„Zanaida“ am Staatstheater Mainz – Ein Königreich als Mitgift

Staatstheater Mainz/Zanaida/Brett Carter, Dorin Rahardja/Foto @Andreas Etter

Zanaida am Staatstheater Mainz, Oper von Johann Christian Bach

Premiere am 7. November 2019

Besuchte Vorstellung war die Dernière am 12. Februar 2020

Das, was der Regisseur Max Hopp in einem Interview sagt, wird für mich zum Problem in dieser Inszenierung: „Sprache ist der Träger für Emotionen. Ich finde es in der Oper immer schwierig, einem Vorgang auf der Bühne zu folgen, der mich berühren, der mich faszinieren soll, wenn ich Übertitel lesen muss. Das ist ein rationaler Vorgang, der mich vom Geschehen ablenkt, wodurch ich keinen direkten Zugang mehr zu Emotionen habe.“ Es gab also keine Übertitel. 

 

In der Mainzer Inszenierung kam die Zanaida erstmals in deutscher Sprache in einer deutschen Neudichtung von Doris Decker auf die Bühne. Doris Decker ist Musikerin, Saxofonistin und Songwriterin in den Genres Pop, Rock, Chanson, Theater. Sie komponierte und textete für Künstler wie Udo Lindenberg, Vicky Leandros, Christina Stürmer, Michelle, Laith al Deen. Die deutsche Neudichtung der Oper Zanaida, basierend auf dem Libretto von Giovanni Bottarelli, ist Doris Deckers Debut in diesem Genre. Sie hat die in der Barockoper typischen kurzen Phrasen und Verszeilen, die sich dort mehr oder weniger oft wiederholen, auf lange Sätze ausgedehnt. Sinn war es, die Erzählmenge zu erhöhen.

Für mich bedeutete die Herangehensweise der Regie, auf die Übertitelung zu verzichten, und die eingefügten Teile der deutschen Neudichtung, die von den vorhandenen Inhaltsangaben abweichen, dass ich den auf der Bühne gesungenen Texten nicht wirklich folgen konnte. Darauf, dass alle Sängerinnen und Sänger textverständlich artikulieren, kann und sollte man sich nicht verlassen.

Aber der Reihe nach.

Staatstheater Mainz/ Zanaida/Hege Gustava Tjønn, Dorin Rahardja/Foto @Andreas Etter

Zanaida ist eine Opera seria in drei Akten von Johann Christian Bach (1735-1782). Die Uraufführung fand am 7. Mai 1763 am King´s Theatre in London statt. Trotz großem Erfolg gab es nur fünf weitere Aufführungen, das Theater ging in die Sommerpause, und nach einem Wechsel in der Theaterdirektion wurde der Vertrag mit dem Komponisten nicht verlängert. Die Oper geriet in Vergessenheit, die Partitur schien verloren. Das Libretto, die Ouvertüre und einige Arien allerdings wurden gedruckt, und so gab es die Möglichkeit, das Werk wiederzuentdecken.

In der Sammlung des New Yorker Musikwissenschaftlers Elias Nicholas Kulukundis wurde die Partitur der Zanaida im Jahr 2010 gefunden. Recht schnell kam dann das Werk im Rahmen des Bachfests Leipzig am 15. und 16. Juni 2011 im Goethe-Theater Bad Lauchstädt zur Aufführung, 218 Jahre nach der Uraufführung. Danach wurde es nur noch einige wenige Male gespielt in Paris, Wien und La Valetta, bevor es jetzt in Mainz wieder auf die Bühne kam.

Regie in dieser erst dritten Inszenierung der Zanaida führt Max Hopp, der in Mainz bereits als Sprecher in „Loriots Ring an einem Abend“ große Erfolge feierte. An seiner Seite ist der musikalische Leiter Adam Benzwi, der aus dem Bereich Jazzoperette der 1920er und 1930er Jahre kommt und der mit Bachs Musik ähnlich frei umgeht, wie er es von dort gewohnt ist: „Diese Musik will Improvisation. Wenn ich merke, dass ein Ton für unseren Kontext geändert werden will, dann mache ich das … eben so, wie es auch in der Musik zu Bachs Zeit gang und gäbe war … natürlich immer mit großem Respekt gegenüber der Musik.“ Die beiden Künstler arbeiteten bereits mehrfach an der Komischen Oper Berlin zusammen, Max Hopp auf der Bühne, Adam Benzwi im Graben. Seit einiger Zeit wechselt Hopp ab und an die Perspektive und begibt sich von der Bühne an den Regietisch. Zanaida ist die zweite gemeinsame Arbeit von Hopp und Benzwi als Regisseur und Musikalischer Leiter.

