
In Berlin ist sie ein häufiger Gast. Und natürlich ist die Philharmonie wie immer ausverkauft, wenn Martha Argerich konzertiert. Die Grande Dame unter den Pianistinnen ist ein Phänomen, leidet seit 1990 an schweren Krebserkrankungen, verfügt seit Jahren nur noch über einen Lungenflügel und ist dennoch im hohen Alter von mittlerweile 84 Jahren so leistungsfähig wie andere in jungen Jahren nicht, gefühlt aktiver denn je und all das mit der von ihr gewohnten pianistischen Meisterschaft! (Rezension des Konzerts v. 2. Dezember 2025)
So auch diesmal zum jüngsten Auftritt mit dem Rotterdamer Philharmonic. Unweigerlich kommen einem Erinnerungen an das letzte Konzert im Oktober vergangenen Jahres in den Sinn, als Martha Argerich mit ihrem langjährigen Freund und Kollegen Daniel Barenboim Beethovens erstes Klavierkonzert aufführte. Die beiden gebürtigen Argentinier waren kaum noch ohne den jeweils anderen zu denken, über viele Jahre waren sie als bewährtes Team, zeitweise auch als vierhändiges Pianistenduo, eine feste Säule im Berliner Konzertleben.
Auf solche Abende wird man indes nicht mehr allzu oft hoffen dürfen, geht es doch dem an Parkinson erkrankten Barenboim gesundheitlich noch schlechter als Argerich. Anwesend war er in alter Treue aber auch diesmal, wenn auch nicht auf dem Podium, so doch im Publikum. Am Pult des Orchesters stand Lahav Shani, kürzlich wegen einer Ausladung von einem belgischen Musikfestival in Gent in aller Munde mit der Solistin klanglich auf einer Wellenlänge.

Und die hat nichts von ihrer Kraft eingebüßt, wenn sie das Konzert ihres Lieblingskomponisten Robert Schumann eröffnet – energisch, brillant, makellos. Wenige Akkorde nur, und schon steht der ganze Saal unter Strom.
Nun ist dieses Konzert, wie Schumann selbst an seine Frau Clara schrieb, freilich a priori kein virtuoses Stück, eher ein sehr beseelt romantisches, in dem die lyrisch-expressiven Töne überwiegen, entwickelt aus der 1841 geschriebenen „Fantasie für Klavier und Orchester“. Für diese melancholisch angehauchte, verträumte Melodik, die ihr so entgegenkommt, zaubert Argerich den denkbar schönsten, Klang aus dem Instrument. Dass man auf einem Streich-oder mit einem Blasinstrument der menschlichen Gesangsstimme nahekommen kann, lässt sich gewiss einfacher vorstellen als auf einem Instrument mit Mechanik. Aber wenn Argerich die Tasten streichelt, singt es eben doch aus dem Resonanzkörper, legatissimo und dolcissimo. Im traumwandlerischen Präludieren setzt sich dieser Klangzauber dann fort, mit dem man unweigerlich atmosphärisch abhebt von allem Irdischen.
Die Binsenweisheit, dass besonders schwer zu spielen ist, was einfach tönt, bestätigt sich dann im Intermezzo, dem Andantino grazioso. An Haydn und Mozart erinnern da die vier ersten schlichten Takte im Solopart, der hier noch stärker als im ersten Satz schon auf intime Weise mit den Holzbläsern dialogisiert. In intime Kammermusik schlägt da also das Konzert um, mit ausgedünntem Orchesterpart und einer Solistin, der man ihre Erfahrungen auf die Kammermusik anmerkt, so wie sie stets den Blickkontakt mit den Bläsern sucht und die ersten Töne überzeugend so artikuliert, wie es Schumann mit Punkten über den Noten und einem Bogen darüber notiert hat: stakkato, aber nicht zu kurz. Jede Note schwingt noch leicht nach.
Der Finalsatz Allegro vivace verströmte mit seinem herrlichen Thema und königlichem Stolz schließlich eine positive Energie, von der man eine ganze Woche lang zehren mag.
Eine kleine feine Zugabe gab es auch noch: „Von fremden Ländern und Menschen“ aus Schumanns „Album für die Jugend“, eines jener Stücke, das viele Ton für Ton innerlich mitsingen können. Argerichs Meisterschaft liegt auch hier im Unprätentiösen, wie sie jeden einzelnen Ton, zum Funkeln bringt, jede Phrase unter einem großen Bogen spannt, mit einem kleinen bedächtigen Ritardando vor der Wiederholung.
Von solch magischem Spiel bewegte sich das Orchester unter Lahav Shani – auch schon in Duo Recitals mit Argerich zu erleben – farblich und dynamisch in ähnlichen Sphären, dabei stets in idealer Balance mit dem Soloinstrument.
Einen vollblütigen, sinnlichen Klang ließ das Orchester auch in der dem Konzert vorangestellten Ouvertüre „Cyrano de Bergerac“ von Johan Wagenaar vernehmen, die in den ersten Takten stilistisch stark an Richard Strauss erinnert, aber besonders aufhorchen lässt, wo die Oboe mit lyrisch ansprechenden Soli hervortritt.
Weniger überzeugt hat mich Shanis Interpretation von Beethovens dritter Sinfonie, auch wenn er sie plastisch in ihrer Klangrede erfasst. Aber klanglich blieb diese Einstudierung für mich etwas unbefriedigend. Selten einmal spielten hier – am ehesten noch die Bratschen – Linien, entstanden vielmehr Löcher in den Melodien durch das kurze Abphrasieren kurzer Takteinheiten, die spröde Tongebung wurde noch durch das vibratolose Spiel der Streicher unterstrichen. Insbesondere der „Trauermarsch“ litt unter dieser Spielweise, konnte ohne eine vergleichbare Gesanglichkeit den tiefen Schmerz in der Musik nicht ergründen. Eines muss man Shani freilich lassen: Er erzielt einen sehr transparenten Klang, auch dank seiner kleineren Besetzung, aber auch einen dünneren. Der traditionsreiche Klang alter europäischer Schule gefällt mir besser.
- Rezension von Kirsten Liese / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Berliner Philharmonie
- Titelfoto: Martha Argerich /Foto: Adriano Heitman