Der traurige Ruf des Rotkehlchens – „MADAMA BUTTERFLY“ im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

MiR/MADAMA BUTTERFLY/ Ilia Papandreou, Ensemble/Foto @ Björn Hickmann

Im zweiten Akt der Oper fragt Cio-Cio-San, genannt Butterfly, Mr. Sharpless, den amerikanischen Konsul in Nagasaki, zu welcher Zeit des Jahres die Rotkehlchen in Amerika ihr Nest bauen („Quando fanno il lor nido in America i pettirossi?„). Er kann ihr diese Frage nicht beantworten. Wartet sie doch bereits das dritte Jahr auf ihren scheinbaren Ehemann B.F. Pinkerton, einem amerikanischen Marineleutnant, der sie in seiner Stationierungszeit in Japan zur Frau nahm und der ihr beim Abschied sagte, dass sie sich beim Ruf des Rotkehlchens einst wiedersehen werden. Eine Heirat nach altem Ritual, für den Amerikaner aber nicht bindend. In der Gelsenkirchener Inszenierung von Gabriele Rech sind die Rufe des Rotkehlchens aus den Seitenlautsprechern zu hören. In dem Moment, wo Butterfly die lang ersehnte Ankunft des US-Marineschiffes von ihrem Haus aus sehen kann. Und alle um sie herum, die ihr in den zurückliegenden Jahren sagten, dass dieser Amerikaner nie wiederkommen würde, lagen falsch. Denn heute ist sein Schiff angekommen, heute ist der Tag des langen Wartens vorbei und Pinkerton wird seine Butterfly in die Arme nehmen und sein Kind zum ersten Male sehen können. Aber es wird ganz anders kommen und Butterfly muss erkennen, dass sie nur eine Affäre für einen jungen Soldaten war, der sie letzten Endes mit einem Kind sitzen lies.

Es sind diese Momente der Oper MADAMA BUTTERFLY, die Puccini so gefühlsgewaltig komponiert hat, die ein jedes Mal neu unter die Haut gehen. Aber es ist auch die Regie von Gabriele Rech, die diesen schicksalhaften Wendepunkt der Oper so eindringlich gestaltet, dass das Premierenpublikum in völliger Ergriffenheit dem Spiel der überragenden Ilia Papandreou als Butterfly folgt. Dass Cio-Cio-San beim letzten der finalen „Butterfly-Rufe“ des Pinkerton nicht sich selbst richtet, sondern ihm den Dolch in die Brust rammt, erscheint in dieser Inszenierung folgerichtig. Denn diese Gelsenkirchener Butterfly ist nicht das naive, kleine Mädchen vom Lande. Oder ist es nicht mehr. Hier sticht eine gequälte und gedemütigte Frau ihren Peiniger zu Boden, der ihr Leben und ihre Pläne zerstört hat und das alles nur aus rein sexuellen und egoistischen Motiven. Seine Reue war ihr am Ende nicht mehr genug. Eine starke Inszenierung des Musiktheaters im Revier. (Rezension der Premiere v. 02.04.2022)

 

 

Madama Butterfly zählt zu den populärsten und meist aufgeführtesten italienischen Opern auf der Welt. Da ist zum einen die Geschichte um die junge, verarmte Geisha Cio-Cio-San, die zum Spielball der Gefühle für einen charakterlosen amerikanischen Marinesoldaten wird und die am Ende erkennen muss, dass sie nur eine Affäre für ihn war. Aber da ist natürlich auch die ungemein gefühlvolle, dramatische und packende Musiksprache Puccinis, die diese Oper zu einem zeitlosen Welterfolg werden lies. Seine Musik ist dramatisch, schwelgerisch, oftmals bittersüß und hat dazu Elemente von asiatisch klingenden Eindrücken ebenso verarbeitet wie typisch amerikanische musikalische Momente. Alles zusammen macht den musikalischen Zauber der BUTTERFLY aus. Aber genau diesen Zauber gilt es für die Darstellerin der Titelpartie zu erzeugen. Um es vorweg zu nehmen: Dies ist in Gelsenkirchen  gelungen! Mit der griechischen Sopranistin Ilia Papandreou stand eine höchst überzeugende Cio-Cio-San auf der Bühne, gesanglich – aber auch darstellerisch! Dazu aber später mehr.

 

„Ehrenvoll sterbe, wer nicht länger mehr leben kann in Ehren“ (Mdm. Butterfly, 2. Akt, 2. Teil)