Das italienische Libretto der Zanaida stammt von Giovanni Gualberto Bottarelli (aktiv 1741–1779), dem Hauspoeten des King´s Theatre. Bonmot am Rande, Zitat aus Wikipedia: Bottarelli war Zeuge in einem Gerichtsverfahren gegen Casanova, der über ihn berichtete: „Bottarelli veröffentlicht in einer Broschüre alle Zeremonien der Freimaurer, und der einzige Satz, der gegen ihn verhängt wurde, lautet: Er ist ein Schurke. Das wussten wir vorher!“ Casanova nennt Bottarelli auch einen Schlingel, nachdem er ihn und seine Familie in Not getroffen hatte, und berichtet, dass Bottarelli in seiner Heimatstadt Pisa Mönch gewesen war und mit seiner Frau, die Nonne gewesen war, nach England geflohen war.“

Bottarelli nutzte als Grundlage für sein Libretto das von Pietro Metastasio (1698–1782) „Siface re di Numidia“ von 1723. Er verlegte den Ort der Handlung nach Persien, erhöhte die Zahl der Protagonisten, kürzte die Arien aber adaptierte die Texte.

Max Hopp und Doris Decker machen das nun in Mainz zum Teil wieder rückgängig. Aus der Türkei und Persien werden die Planeten Punia und Numidien, angesiedelt im Andromedanebel. Die Texte werden gestreckt, Nebenrollen gestrichen, Hauptrollen intensiviert, neue Konflikte eingebaut. Aus Liebesdramen werden Konflikte zwischen Brüdern, Mutter und Sohn und vor allem dem König und seinem Verhältnis zur Macht.

Der Inhalt:

Zanaida, Tochter des punischen Königs Soliman soll den König Numidiens, Tamasse, heiraten. Mit Liebe hat dieser Bund allerdings nicht viel zu tun. Die Ehe soll als politischer Winkelzug die Länder Punia und Numidien, die sich seit langer Zeit in einem zermürbenden Krieg um Wasserressourcen befinden, auf friedliche Weise miteinander verbinden.

Staatstheater Mainz/Zanaida/Brett Carter, Dorin Rahardja, David Bennent, Alexandra Samouilidou, Mädchenchor/Foto @Andreas Etter

Die Ehe ist ein nützes, heilsames Ding, durch die werden Land, Feld und Häuser gebauet, gemehret und in Frische gehalten, manisch Streit und Feindschaft hinterlegt und gestillet, gut Freundschaft und Sippe unter fremden Personen gemacht und das ganze menschliche Geschlecht geewigt“ schrieb Albrecht von Eyb in seinem Nürnberger Ehebüchlein von 1742.

Dieses Mittel zur Aufrechterhaltung von Machtstrukturen kollidiert allerdings mit den Plänen Tamasses. Er liebt eine andere Frau, Osira, die sich als Geisel auf Numidien befindet und lässt nichts unversucht, um die sanftmütige Zanaida von der Heirat mit ihm abzubringen und sich ihrer zu entledigen. Selbst ihren Tod würde er billigend in Kauf nehmen.

Zanaida reist nicht allein nach Numidien. An ihrer Seite sind der punische Botschafter und Vater Osiras, Mustafa, der ehemalige punische Kriegsherr Gianguir und eine Schar aletheiischer Musen (Aletheia ist in der griechischen Mythologie die Göttin der Wahrheit), die ihrer Prinzessin treu ergeben sind.

Roselane, Mutter des Königs Tamasse, will aus taktischen Gründen Zanaida nicht auf dem Thron sehen, die leicht zu lenkende Osira ist ihre Wahl. Zanaida wird sehr abweisend empfangen und Tamasse befiehlt seinem Bruder Cisseo, der wie er in Osira verliebt ist, Zanaida zu verführen. Wenn sie untreu wird, kann er sich ihrer leicht entledigen. Unterdessen versucht Osira, ihren Vater Mustafa von ihrer Beziehung zu Tamasse zu überzeugen, der aber sieht darin nur eine Illoyalität gegenüber dem Volk in Punia und versucht, sie zu töten. Zanaida kann das verhindern. Roselane und Tamasse machen Zanaida klar, dass die geplante Hochzeit nicht stattfinden wird. Und Roselane besänftigt Osira, die sich bereits als Königin auf dem Thron sieht, indem sie ihr von den Intrigen gegen Zanaida erzählt.

