„Die tote Stadt“ – Premiere am 4. 12. 2020 in der Oper Köln erfüllt höchste Erwartungen

Oper Köln/Die tote Stadt/ Burkhard Fritz, Aušrine Stundyte/ Foto © Paul Leclaire

100 Jahre nach der Kölner Uraufführung unter der Leitung von Otto Klemperer am 4. Dezember 1920 dirigiert jetzt der Dortmunder GMD Gabriel Feltz auf den Tag genau in der Inszenierung von Tatjana Gürbaca die Corona-taugliche Produktion im Kölner Staatenhaus. „Die tote Stadt“ war wegen des Aufführungsverbots der Werke Korngolds durch die Nationalsozialisten zu Unrecht vergessen und wurde zu Ende des vorherigen Jahrtausends wiederentdeckt.

Musikalisch und szenisch ist die Oper ein fesselndes komplexes Psychogramm auf mehreren Handlungsebenen mit zahlreichen Deutungsmöglichkeiten mit spätromantischer Musik im Stil von Richard Strauss und Giacomo Puccini. Die Umsetzung in Köln ist szenisch und musikalisch trotz der Einschränkungen durch die Abstandsregeln großartig und regt zum Nachdenken an.

 

Der Stream von Korngolds Oper „Die tote Stadt“ wird auch an vier weiteren Terminen im Dezember 2020 möglich sein, nachdem der erste Live-Stream einer ganzen Opernpremiere am 4. Dezember 2020 wegen technischer Probleme vorzeitig abgebrochen werden musste. Den Erwerbern von Eintrittskarten für die Premiere wurde ein Stream on Demand angeboten, der die überragende Qualität der Inszenierung und der musikalischen Umsetzung erlebbar macht.

Erich Wolfgang Korngold, geboren 1897, wurde berühmt wegen seiner Filmmusik, für die er zwei Oscars bekommen hat. Korngold ist als Wiener Jude in der NS-Zeit 1934 in die USA emigriert. An seine Erfolge als klassischer Komponist konnte er nach seiner Rückkehr 1946 nach Europa nicht mehr anknüpfen. „Er hat diesen großen Hollywood-Stil kreiert, der von John Williams weitergeführt wird,“ charakterisiert Dirigent Gabriel Feltz die Bedeutung Korngolds für die Filmmusik.

Oper Köln/Die tote Stadt/ B. Fritz/ Foto © Paul Leclaire

Korngolds bedeutendste Oper „Die tote Stadt“ hat nach der Uraufführung am 4. Dezember 1920 im Stadttheater Köln und zeitgleich am Stadttheater Hamburg, beides Opernhäuser, die für ihre Experimentierfreude bekannt sind, einen Siegeszug durch die Welt angetreten, unter anderem mit Maria Jeritza und Richard Tauber in den Hauptrollen 1921 an der Metropolitan Opera in New York. Sie basiert auf dem 1903 erschienenen Roman „Bruges–la Morte“ des belgischen Symbolisten Georges Rodenbach, der in Brügge spielt. Brügge, die ehemals bedeutendste Handelsstadt Europas wird in diesem Roman als „tote Stadt“ beschrieben.

Die Oper „Die tote Stadt“ entstand in einer Zeit, in der sehr viele einen geliebten Menschen verloren hatten, sei es im Ersten Weltkrieg oder durch die Spanische Grippe, die mehr Tote forderte als der Weltkrieg. Das Thema war also brandaktuell: Wie gehe ich mit der Trauer um einen geliebten Menschen um, wie kann ich vor mir selbst rechtfertigen, mich einer neuen Liebe zuzuwenden?

Textdichter Paul Schott, Pseudonym des Vaters des Komponisten, macht aus dem realistisch erzählten Roman mit einer realen Marietta einen Traum der Hauptfigur Paul, in dem er seine Schuldgefühle gegenüber seiner toten Frau, die er wie eine Heilige in seiner „Kirche des Gewesenen“ mit Reliquien wie ihrem Haarzopf, einer Mandoline und eines Kleids verehrt, verarbeitet. Um sich auf eine neue Beziehung einlassen zu können muss er ihre Doppelgängerin umbringen, und genau das geschieht im dritten Akt.

