Deftige Buffa im englischen Herrenhaus – „La finta Giardiniera“ als Stream der Opera Śląska in Bytom

Yaroslav Shemet

Der 25-jährige Yaroslav Shemet, der im Januar 2020 er an der Elbphilharmonie Hamburg mit Werken von Mozart, Haydn, Beethoven und Mendelssohn-Bartholdy debütierte, dirigiert Mozarts Frühwerk, das mit den Typen der Comedia dell ´Arte ein Verwechslungsspiel der Liebe spielt, bei dem nichts bleibt wie es war.

Schon während der spritzig musizierten Ouvertüre wird das Herrenzimmer eines Landhauses  gezeigt, in dem sich die Handlung abspielt. Eine adelige Dame – man erfährt hinterher, dass es die Marchesa Violante Onesti war – wird anscheinend von einem maskierten Mann erdolcht, sie steht aber, nachdem er weg ist, auf, als ob nichts gewesen wäre. Es wird eine Kriminalkomödie.( Rezension des Livestream vom 23.01.2021 )

 

Nardo (Kamil Zdebel), Diener der Marchesa Violante, tritt als Inspector Cluzot im Trenchcoat auf, der diesen Anschlag auf seine Herrin aufklären will. Hausherr Don Anchise Podestà di Lagonero (Mateusz Zajdel), der die schöne junge Gärtnerin Sandrina (Marta Huptas) anschmachtet, macht gute Miene zu bösem Spiel. Lagoneras Kammermädchen Serpetta (Ewelina Szybilska) ist in den Podestà verliebt, die vornehme Mailänderin Arminda (Magdalena Czamecka) , Gast des Podestà,  hofft, den Contino Belfiore zu kapern, obwohl sie von Cavaliere Ramiro (Anna Borucka in einer Hosenrolle, als Sherlock Holmes verkleidet) verehrt wird, der ist naturgemäß von ihr enttäuscht, weil sie seine Liebe nicht mehr erwidert.

In dieses Gefühlchaos des 1. Akts kommt Contino Belfiore (Tomasz Tracz), der Schwerenöter der Komödie, im 2. Akt, als schneidiger Fliegeroffizier.  Zunächst macht er Serpetta, dem Zimmermädchen des Podestà, den Hof, bis der ihn dezent darauf hinweist, dass er sich der schönen Arminda widmen soll. Der Podestà ist der Strippenzieher und hinterher der Düpierte, weil die schöne Gärtnerin Sandrina, an die er sein Herz verloren hat, sich als Marchesa Violante entpuppt, die dem Contino Belfiore seinen Anschlag, den er nur aus Eifersucht begangen hat und heftig bereut, verzeiht und ihn als Gatten akzeptiert.

Opera Slaska/La Finta/ Foto @ Karol Fatyga

Arminda bekommt Ramiro, Serpetta findet Gefallen an Nardo alias Sherlock Holmes, dem verkleideten Diener Armindas, und der Podesta wartet auf die nächste schöne Gärtnerin.

Musikalisch erkennt man Vorläufer von „Le Nozze di Figaro“ und „Cosi fan tutte“, wenn auch das Libretto von Giuseppe Petrosellini die Eleganz, Komplexität und Bissigkeit eines Lorenzo da Ponte vermissen lässt. Mozart hat jedenfalls schon als 18-jähriger bewiesen, dass er die kompositorischen Verfahren seiner Zeitgenossen, die er später weit hinter sich ließ, beherrschte.

Auffallend ist die erlesene Instrumentierung, vor allem der Holzblasinstrumente, die alle hervorragend intoniert werden. Vom Klang her würde ich auf historisch informierte Aufführungspraxis tippen, denn man findet selten Streicher, die eine Opernvorstellung auf Darmsaiten durchstehen. Der Klang ist jedenfalls sehr klar strukturiert und macht schon bei der Ouvertüre Lust, sich die komplette Oper anzusehen. Dirigent Yaroslaw Shemet bestätigt auf meine Anfrage, dass ihm ein historisch informierter Mozartklang wichtig ist und dass er sich näher beim Vorbild Currentzis einordnet als bei Karl Böhm. Das Orchester sei nicht daran gewöhnt gewesen, Mozart zu spielen, und er habe viel feilen müssen, um den ersehnten barocken Klang aus diesem Orchester herauszuholen, aber es habe sich gelohnt.

Opera Slaska/La Finta/ Foto @ Karol Fatyga

„Je periphärer das Werk, umso besser muss es aufgeführt werden“ erklärte Dirigent Hendrik Vestmann, als er 2012 in Bonn mit großem Erfolg „La finta Giardiniera“ auf die Bühne brachte. Der Regieansatz, die Story als Detektivgeschichte in einem englischen Herrenhaus aus der Zeit des Sherlock Holmes zu inszenieren, den Regisseur André Heller-Lopes 2018 gewählt hat, ist jedenfalls ausgesprochen elegant. Die Vorgeschichte wird während der Ouvertüre erzählt, und wer genau aufgepasst hat, erkennt am Kleid, dass Sandrina die vermeintlich erdolchte Marchesa Violante Onesti ist, die sich als junge Gärtnerin verkleidet hat.