Zanaida wird nicht nur der Untreue bezichtigt, ein gefälschter Brief soll einen von ihr geplanten Mordanschlag auf Tamasse belegen. Cisseo begehrt ob der Ungerechtigkeit zwar auf, muss sich aber seinem Bruder fügen. Mustafa soll den Richtspruch über Schuld und Unschuld sprechen und entscheidet, dass der Verfasser des Briefs die Hinrichtung verdient hat. Zanaidas Gefolge ist schockiert, sie aber tröstet ihre Begleiter, ist durch deren Mitleid mehr betrübt als durch ihren bevorstehenden Tod. Mustafa bedrängt seine Tochter Osira, die Intrige aufzulösen, sie aber ist uneinsichtig. Tamasse, mittlerweile geplagt von Gewissensbissen, erwartet Zanaida zur Hinrichtung. Um sie zu retten, schicken sich Mustafa und Gianguir an, Tamasse zu töten. Doch Zanaida verhindert den Anschlag mit der Begründung, dass der König ihr rechtmäßiger Gatte sei. Tamasse erkennt ihre Liebe und bittet sie um ihre Hand. Zanaida vergibt auch Osira und Roselane.

Die Inszenierung:

Die Bewohner von Punia sind an ihrem dritten Auge auf der Mitte der Stirn zu erkennen, die Bewohner Numidiens tragen gedrehte Hörner, wie man sie von Widdern kennt, auf dem Kopf. (Ausstattung Madis Nurms)

Eine Ungereimtheit konnte ich weder am Abend der Vorstellung noch jetzt beim Schreiben auflösen. Von welchem Planeten kommen Mustafa und Osira? Mustafa ist der punische Botschafter und seinem Herrn Tamasse, König von Numidien treu ergeben. Er reist im Gefolge Zanaidas nach Numidien, fällt dort den Richterspruch gegen sie. Seine Tochter Osira wird als Geisel in Numidien festgehalten. Aber beide, Mustafa und Osira tragen Augen auf der Stirn, als kämen sie aus Punia. Nun.

Staatstheater Mainz/Zanaida/Alexandra Samouilidou, Mädchenchor7Foto @Andreas Etter

Während des ersten Teils der Ouvertüre wird auf dem geschlossenen Vorhang ein Text eingeblendet, der kurz den Grund der Reise von Punia nach Numidien erläutert. Roselane und Osira stehen etwa auf Höhe des zweiten Rangs einander gegenüber, sie unterhalten sich. Der Vorhang öffnet sich, wir befinden uns jetzt in einem „Paralleluniversum, sind raus aus unserer Zeit und rein in eine neue Zeit“ versetzt. Dieses Universum besteht aus einem weißen leeren Bühnenraum, ein paar Scheinwerfer an der Seite scheinen eher zum „Kleinen Haus“ des Staatstheaters Mainz zu gehören als zur Inszenierung. Der dunkle Bühnenboden ist in drei Stufen wie eine breite Treppe hochgefahren, darauf stehen singend die Protagonisten. Durch die seitlichen Türen im Zuschauerraum betreten die achtzehn Musen, die Begleiterinnen Zanaidas, den Raum, dann die Bühne. Sie sind weiß gekleidet, tragen Kopftücher, wie muslimische Frauen sie tragen und bringen Gastgeschenke mit, Karaffen und kleine Kisten. Dieser Mädchenchor wurde der ursprünglichen Oper hinzugefügt. Ebenso die Tänzerin und der Tänzer, die einzelne Handlungen verstärkend begleiten (Choreografie Martina Borroni). Die Bewohner Numidiens sind recht auffällig und aufwändig gekleidet, ganz in Gold der König. Sein Thron, grob gezimmert aus Holz, steht in einem krassen Gegensatz dazu. Zanaidas himmelblaues Prinzessinnenkleid unterstreicht ihren Willen, menschlich zu bleiben, ihre seelische Größe, ihre weibliche Kraft. Später, ganz in rot gekleidet, singt sie: „Was mir bleibt, ist hoheitliche Würde, die mit Stolz wird triumphieren. Nimmer und niemals je kapitulieren.“