Tatjana Gürbacas Inszenierung lässt viele Deutungen zu. Die ganze Figur der Marietta ist nicht real, es ist eine Männerphantasie von einer jungen, koketten, temperamentvollen Künstlerin, die Maries Lied, das sie so oft gesungen hat, kennt – sie nennt es Mariettas Lied – und ihn damit bezaubert. Sie ist mit allen Wassern gewaschen und hat parallel eine Affäre mit seinem Freund Frank, den Paul umbringt, um an den Schlüssel zu Mariettas Wohnung zu kommen. Dieses Detail erspart uns die Inszenierung, Paul wird allerdings als MÖRDER etikettiert. Gürbaca hat der Darstellerin der Marietta empfohlen, sie solle sich vorstellen, dass sie als Zwillingsschwester Maries die Umstände von Maries Tod detektivisch erforschen will – eine Deutungsmöglichkeit von vielen.

Der zweite Akt gipfelt in einem Liebesrausch, der „Tristan und Isolde“ nicht nachsteht. „Die Musik hebt ab“, so Tatjana Gürbaca im Pausengespräch mit der Intendantin Dr. Birgit Meyer.

Im dritten Akt verarbeitet Paul seine Schuldgefühle wegen seiner wilden Affäre mit Marietta in dem Aufmarsch einer großen Prozession mit katholischem Duktus. Eine so treffende Karikatur der katholischen Kirchenmusik mit einem süßen kitschigen Kinderchor und pompösen Chören, die an die Autodafé-Szene in Verdis „Don Carlos“ erinnern, kann nur ein jüdischer Komponist mit seinem Gewissen vereinbaren.

Brigitta, seine Haushälterin und Vertraute, gewinnt die Oberhand. Er wehrt Marietta ab, die wieder versucht ihn zu bezirzen und von seinem Totenkult abzubringen. Er wirft ihr vor, dass sie ihre Sexualität auslebt, während Marie eine Heilige gewesen sei – es tun sich Abgründe der Bigotterie auf! Dann will Marietta es wissen: es gibt einen handfesten Krach, in dessen Verlauf er sie mit Maries Haarzopf erwürgt. Das drückt aber nur die Musik aus, das Kaiserpanorama ist zugezogen.

Oper Köln/Die tote Stadt/ Dalia Schaechter, Burkhard Fritz/ Foto © Paul Leclaire

„Jetzt gleicht sie ihr ganz!“ Der Zuschauer ist noch ganz schockiert von der Bluttat, da stellt sich heraus, es war alles nur ein Traum! Deshalb wird auch die Stimme der Frau, die am Vorabend bei ihm ihren Schirm vergessen hat, eigeblendet, ohne dass man sie sieht.

Marietta war ein Trugbild, Marie ist tot, und der Aufforderung seines Freundes Frank, die tote Stadt zu verlassen, mag er auch nicht nachkommen. Es bleibt Paul nur der Freitod, der Liebestod. Eine verstörende Video-Sequenz zeigt, wie Paul sich umbringt. Hier hätte die Musik eine sanftere Lösung nahegelegt.

Das Staatenhaus ist eine große Messehalle mit aufsteigenden Stuhlreihen. Die Bühne (Stefan Heyne) ist eine Riesenfläche, auf der in der Mitte eine einen Meter hohe Drehbühne aufgestellt ist, deren Aufbau einem Kaiserpanorama gleicht, aber auch einer Bar im Stil Edward Hoppers, an der ein paar isolierte Gäste auf Hockern sitzen. Das Kaiserpanorama kann als Vorhang geöffnet werden, innen ist das Seelenleben Pauls verortet.

Tatjana Gürbaca, deren Kölner Inszenierungen von „Cosi fan tutte“ (2012) und „Das Leben der hl. Johanna“ (2018) mich nachhaltig beeindruckt haben, entwickelt starke Bilder und eine großartige Personenführung, die dadurch erschwert wird, dass die Sänger*innen einen Mindestabstand von zwei Metern voneinander einhalten müssen.

Die Psychoanalyse, auch die Traumdeutung, spielt in den Opern der Zeit eine große Rolle. Wie Korngold hier Handlungsebenen und Identitäten vermischt – wo ist die Person noch real, wo ist sie nur eine Projektion? – und  dem Zuschauer die Männerphantasien von Verführung und Promiskuität, von Dominanz und Unterwerfung bietet, den Zuschauerinnen die weiblichen Identifikationsfiguren Brigitta oder Marietta, den Bigotten das christliche Brimborium und allen die opulente Nebenhandlung mit den Künstlerinnen und Künstlern vom Theater, zeugt von Korngolds früher Meisterschaft. Die Oper traf 1920 den Nerv der Zeit und wurde bis 1929 weltweit sehr viel gespielt.

