„Die Oper ist tot – Es lebe die Oper!“ Faszinierende Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn

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Oper im Museum: geht das überhaupt? Es geht, und zwar dank individueller Audioguides, die zu den Videoeinspielungen den Ton einspielen, sobald man sich dem entsprechenden Monitor nähert, ganz hervorragend. Darüber hinaus kann man zu den einzelnen Exponaten Erläuterungen und Musikbeispiele abrufen. Ziel der Ausstellung ist nicht, das Live-Erlebnis in der Oper zu ersetzen, sondern die Entwicklung der Kunstform Oper von den Anfängen bis heute aufzuzeigen und ihre Faszination zu verdeutlichen.

Dazu werden einzelne Opernhäuser und Aspekte wie der Starkult, Kostümdesign oder Bühnenbildnerei exemplarisch dargestellt.

 

In dieser Ausstellung begegnet man als Opernfan vielen Werken alter Bekannter. Man präsentiert absolute Repertoirestücke von Erfolgskomponisten wie Mozart, Verdi, Wagner und Puccini. Sie werden durch Exponate wie Bühnenbildmodelle, Kostüme, Partituren, Portraits ihrer Komponisten und Gemälde ihrer Sujets, aber auch durch Tonbeispiele auf dem Audioguide und Videoeinspielungen auf Monitoren illustriert. So wird zum Beispiel eine Szene aus dem Spielfilm „Farinelli“ aus dem Jahr 1994 auf einem Monitor gezeigt, die eine große Arie des Kastratenstars darstellt, oder man spielt auf dem Audioguide eine frühe Aufnahme von Caruso ein.

Einige ausgestellte Kostüme sind Ikonen, wie zum Beispiel das der „Tosca“ in der Wiener Staatsoper, das von Kostümbildner Nicolas Benois für die Premiere 1958 geschaffen wurde und das 101 berühmte Sopranistinnen in sieben Exemplaren getragen haben. Die Inszenierung steht am 23. November 2022 wieder in Wien auf dem Spielplan. Diesmal wird Camilla Nylund eine der Kopien tragen, denn das Original steht in der Ausstellung in Bonn, an der Wand daneben ein Ölgemälde, das vermutlich Ruggero Raimondi als Scarpia in der Wiener Inszenierung zeigt. Die Exponate illustrieren die Faszination und die Geschichte der Kunstform Oper von den Anfängen im Jahr 1607 mit Monteverdis „L´Orfeo“ in bis zu Puccinis „Butterfly“ und „Turandot“ sowie ihre Auswirkungen auf die bildende Kunst. Das gemeinsame Erlebnis einer Opernaufführung will die Ausstellung nicht ersetzen, dafür zeigt sie die historisch-ökonomischen Hintergründe des Genres auf und dokumentiert die Auswirkungen von Opern auf die Architektur und auf die bildende Kunst ihrer Zeit.

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Im 17. Und 18. Jahrhundert nutzten absolutistische Herrscher das Opernhaus, um dort ihrem Hofstaat und Fremden durch Prachtentfaltung zu imponieren. Das markgräfliche Opernhaus in Bayreuth zum Beispiel wurde 1748 von der Markgräfin Wilhelmine von Brandenburg-Bayreuth (1709-1758) errichtet, um die Hochzeit ihrer Tochter zu feiern. Der Blick von der Bühne in den Zuschauerraum wird in einer großen Beamer-Präsentation von vielen berühmten Häusern raumhoch scheinbar lebensgroß simuliert.

Spätestens im 19. Jahrhundert wurden Opernhäuser von Zusammenschlüssen wohlhabender Bürger gegründet. Die Metropolitan Opera in New York und die Mailänder Scala sind dafür prominente Beispiele. Mittlerweile haben Landesregierungen und Kommunen die wirtschaftliche Verantwortung für den Opernbetrieb weitgehend übernommen. Publikumsmagneten waren immer die Gesangsstars, denen das Publikum zu Füßen lag. Das begann schon im Barock mit Kastraten wie Farinelli und setzte sich mit Startenören wie Leo Slezak und Enrico Caruso und Diven wie Renata Tebaldi und Birgit Nilsson fort. Als Don Giovanni wird der 2017 verstorbene Bariton Dmitri Hvorostovsky in einer Videoeinspielung gezeigt.

Am Beispiel der Mailänder Scala dokumentiert die Ausstellung, wie der Impressario Domenico Barbaja mit den Belcanto-Opern von Donizetti, Bellini und Rossini den Hunger des überwiegend bürgerlichen Publikums nach Abwechslung bediente.

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Einen großen Raum nimmt das Werk Richard Wagners mit seinen Auswirkungen auf die bildende Kunst ein. Wagner trug im 19. Jahrhundert mit seinen Opern, deren Libretti er selbst nach mittelhochdeutschen Dichtungen schrieb, viel zur Bildung einer nationalen deutschen Identität bei. Er war glühender Kämpfer für das 1871 gegründete Zweite Deutsche Reich, das Länder wie Bayern, Sachsen, Elsaß-Lothringen und die Rheinprovinz, alle mit unterschiedlichen Dialekten, unter der Führung Preußens zu einem Kaiserreich mit einer gemeinsamen Verfassung zusammenschloss. Wagner wurde 1850 als Revolutionär gesucht und konnte deshalb die Uraufführung seines „Lohengrin“ nicht selbst dirigieren. Den großen Einfluss, den Wagners Opern auf Maler seiner Zeit hatten, dokumentieren große monumentale Ölgemälde von Henri Fantin-Latour (1888) und Hans Makart (1883), die Szenen aus der Nibelungensage darstellen. Richard Wagner war der einzige Opernschaffende, dem es mit Hilfe König Ludwigs II. von Bayern gelang, ein eigenes Opernhaus zu bauen, in dem ausschließlich seine eigenen Werke aufgeführt werden sollten. Ich habe erst in der Ausstellung erfahren, dass Wagner die Kostüme und Kulissen seines ersten Bayreuther „Ring des Nibelungen“ 1878 nach Leipzig verkauft hat, und dass der Leipziger Intendant Angelo Neumann mit den Kulissen und Kostümen an anderen deutschen Opernhäusern 135 Gastspiele mit dem „Ring“ durchführte. Wenn je ein Werk im Trend lag, dann Wagners „Ring“, der maßgeblich zur Bildung einer nationalen deutschen Identität beigetragen hat. Der Bayreuther „Jahrhundertring“ von Pierre Boulez und Patrice Chéreau aus dem Jahr 1976 offenbart, dass Wagner die Ablösung der Feudalherren durch das gebildete Bürgertum im „Ring“ im Mantel einer Göttersage beschreibt.