MiR/MADAMA BUTTERFLY/Carlos Cardoso, Ilia Papandreou/Foto @ Björn Hickmann

In ihrer Inszenierung nimmt uns Gabriele Rech mit in eine bunte Scheinwelt. Das typisch japanische, dass so exotisch wirkende Ambiente, wird dem amerikanischen Soldaten Pinkerton nur allzu gern dargeboten. Gegen harte Dollars natürlich. Und Goro, der örtliche Heiratsvermittler, hängt dann auch schon mal selbst die rotleuchtenden Lampions auf, um dem Amerikaner seine Japanträume träumen zu lassen. Und dazu gibts für den zahlenden Amerikaner die passende junge Frau. Sie und ihre angebliche Verwandtschaft halten Einzug ins angemietete Haus vom Soldaten Pinkerton, um Hochzeit zu halten. Und ab hier wird klar, dass Gabriele Rech mit ihrer Regie andere Wege geht. Denn  während es um den Amerikaner Pinkerton herum nur so von exotisch-asiatischen Eindrücken und Accessoires wimmelt und kaum ein Klischee ausgelassen wird (Bühne: Dirk Becher, Kostüme: Renée Listerdahl), erscheint die „junge Geisha“, genannt Butterfly, völlig landesuntypisch in westlicher Kleidung. Diese Butterfly ist nicht die junge, arme Geisha aus Nagasaki. Vielmehr steht sie für jede Frau auf der Welt, die ähnliche oder gleiche Erfahrungen wie jene Madama Butterfly machen musste. Rech lässt ihre Cio-Cio-San daher auch sehr „westlich“ wirken, selbstbewusst, mitunter aufreizend und geradezu provokant. Sollte sie nicht eher brav, naiv, unterwürfig und sittsam sein? So dass sofort erkennbar wird, wer das spätere Opfer der Geschichte ist? Im letzteren Fall wäre es dann eine andere Inszenierung geworden. Eine mit bekanntem Ende. So aber geht Rech einen anderen Weg und das Publikum ging ihn mit.

MiR/MADAMA BUTTERFLY/I. Papandreou, N. Ogawa-Yatake, U.Malmberg, Nea Prochera/Foto @ Björn Hickmann

In Rechs MADAMA BUTTERFLY darf die Cio-Cio-San alles sein: naiv, frech, fordernd, bittend, abwartend aber auch ungeduldig. Und doch ist sie in allem eines: eine liebende Frau, die bitter erkennen und realisieren muss, dass sie belogen und betrogen wurde. Von einem US-Marinesoldaten, der seine Landgänge auf egoistische Weise angenehm gestalten wollte. Dem es nie um echte Gefühle und Liebe ging, der nur den schnellen Sex in seinen freien Dienstzeiten gesucht hat. Eine weitere Trophäe für seine Machosammlung. Der sie schwanger zurückliess um in seiner Heimat eine Frau – natürlich eine amerikanische Landsfrau – standesgemäß zu heiraten. Dem es gleichgültig war, ob im fernen Japan eine junge Frau und ein – sein – Kind auf ihn warten. Dadurch, dass in der Gelsenkirchener Inszenierung die Titeldarstellerin in westlicher, nicht japanischer, Kleidung agiert, berührt ihr Schicksal fast noch mehr. Gabriele Rech gestaltet die Geschichte um die junge Geisha Cio-Cio-San als ein universal geltendes Sozialdrama mit maximaler Fallhöhe für die betroffene Frau. Die Frau ist es, die am Ende verlassen, ohne finanzielle Mittel, oftmals von der eigenen Familie geächtet, mit ihrem Kind dasteht und ihr Leben meistern muss. (Im Bühnenbild deutlich zu erkennen, wie im zweiten Teil der Oper der Verfall in den Räumlichkeiten Einzug gehalten hat.) Aus einstiger Liebe entstehen Hass und Verachtung für den Verursacher dieser Lage. So auch in Rechs Butterfly-Regie: Am Ende ersticht sie den Mann, auf den sie jahrelang gewartet hat und der sie in dem Moment seiner sehnlichst erwarteten Wiederkehr so tief verletzt und gedemütigt hat. In Puccinis Original erdolcht sie sich am Ende selbst, begeht nach alten japanischen Ritual den Harakiri. Hier verändert Gabriele Rech das Ende der Oper. Tatsächlich? Ist Madama Butterfly nicht bereits in dem Moment gestorben, als sie realisierte, dass alles, was für sie so sehnsuchtsvoll und begehrenswert schien, nur eine infame Lüge war? Und als die Rotkehlchen eine ganz andere Melodie sangen, als erhofft? Eine beeindruckende Regie!

 

Starke Ensembleleistung mit einer herausragenden Titelheldin

MiR/MADAMA BUTTERFLY/Carlos Cardoso, Ilia Papandreou, Noriko Ogawa-Yatake/ Foto @ Björn Hickmann

Eine Aufführung der Butterfly steht und fällt mit der Besetzung der Titelpartie. In Gelsenkirchen wurde dafür am Ende die Sopranistin Ilia Papandreou für ihre gesangliche und überaus starke darstellerische Leistung vom Premierenpublikum bejubelt. Und das völlig verdient. Frau Papandreou gestaltete diese überaus anspruchsvolle Partie absolut überzeugend. Wie sie die Gefühlswelten der Cio-Cio-San in dieser für sie fordernden Inszenierung dem Publikum vermittelte, war beeindruckend. Und auch gesanglich eine Topleistung: Sie legte viel Gefühl und Wärme in ihren Gesang, wusste aber auch, an den dramatischen und entscheidenden Stellen der Partie ihrer Stimme großen Ausdruck und Kraft zu verleihen. Besonders eindringlich ihre Szene im zweiten Akt, der berühmten Arie „Un bel di vedremo…“, für die sie verdientermaßen Szenenapplaus erhielt. Hier erlebte das Premierenpublikum eine höchst intensive Darstellung, die die Verzweiflung der Cio-Cio-San so packend spürbar werden ließ. Die Bravorufe für Ihre Butterfly waren hochverdient!