Gabriel Feltz, seit 2013 Generalmusikdirektor in Dortmund und Experte für die Musik des frühen 20. Jahrhunderts, leitet die Premiere dieser spätromantischen Oper mit dem Gürzenich-Orchester mit großem Feingefühl. Er gewinnt der Partitur die opulentesten Farben ab und achtet darauf, dass die Sängerinnen und Sänger vom seitlich der Bühne platzierten Orchester nicht übertönt werden. Bei den Orchestervorspielen entfacht er die volle Kraft des groß besetzten Orchesters. Man merkt, dass Korngold die Instrumentierung nicht nur von Richard Strauss, sondern auch von Puccini abgeschaut hat.

Der von Rustam Samedow einstudierte Chor der Kölner Oper, der gerade auch mit dem OPER! AWARD 2020 als „Bester Chor“ ausgezeichnet wurde, hat diesmal nur eine kleine, aber gewaltig auftrumpfende Szene. Die Chorsänger*innen sind einfach nur mit Abstand links von der Bühne aufgestellt, können also nicht groß agieren. Knaben und Mädchen des Kölner Domchors ergänzen die Chorszene typgerecht.

Oper Köln/Die tote Stadt/ Burkhard Fritz, Aušrine Stundyte/ Foto © Paul Leclaire

Burkhard Fritz mit seiner massiven körperlichen Präsenz gibt den Paul als empfindsamen Romantiker, aber auch als aufbrausenden Choleriker, der an den Ansprüchen, die er an sich selbst stellt, zerbricht. Seine Partie ist musikalisch, aber auch vom schieren Umfang und von der schauspielerischen Seite wohl die anspruchsvollste Partie für einen lyrischen Tenor, der auch Heldentenor sein muss, die es gibt. Er wirkt wie ein guter Schauspieler in einem Hitchcock-Film und entfaltet darüber hinaus lyrische Kantilenen und heldische Ausbrüche.

Noch schwieriger ist die Sopranpartie der Marie/Marietta, die ja eigentlich nur in der Phantasie Pauls existiert. Aušrine Stundyte, gefeierte Elektra der Salzburger Festspiele 2020, kann als Idealbesetzung gelten. Sie tanzt, kokettiert, begehrt, dominiert, zickt rum, und sie bewältigt die lange Partie in sehr hoher Tessitura mit großer Umsicht. Mariettas Lied: „Glück, das mir verblieb“ das sich zum Duett mit dazwischen gestellten Rezitativen entwickelt, ist der große Hit dieser Oper. Dass Paul es am Ende noch einmal zitiert sorgt dafür, dass man es nie wieder vergisst.

Die Vorgeschichte erzählt Kammersängerin Dalia Schaechter als Pauls bigotte Haushälterin Brigitta in einer beeindruckenden Charakterstudie. Sie erinnert an Mrs. Danvers, die Haushälterin aus Hitchcocks „Rebecca“, und in dieser Eigenschaft kontrolliert sie Pauls Leben.

Die Stimme der Vernunft und alter Ego Pauls verkörpert Wolfgang Stefan Schwaiger als Frank und Pierrot mit seinem noblen und ausdrucksstarken Bariton. Sein Walzerlied  „Mein Sehnen, mein Wähnen“, das er als Pierrot singt, ist der zweite Hit der Oper. Es wird später noch einmal von Marietta zitiert. Schwaiger ist aus dem Internationalen Opernstudio der Kölner Oper hervorgegangen und entwickelt sich zunehmend zu einem Star des Ensembles.

Oper Köln/Die tote Stadt/ John Heuzenroeder/Foto © Paul Leclaire

Die Rollen der Tänzerinnen (Regina Richter und Anna Malesza Kutny), des Regisseurs (John Heuzenroeder) und des Grafen (Martin Koch) sind aus dem Ensemble mehr als opulent besetzt. 

Da der Spielbetrieb bis zum 10. Januar 2021 eingestellt ist, zeigt die Oper Köln die Aufnahme von der Premiere der „toten Stadt“ am 4. Dezember 2020 an vier weiteren Terminen als Stream. Er beginnt mit Vorstellungsbeginn und kann nicht „on demand“ abgerufen werden.

Für den Zugang zum Stream bietet die Oper Tickets gegen eine „Pay as you wish“ Spende an. Die Streaming-Tickets können auf der Website der Oper Köln https://wwwo.per.koeln/de/Streaming  erworben werden.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Köln / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Köln/Die tote Stadt/ Burkhard Fritz, Aušrine Stundyte/ Foto © Paul Leclaire

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