Die Münchner Philharmoniker in der Alten Oper Frankfurt: Liebeserklärungen in Tönen

Konzert Alte Oper Frankfurt / Foto @ Angelika Matthäus

Die Münchner Philharmoniker machten auf ihrer kleinen Reise Köln-Frankfurt-Paris am 5. Februar 2020 Station in der Alten Oper in Frankfurt am Main. Auf dem Programm standen Werke von Richard Strauss und Gustav Mahler.

Das 1893 von dem Klavierfabrikantensohn Hofrat Franz Kaim zusammen mit dem Philharmonischen Chor München gegründete Orchester hieß zunächst Kaim-Orchester und anschließend Orchester des Münchener Konzertvereins, bevor es 1928 seinen heutigen Namen erhielt. Das Orchester spielte 1901 und 1910 unter der Leitung des Komponisten die Uraufführungen von Gustav Mahlers 4. und 8. Sinfonie. Die Uraufführung von „Das Lied von der Erde“ unter Bruno Walter mit dem Orchester des Münchener Konzertvereins fand nach dem Tod von Gustav Mahler am 20. November 1911 in der Münchener Tonhalle statt.

 

Nach Christian Thielemann (2004-2011) und Lorin Maazel (2012-2014) wurde Valery Gergiev im September 2015 neuer Chefdirigent des Orchesters.

5. Sinfonie in cis-Moll von Gustav Mahler

Die Uraufführung der Sinfonie fand am 18. Oktober 1904 im Gürzenich in Köln unter der Leitung des Komponisten statt. Noch 1911, im Jahr seines Todes, überarbeitete Mahler die Instrumentierung erneut. Die Fünfte ist ein verfluchtes Werk, niemand capiert sie“ sagte Gustav Mahler über seine 5. Sinfonie. „Die menschliche Stimme würde hier absolut nicht den Raum finden. Es bedarf nicht eines Wortes, alles ist rein musikalisch gesagt“. Nach vier Sinfonien mit menschlichen Stimmen nun also eine Sinfonie mit fünf reinen Instrumentalsätzen voller Schwermut, Trauer, Resignation und Sehnsucht. Dass diese Musik weder vom Publikum noch von der Kritik wohlwollend aufgenommen wurde, mag der damaligen Zeit geschuldet sein. Die depressiven und auch chaotischen Klänge kamen möglicherweise der Wirklichkeit zu nahe. Da war man mit den triumphalen Emotionen eines Beethoven besser bedient.

Heute ist die 5. Sinfonie eine der beliebtesten Mahlers, das Adagietto ist ein richtiger Schlager. Luchino Visconti hat es in seinem „Tod in Venedig“ als Filmmusik verwendet. Gustav Mahler bricht mit der klassischen Viersätzigkeit und komponierte ein tonartlich schwebendes Werk, eine Sinfonie in fünf Sätzen, drei Abschnitten und vier Tonarten, cis-moll, a-moll, D-dur, F-dur und wieder D-dur. Auf den Trauermarsch folgt ein wildes Scherzo, ein träumerisches Adagietto und ein strahlender Schlusschoral, das einzig konventionelle in dieser Sinfonie.

Die Münchner Philharmoniker spielten perfekt an diesem Abend. Der Trauermarsch zu Beginn, der immer wieder von leidenschaftlichen Gefühlsausbrüchen unterbrochen wird und den ich schon des Öfteren als ein chaotisches Durcheinander wahrgenommen habe, wurde hier so differenziert musiziert, dass ein harmonisches Klangbild entstand. Valery Gergiev, der zwar vorantreibend dirigierte, wird dies wohl erreicht haben, indem er auch vor einem Verschleppen nicht zurückschreckte. Die fabelhaften Blechbläser, besonders Solotrompete und Solohorn, spielten mit einer Klangschönheit, die atemberaubend war. Der warme satte volle Klang der Streicher, dieser Klangteppich, der für mich die Münchner ausmacht, war dann im Adagietto zu hören. So zart, leise, eindringlich kann ein Orchester spielen, selbst wenn oder auch weil acht Kontrabässe in Perfektion am Werke sind.

Gustav Mahler wäre sehr zufrieden gewesen, stöhnte er doch: „Das Scherzo ist ein verdammter Satz. Der wird eine lange Leidensgeschichte haben! Die Dirigenten werden ihn fünfzig Jahre lang zu schnell nehmen und einen Unsinn daraus machen, das Publikum – o Himmel – was soll es zu diesem Chaos, das ewig auf`s Neue eine Welt gebärt, die im nächsten Moment wieder zugrunde geht, zu diesen Urweltsklängen, zu diesem sausenden, brüllenden, tosenden Meer, zu diesen tanzenden Sternen, zu diesen verathmenden, schillernden, blitzenden Wellen für ein Gesicht machen? … O, könnt ich meine Symphonien fünfzig Jahre nach meinem Tode uraufführen!“

Der Konzertabend begann mit „Vier letzte Lieder“ von Richard Strauss für Sopran und Orchester. Der Liedkomposition widmete sich Strauss oft, um der Langeweile zu entkommen, als „Öl zur Verhinderung des Einrostens der Phantasie“ (Zitat aus einem Brief an von Hoffmannsthal). Die „Vier letzten Lieder“ mit Texten von Hermann Hesse und Joseph von Eichendorff entstanden 1948 in der Schweiz. Richard Strauss hatte Hermann Hesse dort zufällig in einem Hotel kennengelernt. Hesse, dem Strauss´ „rauschender“ Stil nicht zusagte, sagte später, die Lieder erschienen ihm „wie alle Musik von Strauss virtuos, raffiniert, voll handwerklicher Schönheit, aber ohne Zentrum, nur Selbstzweck“. Er lag damit insofern richtig, als die Lieder nicht als abgeschlossener Zyklus gedacht waren. Auch der Titel „Vier letzte Lieder“ stammt nicht vom Komponisten. Erst 1950 gab Ernst Roth, Verlagsleiter bei Boosey & Hawkes der ersten gedruckten Ausgabe der Lieder diesen Titel. Er war es auch, der eine von der Entstehung abweichende Reihenfolge der Lieder festlegte, die heute noch im Konzertbetrieb gespielt wird: Frühling – September – Beim Schlafengehen – Im Abendrot. Die Texte der ersten drei Lieder sind von Hermann Hesse, der Text zum vierten Lied von Joseph von Eichendorff. Die Uraufführung fand unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler am 22. Mai 1950 in London statt.

Diana Damrau © Jiyang Chen
Diana Damrau © Jiyang Chen

Diana Damrau, Bayerische Kammersängerin, sang die „Vier letzten Lieder“ ohne auf die Größe des Konzertsaals einzugehen sehr leise, wie in einem Kammerkonzert. Die Münchner Philharmoniker nahmen sich sehr zurück, spielten sehr sängerinnenfreundlich. Aber es passte einfach nicht zusammen an diesem Abend, auf meinem Platz in Reihe 16 habe ich höchstens die Hälfte des Gesangs gehört.

Das Publikum in der vollbesetzten Alten Oper spendete reichlich Applaus für Orchester und Sängerin und ganz besonders auch für Valery Gergiev, der sehr sympathisch seine Musiker in den Vordergrund stellte.

 

  • Rezension von Angelika Matthäus / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Alte Oper Frankfurt
  • Titelfoto: Alte Oper Frankfurt / Foto @ Moritz Reich

 

 

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