographierte Szenen auf der Bühne mit intimen Szenen, die hinter der Bühne spielen, abwechseln. Der Regisseur und Ausstatter Falaschi verlegt die Geschichte in die 40-er Jahre nach Hollywood mit der Ästhetik der Filme mit Fred Astaire und Ginger Rogers. Die opulente Ausstattung und die extravaganten Kostüme sind eine Augenweide. Die beiden Diven Liana Aleksanyan als Adriana Lecouvreur und Ramona Zaharia als Fürstin von Bouillon überzeugten auf der ganzen Linie und rissen das Premierenpublikum zu lange anhaltendem Beifall hin.(Rezension der Premiere vom 14. Mai 2022)

 

Die Schauspielerin Adrienne Lecouvreur hat es tatsächlich gegeben. Sie war Star der Comédie Francaise in Paris ab 1717, damals erst 23 Jahre alt, der jeden Abend 1000 Menschen zujubelten. In eine Liebesaffäre mit Prinz Moritz von Sachsen verstrickt starb sie 1740 ganz plötzlich unter mysteriösen Umständen. Das Gerücht ging, die eifersüchtige Fürstin von Bouillon habe sie vergiftet. Eugène Scribe und Ernest Legouvé machten aus dieser Geschichte ein Schauspiel, das Francisco Cilea, Zeitgenosse Puccinis, mit einem Libretto von Arturo Colautti zu einer Oper, die die Rivalität zweier Frauen um einen Mann mit einem Künstlerdrama verknüpfte, verarbeitete. Die Rolle der Adriana wurde später von Diven wie Sarah Bernard, Eleonora Duse und Maria Callas gespielt. Adrienne Lecouvreur war eine der ersten Schauspielerinnen, die auch gesellschaftliches Ansehen genossen. Voltaire soll einer ihrer Verehrer gewesen sein.

Deutsche Oper am Rhein/ADRIANA LECOUVREUR/Liana Aleksanyan/Foto: Hans Jörg Michel

Die armenische Sopranistin Liana Aleksanyan als Adriana stellte glaubhaft mit durchaus jugendlichem Charme die gefeierte Schauspielerin dar, die ihren Lebensinhalt einzig in ihrer Kunst sieht. Mit ihrem ausdrucksstarken Sopran gestaltet sie berauschend schöne Gesangslinien, kann sich aber auch gegen ihre Rivalin mit starken Ausbrüchen behaupten. Stilsicher deklamierte sie gesprochene Theatertexte von Racine zu leiser Musik. Ganz in ihre Rollen versunken ist sie vom Glamour des Theaters und der Gunst des Publikums psychisch abhängig. In wichtigen Momenten zitiert sie ihre Rollen statt frei zu formulieren. So bezichtigt sie ihre Rivalin, die Fürstin, mit einem Monolog aus „Phädra“ öffentlich der Untreue. Mit ihrem Abschied von der Bühne ist der Sinn ihres Lebens dahin, und sie stirbt, bevor sie den Heiratsantrag ihres Geliebten Mauricio annehmen kann. Die historische Adrienne Lecouvreur stammte aus einfachen Verhältnissen und hat durch ihr natürliches Spiel die Schauspielkunst ihrer Zeit erneuert. Vieles erinnert an Filmstars der beginnenden Tonfilmzeit, die als Typen aufgebaut wurden und häufig nur „sich selbst“ spielten und darüber in ihrem Privatleben scheiterten.

Ramona Zaharia verkörpert in der Konkurrenz um Mauricio, den begehrten Prinzen Moritz von Sachsen, ihre Gegenspielerin. Die Fürstin von Bouillon ist eine der boshaftesten Mezzo-Rollen überhaupt, und sie wirkt neben der liebreizenden Adriana ganz besonders egozentrisch und skrupellos. Zaharia zieht alle Register der eifersüchtigen Frau, die ihren Gatten mit einem Kriegshelden betrügt um sich selbst aufzuwerten. Mit dramatischen Spitzentönen und verführerischem Charme umgarnt sie den Tenor. Der Zickenkrieg, den sie mit Adriana um die Gunst dieses Mannes führt, ist ein Geniestreich von Eugène Scribe, den Francisco Cilea kongenial vertont hat.