Mit Carlos Cardoso als Pinkerton hat das Musiktheater einen weiteren Besetzungs-Glücksgriff getan. Kraftvoll und höhensicher seine gesangliche Interpretation des jungen US-Marinesoldaten. Das große Duett mit ihm und Butterfly zu Ende des ersten Akts war ganz sicher einer der musikalischen Höhepunkte des Abends. Sehr stark auch schon sein „Dovunque al mondo“ zu Beginn der Oper, in der er wie ein – durchaus attraktiver – Popstar agierte und nicht mit Spitzentönen geizte. Im Finale der Oper spielte er dann einen zerrissenen und von Selbstvorwürfen gequälten Mann und legte noch einmal sehr viel Gefühl in sein „Addio, fiorito asil“ – Top! Eine wirklich großartige Leistung des portugiesischen Tenors, die das Publikum mit großem Beifall belohnte.

Als Suzuki war Noriko Ogawa-Yatake die ideale Dienerin und Partnerin der Butterfly. Sie spielte die Rolle mit kleinen, eher zurückgenommenen, Gesten aber dabei mit großer Intensität. Gesanglich das kongeniale Pedant zur Butterfly, was auch besonders im Duett („Scuoti quella fronda„) der beiden zum Ausdruck kam. Auch für sie viel Applaus und Bravorufe am Premierenabend.

Die Partie des Sharpless wird in Gelsenkirchen gleich dreifach besetzt. Am Premierenabend sang Urban Malmberg den US-Konsul sehr souverän und ausdrucksstark. Die inneren Zweifel, die den Konsul im Umgang mit der jungen Butterfly plagen, wusste Malmberg sehr authentisch zu vermitteln.

MiR/MADAMA BUTTERFLY/Carlos Cardoso, Scarlett Pulwey, Urban Malmberg/Foto @ Björn Hickmann

Die kleineren Partien waren auch diesmal in Gelsenkirchen allesamt bestens besetzt. Hier zeigt sich erneut auf eindrucksvolle Weise die große Ensembleleistung des Musiktheaters im Revier. Mit Tobias Glagau war ein schlitzohriger Goro zu erleben, der seine Partie so herrlich skrupellos, aber stimmlich bestens disponiert, darstellte. Daegyun Jeong als Fürst Yamadori, Michael Heine als Bonzo und Yisae Choi verliehen ihren Partien ebenso Profil wie Scarlett Pulwey (Mitglied des Jungen Ensemble am MIR) in der kleineren, aber durchaus wichtigen Partie der Kate. Mit Nea Prochera stand dann noch die jüngste aller Darstellerinnen auf der Bühne. Nea spielte die Rolle des Kindes der Butterfly und erhielt dafür vom Gelsenkirchener Publikum großen Applaus.

Der Opernchor des MiR (unter der Leitung von Alexander Eberle) war, wie seit langem in Gelsenkirchen gewohnt, wieder einmal mehr überzeugend einstudiert und wichtiger szenischer Bestandteil der Inszenierung. Natürlich darf auch die Statisterie des MiR hier nicht unerwähnt bleiben, denn auch ihr kamen viele Aufgaben in dieser Butterfly zu.

Die musikalische Leitung hatte Giuliano Betta. Er dirigierte Puccinis BUTTERFLY sehr gefühlvoll, aber auch mit packender Intensität in den emotional dramatischen Höhepunkten der Oper. Aber auch den leisen Stellen dieser Partitur, wie etwa dem „Summchor“ im zweiten Akt, verlieh Betta viel Gefühl. Puccini war bei Giuliano Betta in besten Händen! Die Neue Philharmonie Westfalen setzte seine musikalischen Vorgaben klanglich eindrucksvoll um und wurde daher ebenso wie ihr Dirigent, vom Publikum mit Applaus und Bravorufen bedacht.

Fazit: Eine durchaus ungewöhnliche Interpretation der populären MADAMA BUTTERFLY. Wohl nie zuvor habe ich so lange eine Cio-Cio-San stumm und regungslos auf der Bühne stehen sehen, wie zum Wechsel des zweiten Bildes des zweiten Akts zum Finale. Aber das hat seine Wirkung nicht verfehlt! Eine BUTTERFLY, die aufwühlt, die einen nicht kalt lässt und die musikalisch alles bietet, was die Opernfans erwarten dürfen.

 

2 Gedanken zu „Der traurige Ruf des Rotkehlchens – „MADAMA BUTTERFLY“ im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen&8220;

  1. Glückwunsch zu diesem schönen Artikel-Titel!!! und auch die Rezension macht, wie eigentlich immer, reiselustig und neugierig.Neugierig auf Sänger, deich abgesehen von Urban Malmberg, bewusst, noch nie hörte. Danke!

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