Kostüme und Bühnenbildmodelle von Alfred Roller zu „Tristan und Isolde“ von der Wiener Staatsoper werden gezeigt; Wagners „Parsifal“, vom Komponisten ursprünglich bis 1913 nur zur Aufführung im Bayreuther Festspielhaus bestimmt, wird durch Bühnenbildmodelle, ein Ölportrait des Dirigenten der Uraufführung, Hermann Levi von Franz von Lenbach und zahlreiche Plakate der 50 weltweiten Premieren allein im Zeitraum vom 1. Januar bis 30. August 1914 dokumentiert. Besonders beeindruckend ist „Parsifal“ (1903) von Roglio de Esgusquiza y Barrena, Leihgabe aus dem Museo del Prado, Madrid, das den naiven jungen Gralsritter darstellt.

Auch Verdi fehlt nicht. Zu seinem am 24. Dezember 1871 im Khedivial-Opernhaus in Kairo als Auftragswerk uraufgeführten „Aida“ gibt es eine umfangreiche Ausstellung von Bühnenbildentwürfen, Regieskizzen und Kostümen und der berühmten Aida-Trompeten.

Weiter als bis zur Weimarer Republik geht die Ausstellung allerdings nicht, abgesehen von einem Videobeitrag mit Statements von Opernschaffenden zur Zukunft der Oper als letzte Station der Ausstellung und einem halbstündigen Film über die Opernlandschaft Deutschlands, der in einem Nebenraum gezeigt wird. Exemplarisch für mehr als 80 deutsche Opernhäuser zeigt man Meiningen, Dresden, Frankfurt, das Gärtnerplatztheater München und Detmold, reißt dabei die Problematik der Operette, der Kinderoper und anderer Formate an und problematisiert ansatzweise die Finanzierung von Opernrenovierungen und -Neubauten.

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Als Laie bekommt man daher den Eindruck, die Opernliteratur sei 1927 mit dem Tod Puccinis stehengeblieben und habe sich nicht weiterentwickelt. Es wird nur „tote Oper“ gezeigt, Exponate zu Repertoirestücken in klassischen bzw. historischen Inszenierungen, und der Eindruck erweckt, Oper sei immer noch elitär und teuer, was nicht stimmt, da es zumindest bei den staatlich subventionierten Opernhäusern immer auch preiswerte Karten gibt. An der Bonner Oper zum Beispiel kosten die billigsten Karten für eine normale Vorstellung für Erwachsene 12,00 €, an der Kölner Oper 16,50 €.

Den Komponisten Marius Felix Lange, den man über seine Prognose zur Zukunft der Oper befragt hat, hätte man mit seinen Kinderopern wie „Schneewittchen“ (2012) oder „Die Schneekönigin“ (2016) präsentieren können. Opern des 21. Jahrhunderts wie „Written on Skin“ von George Benjamin (2012) oder „L´amour de Loin“ von Kaja Saarariaho (2000) hätten es verdient, erwähnt zu werden, denn neue Opern werden immer noch komponiert und aufgeführt.

Der Zugang zur Ausstellung ist barrierefrei, aber für Hörbehinderte ist der Audio-Guide nicht geeignet. Der umfangreiche Ausstellungskatalog und der Audio-Guide sind nur in deutscher Sprache verfügbar, die Erläuterungen an der Wand zu den einzelnen Stationen sind allerdings deutsch-englisch, und die Tonbeispiele in der Originalsprache.

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Einen Besuch der Ausstellung kann ich Opernbegeisterten nur empfehlen, denn so umfassend ist mir selbst noch nicht klar geworden, was Menschen an dieser Kunstform fasziniert, wie die Oper finanziert wird und was sie bewirken kann.

Die Ausstellung geht noch bis zum 5. Februar 2023.

 

 

 

 

  • Artikel von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bundeskunsthalle Bonn
  • Titelfoto: Mick Vincenz, 2022 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

 

Bilder/Fotolegende: 

Bild 1:  Jean Seignemartin/Das Ballett in Faust 1871/Öl auf Leinwand/© Lyon MBA, Foto: Alain Basset

Bild 2: Rogelio de Egusquiza/Parsifal 1903/Öl auf Leinwand/© Photographic Archive. Museo Nacional del Prado, Madrid

Bild 3: Hans Makart/Siegmund und Sieglinde in Hundings Hütte 1883/Öl auf Leinwand/© Latvian National Museum of Art, Foto: Roberts Kaniņš

Bild 4: Giacomo Puccini und Arturo Toscanini 1910/ Fotografie © Music Division, The New York Public Library. (1910). Arturo Toscanini and Giacomo Puccini Retrieved from digitalcollections

Bild 5: Rogelio de Egusquiza/Tristan und Isolde (Tod) 1910/Öl auf Leinwand/Foto von Mick Vincenz, 2022 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

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