
Weihnachten bedeutet für viele Opernfans La Bohème, Die Zauberflöte und Hänsel und Gretel in Dauerschleife. Dem beliebten Winterrepertoire versucht die Bayerische Staatsoper nun ein weiteres Werk hinzuzufügen; pünktlich am Abend vor dem ersten Advent feiert Rimski-Korsakows Oper Die Nacht vor Weihnachten Premiere. Auf der Bühne fällt reichlich Kunstschnee, der große Weihnachtszauber bleibt aber aus. (Rezension der Vorstellung v. 29. November 2025)
Der Abend beginnt denkbar unweihnachtlich mit einer Taschenkontrolle. Mit Nikolai Rimski-Korsakows Die Nacht vor Weihnachten spielt die Staatsoper einen russischen Komponisten und das birgt fast vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine Konfliktpotenzial. Auf der Bühne dagegen hat die Politik an diesem Abend Pause, Regisseur Barrie Kosky verzichtet ganz bewusst auf eine politische Deutung der Oper. Das kann man kritisieren, muss man aber nicht.
Denn Die Nacht vor Weihnachten ist eine Liebeserklärung an die ukrainische Folklore. Weniger als das christliche Weihnachten steht Koljada im Mittelpunkt, die Feier zur Wintersonnwende, dass sich in der Ukraine durch das Koljada-Singen erhalten hat – ein Brauch, der mit unserem Sternsingen vergleichbar ist. Gogol verweist in der literarischen Vorlage zur Oper, Abende auf dem Vorwerke bei Dikanjka, darauf. In den Koljada-Nächten ist die Grenze zwischen der realen in der mythischen Welt besonders dünn und so ist es kein Wunder, dass in Die Nacht vor Weihnachten der Teufel selbst eine Rolle spielt. Nicht als Bösewicht, im Gegenteil: Er hilft dem jungen Schmied Wakula, die Schuhe der Zarin zu gewinnen, die dieser seiner Angebeteten Oksana schenken will – Die Nacht vor Weihnachten ist damit ein Weihnachtsmärchen der anderen Art.
Nikolai Gogol verfasste die literarische Vorlage um die heutige Ukraine zu romantisieren, Rimski-Korsakow verwendete für seine Oper ukrainische Volksmusik – die für die Aufführung an der Bayerischen Staatsoper aus dem Russischen ins Ukrainische zurückübersetzt worden sind. In München singen in dieser Liebeserklärung an die Ukraine ein zu großen Teilen russisches Ensemble. Barrie Kosky bringt es im Programmheft selbst auf den Punkt: Ist das nicht eine schöne Weihnachtsgeschichte – und Statement – genug?

Kosky hat das Werk verstanden, keine Frage, und doch ist offensichtlich, dass er damit kämpft. Das in so vielen Inszenierungen bewährte Kosky-Konzept will an diesem Abend nicht so recht aufgehen. Der Beginn der Oper gelingt dem Regisseur dabei noch wahrlich magisch. Um das Märchenhafte, das Menschliche zu betonen, bringt Kosky den Prozess des Erzählens auf die Bühne und platziert seine Inszenierung kurzerhand in einem Theater auf dem Theater. Der Teufel, wunderbar verschmitzt dargestellt von Tansel Akzeybek, tritt als Showmaster auf – Kostümdesigner Klaus Bruns hat ihn dafür in einen eleganten Frack gesteckt, der nur ein bisschen mehr glitzern könnte – seine Dämonen sind Akrobaten und Bühnenarbeiter in einem: Sie zeigen beeindruckende Kunststücke und berieseln die einzelnen Figuren mit reichlich Kunstschnee, um einen Schneesturm darzustellen. Die funkelnden Schuhe der Zarin werden als Erinnerungsstück an die Geschichte herumgereicht, das Publikum auf der Bühne, dargestellt durch den Chor, staunt und in einer Videoprojektion rieselt Schnee. Schön.