Den berühmten Kriegshelden Prinz Moritz von Sachsen, Sohn Augusts des Starken, spielte der russische Tenor Sergey Polyakov mit dem skrupellosen Charme des Machos, dem alles zufällt. Aus Berechnung hat er seine Liebschaft mit der Fürstin, die ihn fördern kann, und Adriana lässt er warten, um seine Karriere mit Hilfe der Fürstin zu beflügeln. Mit seinem strahlenden Tenor kann er sich den ihn anbetenden Frauen gegenüber alles erlauben.

Rührend der Regisseur Michonnet, der Adriana ehrlich liebt. Alexey Zelenkov verleiht ihm Kontur. Er, der Adriana wesentlich gefördert hat, wird von ihr als Liebhaber nicht wahrgenommen, denn in ihren klassischen Rollen liebt sie Helden. Sein prachtvoller Bariton blüht in seiner unglücklichen Liebe zu Adriana, der er bis zum Ende treu bleibt.

Deutsche Oper am Rhein/ADRIANA LECOUVREUR/Ensemble/Foto: Hans Jörg Michel

Beniamin Pop und Matteo Mezzaro als Fürst von Bouillon und Abbé runden das Ensemble ab, der sichtlich gut aufgelegte Chor mit den prachtvollen Kostümen in der Einstudierung von Patrick Francis Chestnut und die Statisterie mit einer wohlüberlegten Choreographie der Festszenen von Madeline Harms lieferten beeindruckende Massenszenen. Die Düsseldorfer Symphoniker unter Antonio Fogliani kosteten jede Phrase der süffigen Musik aus und begleiteten mit satten Streichern und perlenden Harfen die hervorragenden Sängerinnen und Sänger.

Es wird eine tatsächliche Begebenheit gezeigt, und das Stilmittel, gesprochene Texte – hier Rezitationen Adrianas aus Theaterstücken – kommt eindeutig aus dem Verismo. Knapp zwei Jahre nach Puccinis „Tosca“ am 6.11.1902 in Mailand uraufgeführt und überwiegend in Italien gespielt, wurde „Adriana Lecouvreur“ nach einer Überarbeitung durch Cilea 1930 auch in Frankreich und im deutschen Sprachraum bekannt, als seine musikalische Sprache nicht mehr als innovativ galt. Die Tonsprache des Melodramma ist opulent, es gibt Melodien, die eindeutig Personen zugeordnet sind, und die Musik nimmt eindeutig Elemente der Filmmusik vorweg. Die Wiener Staatsoper zum Beispiel hat „Adriana Lecouvreur“ in ihrem Repertoire und bringt diese Oper eindeutig als Startheater in Rokokokostümen auf die Bühne.

Deutsche Oper am Rhein/ADRIANA LECOUVREUR/Foto: Hans Jörg Michel

Durch die Verlegung des Dramas in die Filmwelt Hollywoods erreicht der Regisseur, dass der Zwiespalt zwischen dem Image der Diva und ihrer realen Person viel stärker wahrgenommen wird als in der ursprünglichen Version. In der Filmästhetik der 40-er Jahre fühlt man sich sofort an legendäre Filmdiven wie Marlene Dietrich, Greta Garbo oder Romy Schneider erinnert, die als Filmstars große Erfolge feierten, aber im Privatleben scheiterten. Anders als Norma Desmond im Musical „Sunset Boulevard“ ist Adriana noch relativ jung, als sie Abschied von der Bühne nimmt und den Sinn ihres Lebens verliert.

Die Deutsche Oper am Rhein hat mit dieser Übernahme aus dem Mainzer Staatstheater ein starkes Stück Musiktheater aufgegriffen, das in dieser Inszenierung die Qualität der großartigen Musik Francisco Cileas mit der beeindruckenden Ästhetik einer Hollywood-Revue verbindet und ein zeitloses Thema problematisiert. Mit drei Stunden Spieldauer in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln eine wirklich lohnende Entdeckung!

 

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