Das ursprünglich dreistündige Werk ist in Bytom nur wenig auf zwei Stunden 40 Minuten gekürzt. Es wird die italienische Originalfassung mit Rezitativen und mit polnischen Untertiteln gespielt. Vor allem im 3. Akt zeigen sich immer noch Längen, das hätte man eventuell noch etwas mehr straffen können. Mozarts Arien und Ensembles sind in seinen späteren Opern erheblich stärker konzentriert, aber auch hier gibt es an den Enden der Akte ganz bezaubernde Quintette und Septette.

Man muss bedenken, dass 1775, im Jahr der Uraufführung, die Musik eher als Begleitung des gesellschaftlichen Ereignisses Opernbesuch diente, und dass die wenigsten Opern aus der Zeit einen dauerhaften Platz im Repertoire fanden. In der „Giardiniera“ werden die Protagonisten der Comedia dell´Arte durch typgerechte Arien und Ensembles liebevoll charakterisiert, aber sie sind noch nicht – wie später in den großen da-Ponte-Opern – als Menschen von Fleisch und Blut ausgearbeitet. Mit Salieri und anderen Zeitgenossen konnte Mozart jedenfalls im Alter von 18 Jahren schon voll mithalten. Vom Musikkritiker Daniel Schubart ist das folgende Zitat anlässlich der Uraufführung am 13. Januar 1775 im Salvatortheater München überliefert: „Genieflammen zucken da und dort, aber es ist noch nicht das stille, ruhige Altarfeuer, das in Weihrauchwolken zu Himmel steigt. Wenn Mozart nicht eine im Gewächshaus getriebene Pflanze ist, so muss er einer der größten Komponisten werden, die jemals gelebt haben.“

Aus dem sehr engagierten jungen Ensemble ragen heraus Charaktertenor Mateusz Zajdel als Podesta alias Harlekin, ein Erzkomödiant, der die vergeblichen Bemühungen um die von ihm angebetete Sandrina resigniert verkraftet, die bezaubernde lyrische Koloratursopranistin Marta Huptas als Sandrina, der lyrische Tenor Tomasz Tracz als Belfiore, der typische Tenor als temperamentvoller Lover und Herzensbrecher, und vor allem und ganz außergewöhnlich gut die Charaktersopranistin Ewelina Szybilska (normalerweise machen das Mezzosoprane), die als „Komische Alte“ wirklich alle Register zieht. Als von vier jungen Männern angebetete Dame im strengen Kostüm macht sie sich einen Schlitz in den Tweedrock und zeigt Strapse, um später mit Zipperlein und Strickzeug wieder zur grauen Maus zu werden. Am Schluss zitiert sie die Königin der Nacht, eine wahre Gaudi.

Opera Slaska/La Finta/ Foto @ Karol Fatyga

Ein besonderes Lob gebührt dem Dirigenten Yaroslav Shemet, der mit straffen Tempi transparent dirigiert und die Strukturen klar herausarbeitet. Er gibt vor allem auch den hervorragenden Bläsern den Raum ihre lyrischen und virtuosen Qualitäten zu zeigen. Dabei kommt ihm die hohe Qualität des Orchesters der schlesischen Oper Bytom entgegen. 

Corona-bedingt hat man das Orchester im Parkett aufgestellt und auf der Bühne auf den Sicherheitsabstand zwischen je zwei Sängern geachtet. Es ist eine Wiederaufnahme der Produktion vom 16. Juni 2018.

Das Stück kann nur zum Preis von 20 Zloty (=4,40 €) gestreamt werden, denn auch in Polen ist zurzeit kein Publikum zugelassen. Im vor 110 Jahren erbauten erbauten Theater wirkte unter anderem auch im Jahr 1925 Walter Felsenstein, der dort „La Bohême“ inszenierte. Das gegenwärtige Repertoire umfasst 33 Opern. Der Direktor des Opernhauses ist Łukasz Goik.

Die ganze Produktion lässt den Spaß an der Sache erkennen. Für mich war es die ideale Beschäftigung an einem trüben Winternachmittag, mich mit dieser entzückenden Geschichte zu befassen und die begnadete Musik des jungen Mozart zu genießen.

Das Stück kann noch bis zum 30.4.2021, 23:59 Uhr gestreamt werden. Hier der Link:

https://vod.opera-slaska.pl/v/ogr9asd1asgg45gxa

Hier der Link zur Website der Schlesischen Oper Bytom:

https://opera-slaska.pl/en/spektakle/event/60/rzekoma-ogrodniczka—la-finta-giardiniera

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer/ RED. DAS OPERNMAGAZIN 
  • Titelfoto: Opera Slaska/La Finta/ Foto @ Karol Fatyga

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