Doch viel zu schnell erschöpft sich das Konzept vom Theater auf dem Theater. Auch deshalb, weil die Sänger:innen ihre Auftritte viel zu oft an der Rampe stehend absolvieren müssen. Es gelingt dem Regisseur nicht, Klaus Grünbergs sehr düster geratenes Bühnenbild optimal zu bespielen. Auch die Abwechslung fehlt. Vor dem Auftritt der Zarin senkt sich zwar einmal ein dem Bühnenbild angepasster Vorhang, aber nur, um dieselben Kulissen wieder zu enthüllen, die er zuvor verdeckt hat. Der Theater-Effekt wird dadurch verstärkt, die Zarin-Szene holt das Publikum subtil in die Theaterszene vom Anfang zurück, einen großen Wow-Moment, wie man ihn von Kosky kennt – man denke an die prächtige Kutsche im Münchner Rosenkavalier, die auf der Bühne wendet – gibt es nicht.
Was in der Premiere ebenfalls stark auffällt: Koskys Humor will in dieser eher ruhigen, langsam erzählten Oper nicht so recht zünden. Als die Hexe Solocha gleich mehrere durchaus beleibte Liebhaber in ein und denselben, grell orangenen Kohlensack stopft (im Libretto haben alle Liebhaber ihre eigenen Säcke), bleibt das Publikum stumm. Erst als der Zarin kurzerhand die Puppenbeine abgeschraubt werden, um Wakula ihre Schuhe zu übergeben, lassen die Menschen sich auf den Scherz ein und lachen herzlich. Zum Glück verleihen Otto Pichlers gewohnt erstklassige Choreografien dem Abend Schwung.
Zum Leben erweckt wird diese vom Bayerischen Staatsorchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski. Den winterlichen Klänge Rimski-Korsakows, die schnell zu dick aufgetragen daherkommen können, verleiht er Leichtigkeit und einen fast tänzerischen Schwung, findet dabei aber für jede Szene die richtige Stimmung, sei es die verspielte Auftrittsarie der Oksana oder die absurde Zweisamkeit zwischen dem Teufel und Solocha. Neben Tansel Akzeybeks Teufel glänzt Ekaterina Semenchuk als Hexe mit erfreulich nuanciertem Spiel.

Auch ohne eine große Liebesszene bilden das wichtigste Paar der Oper die junge Oksana und der Schmied Wakula. Mit Elena Tsallagova steht für die Oksana eine Traumbesetzung auf der Bühne des Nationaltheaters. Mit feinen lyrischen Timbre umspielt die Sopranistin hochmelodisch Rimski-Korsakows Verzierungen, hat dabei immer einen leicht dramatischen Einschlag, mit dem sie die verliebte, aber selbstsichere Oksana zum Leben erweckt. Sergey Skorokhodov gibt mit strahlendem, metallischen Tenor einen an Walther von Stolzing erinnernden Wakula, der ihm höchstens ein wenig zu normal gerät – wobei die Figur aber auch gar nichts besonders sein soll, sondern einfach ein Mann aus dem Dorf. Dieser Wakula droht mit Suizid, als Oksana in abweist. Hier hätte man sich eine klarere Positionierung Koskys gewünscht, denn romantisch ist das schon lange nicht mehr. So bleibt es trotz der hervorragenden Darsteller schwierig, mit dem Paar mitzufühlen.
Oksanas Vater Tschub singt der russische Bass Dmitry Ulyanov. Schauspielerisch und durch vollen Kopfstimmeneinsatz wird er dem komischen Potenzial der Figur voll gerecht, verleiht ihr durch sein weiches, dunkles Timbre aber auch eine Autorität und väterliche Wärme. Seine Mitbewerber um die Zuneigung Solochas singen, allesamt sehr gut, Sergei Leiferkus, Milan Siljanov und Vsevolod Grivnov. Als zwei tratschende Frauen überzeugen Alexandra Durseneva und Laura Aikin, den mysteriösen Pazjuk gibt Matti Turunen. Die großartige Violeta Urmana hat einen wortwörtlich schwebenden Auftritt als Zarin. Erst zum Finale kommt sie auf den Bühnenboden zurück, als das Ensemble sich noch im Stück verbeugt und so das Theater auf dem Theater zu Ende bringt. Was bleibt, ist die Entdeckung eines neuen Weihnachtsmärchens. Und die ernüchternde Erkenntnis, dass auch einem Theaterzauberer wie Barrie Kosky die Magie ausgehen kann.
- Rezension von Adele Bernhard / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Bayer. Staatsoper München / Stückeseite
- Titelfoto: Bayer. Staatsoper/DIE NACHT VOR WEIHNACHTEN/ Foto: © Geoffroy Schied