Aufzeichnungen aus dem Kellerloch – „Herzog Blaubarts Burg“ am Theater Biel

Theater Biel/ Herzog Blaubarts Burg/Foto: Konstantin Nazlamov

Der Mythos Blaubart zieht sich durch die Geschichte der Menschheit. Ob zahllos in der Literatur verewigt von Charles Perrault bis hin zu Max Frisch, oder von realen Personen wie Gilles de Rais, dem Kindermörder aus dem 15. Jahrhundert, bis hin zu neuzeitlichen Schreckensmeldungen über Triebtäter. „Die Welt ist voller Feinde.“ – lautet die Prämisse des Abends am Theater Biel. Das Märchen von Blaubart ist keineswegs Fiktion, sondern taucht auch in der Gegenwart als Personifizierung des Bösen immer wieder aufs Neue auf. (Besuchte Vorstellung am 6.3.2020

 

Zu einem der prominentesten Fälle der jüngeren Geschichte zählt das Schicksal von Natascha Kampusch, die in einem Kellerloch festgehalten wurde und erst nach 3096 Tagen fliehen konnte. Als 10-jähriges Mädchen wurde sie auf dem Heimweg in einen Transporter gezogen und von Wolfgang Přiklopil, ihrem Peiniger, in ein Kellerloch gesperrt. Dieses war versteckt in den Tiefen seines Hauses, mit schalldichten Wänden und mehrfach gegen ein Ausbrechen gesichert. Acht Jahre wurde sie gefangen gehalten und ihrer Kindheit und Jugend beraubt. Kampusch ist nun für immer gebrandmarkt.

Theater Biel/ Herzog Blaubarts Burg
Foto: Konstantin Nazlamov

Für uns ist nur schwer nachzuvollziehen, wie sich diese Jahre der Gefangenschaft angefühlt haben müssen. Was diese seelische Tortur mit einem Menschen macht, illustriert die Inszenierung von Dieter Kaegi aufs deutlichste. In dem weniger als 300 Sitzplätze umfassenden Theater Biel entsteht automatisch eine intime, beklemmende Atmosphäre; jeder Zuschauer sitzt nah am Geschehen und wird zum Voyeur, was durch den engen Orchestergraben weiter verstärkt wird. Das sehr realistische Bühnenbild von Francis O’Connor gibt den Blick frei auf das kleine Zimmer, das Kellerloch, in dem Judith/Natascha ausharrt. Dass sie noch ein Kind ist zeigen die selbstgemalten Bilder an den Wänden und die Traumfänger über ihrem Bett.

Spannend sind die beiden Handlungsstränge, die für sich stehen, aber immer wieder verknüpft werden und Parallelen aufzeigen. Während Judith Blaubart freiwillig gefolgt ist, wurde Natascha Kampusch gegen ihren Willen gefangen. Dennoch erliegen beide bis zu gewissem Grade dem Stockholm-Syndrom. Blaubart als auch Přiklopil weisen deutliche Ähnlichkeiten auf, wenn es um Machtausübung, Manipulation und körperliche Gewalt geht.

Theater Biel/ Herzog Blaubarts Burg
Foto: Konstantin Nazlamov

Die Handlung wird retrospektiv, vom Sprecher des Prologs erzählt, der sich die Tonbänder mit den Aufnahmen des Opfers anhört. Stets präsent – womöglich als Journalist oder Polizeikommissar – schafft er eine Metaebene, die das ganze im Kontext eines richtenden Betrachters sehen lässt. Immer wieder lässt ihn das Gehörte erschaudern, er ist entsetzt von den Begebenheiten. Er durchbricht die Mauer zwischen Vergangenheit und dem Jetzt, indem er den Tatort mit Polizeiabsperrung betritt, aber auch als unsichtbarer Betrachter das Geschehen zwischen Täter und Opfer ansieht, als ob er selbst dabei gewesen ist. So greifbar wie für ihn als Erzähler ist auch das Geschehen für den Zuschauer – die Inszenierung wird zu einer zutiefst erschütternden, realistischen Erfahrung.

Unterstützt wurde dies von den darstellerisch eindrucksvollen Leistungen beider Sänger und des Erzählers. Katerina Hebelkova war eine Judith mit fester, ausdrucksstarker Stimme. Die Mezzosopranistin sang leidenschaftlich und konnte sich ihre Rolle überzeugend einverleiben. Mischa Schelomianski ließ einem Dank seiner sonoren, düsteren Bassstimme das Blut in den Adern gefrieren. Geradezu erschreckend war die Darstellung seines Blaubarts in ihrer schauerlichen Direktheit. Das Zusammenspiel beider Hauptrollen war vollends beeindruckend und auch Christian Manuel Oliveira konnte seinen Part des Erzählers mit Eindringlichkeit und Mitgefühl darstellen.

Theater Biel/ Herzog Blaubarts Burg
Foto: Konstantin Nazlamov

Eigens für diese Produktion erarbeitete Eberhard Kloke eine reduzierte Orchesterfassung für 28 Musiker*innen. Béla Bartóks einzige Oper, für großes Orchester geschaffen, weist in der „Bieler Fassung“ statt der üblichen 60 Streicher lediglich neun auf. Ergebnis dessen war eine Interpretation der Oper, die aus in diesem kleinen Haus seine volle Wirkung und Durchschlagskraft entfalten konnte. Durch die Reduktion der Instrumente entstand ein ungewohnt expressionistischer Klang, der nur allzu gut zur harschen Deutung des Blaubart-Märchens passte.

Kaegis Inszenierung zeigt, dass wir auch heute nicht vor solchen Tätern gefeit sind. Das „Märchen vom Blaubart“ wurde bittere Realität für Natascha Kampusch und soll uns alle anhalten zu handeln, Frauen Glauben zu schenken und vor allem: Nicht wegzusehen.

Als Zeichen der Inklusion hat das Theater Biel eigens für diese Produktion eine Audiodeskription für Menschen mit Sehschwäche anfertigen lassen. Über eine drahtlose Kopfhörertechnik werden in den Gesangspausen die Geschehnisse auf der Bühne durch zwei Erzähler in Echtzeit erläutert. An ausgewählten Terminen wird die Audiodeskription jeweils auf deutscher oder französischer Sprache angeboten. Dieser Service wurde sehr gut angenommen.

 

  • Rezension von Alexandra & Phillip Richter / RED: DAS OPERNMAGAZIN
  • Theater Biel / Stückeseite
  • Titelfoto: Theater Biel/ Herzog Blaubarts Burg/Foto: Konstantin Nazlamov

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