Im Laufe der Handlung wird sich an der spärlichen Ausstattung nicht viel ändern. Farbkleckse sind Flamingos, die auf der Bühne verteilt stehen, wenn Zanaida bei einem Spaziergang informiert wird, dass aus ihrer Hochzeit nichts wird. Die Vorrichtung mit dem Fallbeil, mit dem Zanaida hingerichtet werden soll, unterscheidet sich optisch nicht großartig von Tamasses Thron. Ein weiteres Möbelstück ist ein Bett, auch das grob gezimmert, dass auf die Bühne heruntergelassen wird und in das Cisseo sich kurz legt, Cisseo, der behindert ist in dieser Inszenierung, sein linker Arm scheint verkrüppelt. Wenn ich diesen Faden weiterspinne, kann ich Roselane einen großen Bilderrahmen zuordnen, in dem sie posiert und sich produziert. Osira schaukelt in einem Reif, groß wie ein Rhönrad, der mit Hilfe von Bändern in Bewegung gebracht wird, ihr Vater Mustafa nutzt diese Bänder, um sie zu würgen. Für Zanaida wird ein Ufo aus dem Bühnenhimmel herabgelassen, eine kreisrunde Scheibe, an deren Boden Scheinwerfer angebracht sind, die in alle Richtungen gedreht werden können. Sie steht zwar darauf, eingehüllt in die nach oben gerichteten Lichtstrahlen, abheben darf sie aber nicht (Licht René Zensen). Alle diese Ausstattungsobjekte stehen nicht gleichzeitig sondern nacheinander auf der Bühne.

Staatstheater Mainz/ Zanaida/David Bennent/ Foto @ Andreas Etter

Mit die größte Veränderung zum ursprünglichen Libretto liegt wohl in der Figur des Gianguir. Hier in Mainz hat er eine Sprechrolle, die von David Bennent übernommen wurde. Alle kennen ihn als Oskar Matzerath aus der Verfilmung der Blechtrommel von 1979. Seine beiden Monologe, zwischen die Handlung gesetzt, zeigen seine Zerrissenheit zwischen seinen Rollen als ehemaliger Kriegsherr und jetzt, im Frieden, als Beschützer Zanaidas. Sie setzen sich zusammen aus „Pico della Mirandolas Über die Würde des Menschen, Ernst Jüngers Im Stahlgewitter, Ronald Steckels Hörstück Durchbrüche, Passagen aus Bhagavad Gita und Texten von Max Hopp“. David Bennent war gut zu verstehen, aber bei der Vielschichtigkeit des Materials war es erfreulich, dass sein Text, während er sprach, auf den geschlossenen Bühnenvorhang projiziert wurde (Dramaturgie Christin Hagemann).

Zusätzlich zur Musik von Johann Christian Bach wurde der Gesang „Ave generoso“ von Hildegard von Bingen in die Handlung eingefügt.

 

Und hier das internationale Ensemble, das ohne Ausnahme eine sehr gute Leistung zeigte und sehr spielfreudig auch den letzten Abend der Produktion bestritt.

Staatstheater Mainz/Zanaida/Yuya Fujinami, Ageliki Gouvi, Mädchenchor/Foto@Andreas Etter

Zanaida wurde gesungen von Alexandra Samouilidou, Sopranistin aus Griechenland

Roselane – Hege Gustava Tjonn, Sopranistin aus Norwegen

Mustafa – Brett Carter, Bariton aus Australien

Tamasse – Zvi Emanuel-Marial, Altus aus Israel

Osira – Dorin Rahardja, Sopranistin, ihr Name zumindest kommt aus Indonesien

Cisseo – Philipp Mathmann, Countertenor aus Deutschland

Gianguir – David Bennent, Schauspieler aus der Schweiz

Tänzerin – Ageliki Gouvi arbeitet in Berlin

Tänzer – Yuya Fujinami aus Japan

Es spielten Mitglieder des Mädchenchors am Dom und St. Quintin unter der Leitung von Michael Kaltenbach und Jutta Hörl und das Philharmonische Staatsorchester Mainz unter der Leitung von Adam Benzwi.

 

  • Rezension von Angelika Matthäus / RED. DAS OPERNMAGAZIN
  • Staatstheater Mainz / Stückeseite
  • Titelfoto: Staatstheater Mainz/Zanaida/Alexandra Samouilidou, Mädchenchor/Foto @Andreas Etter

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