Was bleibt: Ein ewiger Winter – „Götterdämmerung“ in Oldenburg

Oldenburgisches Staatstheater/GÖTTERDÄMMERUNG/Foto @ Stephan Walzl

Kurz vor der Sommerpause fand die Ring-Tetralogie im Oldenburgischen Staatstheater mit der Aufführung der „Götterdämmerung“ ihren krönenden Abschluss. Mit Wehmut stellte so manch einer fest, wie schnell die Zeit seit der ersten Aufführung, „Rheingold“, vergangen war. (Rezension der Vorstellung v. 16.07.2022)

 

 

 

Im Finale der Ring-Saga spitzen sich die Ereignisse zu, die Handlungsfäden der vorherigen Aufführungen laufen zusammen und die Ankunft neuer Charaktere lässt das Geschehen unaufhaltsam auf das Ende zulaufen.

Die Gibichungen schmieden nämlich Hochzeitspläne. Die Geschwister Gunther und Gutrune erfahren von ihrem Halbbruder Hagen, dass Siegfried und Brünnhilde für sie als Heiratskandidaten in Frage kämen. Hagen interessiert sich für den Ring des Nibelungen und seine Macht. Um dies zu erreichen schmiedet er einen Plan: Siegfried soll beim Besuch der Gibichungenhalle mit einem Trank begrüßt werden. Dieser Trank lässt ihn vergessen, dass er Brünnhilde zur Frau hat. Der Plan geht auf. Siegfried verliebt sich in Gutrune und lässt sich von Hagen in weitere Pläne einspannen. Brünnhilde indes wird von ihrer Schwester Waltraute vor dem Fluch des Rings gewarnt und erfährt, dass Wotan die Weltesche zerstört hat. Sie möchte den Ring nicht abgeben, wird aber von Siegfried in Gestalt von Gunther überrumpelt. Das ehemalige Liebespaar trifft sich schließlich wieder. Siegfried ist nun Träger des Rings und wird von der verletzten Brünnhilde des Meineids angeklagt. In ihrem Zorn verrät sie den Gibichungen, dass Siegfried am Rücken verwundbar ist. Hagen erschlägt den Helden daraufhin. Er beruft sich seinerseits auf Meineid, wurde jedoch zuvor nochmals von seinem Vater Alberich auf den Ring angesetzt. Im anschließenden Handgemenge erschlägt Hagen auch Gunther. Brünnhilde hat das ganze Spiel mittlerweile durchschaut. Sie bittet die Rheintöchter, einen Scheiterhaufen zu errichten. So verbrennen sie, ihr geliebter Siegfried und der auf dem Ring lastende Fluch. Gereinigt kehr er zu den Rheintöchtern zurück.

Oldenburgisches Staatstheater/GÖTTERDÄMMERUNG/Foto @ Stephan Walzl

Verfall und Verderben bestimmen also die Handlung in der „Götterdämmerung.“ Nichts ist mehr übrig geblieben von der einstigen Pracht des Göttergeschlechts. Dies wird auch durch das Bühnenbild deutlich gemacht. Die Weltesche wurde offensichtlich brutal in Stücke gehauen, auch das Bauernhaus ist teilweise stark beschädigt. Winterliche Kälte bestimmt das Geschehen. Schnee fällt in den meisten Szenen herab. Das Licht flackert, es ist die meiste Zeit dunkel. In dieser Endzeitstimmung weben die Nornen im ersten Akt ihren Schicksalsfaden und ahnen das Ende voraus. Wabernder Nebel verhüllt auch dem Zuschauer an einigen Stellen einen genauen Blick auf die Geschehnisse.

Die Geschwister Gunther und Gutrune sind im Gegensatz dazu als fast schon grotesk anmutende Witzfiguren inszeniert. Für heitere Momente sorgt zum Beispiel Gutrunes extreme Kurzsichtigkeit, die häufiger zu Verwirrungen führt. Sie wirkt zudem wie ein Mauerblümchen und ist damit das exakte Gegenteil von Siegfried. Es geht dekadent zu bei den Gibichungen, Champagner wird in rauen Mengen verzehrt und Gunther muss häufig lautstark aufstoßen. Siegfried dirigiert die Rheintöchter mit dem sich immer noch an Alberichs abgeschlagenem Arm regelrecht, was ebenfalls für einige Lacher sorgt.

Insgesamt ist die Aufführung statischer als die vorherigen, als wäre sie ebenfalls in der Kälte  eingefroren. Zwei große Wandelemente dienen als Vorhang, welcher die große Bühne hinter sich verbirgt und somit viele persönliche Momente schafft. Dadurch wird das Schicksal der Charaktere persönlicher, greifbarer. So zum Beispiel als der leicht anämisch wirkende Hagen am Anfang des zweiten Akts Zwiesprache mit Alberich hält. Offensichtlich quält ihn der Auftrag des Vaters sehr, denn er versucht sich unter anderem durch Erhängen das Leben zu nehmen.

Siegfrieds kindlicher Übermut wird ihm schließlich zum Verhängnis. Unter den Überresten der Weltesche beschließen Gunther, Hagen und Brünnhilde seinen Tod. Dieser zeigt hier, dass der Held nicht jedermanns Liebling ist, sondern ein Mittel zum Zweck. Denn anders als im Libretto muss Siegfried (Zoltán Nyári, mit kräftiger, angenehmer Stimme, aber leider mit einigen Textunsicherheiten) hier allein sterben. Anschließend wird er wie ein totes Tier auf dem Boden liegend an einem Seil über den Boden geschleift und findet seine letzte Ruhestätte schließlich in einem Bett, nicht in einem Heldengrab.

Oldenburgisches Staatstheater/GÖTTERDÄMMERUNG/Foto @ Stephan Walzl

Dort verbrennt er zusammen mit Brünnhilde. Durch die düstere Szenen zeigende Drehbühne und verkohlte Puppen entsteht ein beklemmender Effekt. Hagen indes wird von den Rheintöchtern in einem Waschzuber ertränkt. Der Ring-Zyklus endet daraufhin wie er begonnen hat. Mit Alberich auf der Toilette. Diesmal allerdings erhängt er sich dort mit dem Seil, welches sein Sohn Hagen zuvor geknüpft hatte.

Als die letzten Takte verklingen, setzt tosender Applaus ein. Applaus für diese großartige, packende Inszenierung und die Leistung aller daran Beteiligten!

Gleich mehrere Sänger waren in einer Doppelrolle zu erleben. So Maiju Vaatoluoto als erste Norn und Rheintochter Floßhilde sowie Ann-Beth Solvang als Zweite Norn und Gutrune.

Großartig gelingt Ann-Beth Solvang mit ihrer angenehmen Stimme die Interpretation der schüchternen Gutrune, sie kann sie jedoch auch dank ihrer großen Wandlungsfähigkeit in der Traumszene nach Siegfrieds Tod verzweifelt klingen lassen.

Ergänzt werden die beiden von Susanne Serfling (Dritte Norn), Martha Eason (Woglinde) und Erica Back (Wellgunde).

Eine beachtliche Anzahl an Rollen sang auch Kihun Yoon. Zuerst als Alberich in Rheingold, dann als Wotan in Walküre, als Wanderer in Siegfried und nun als Gunther in der Götterdämmerung. Trotz der vielen Rollen hat seine Stimme nichts an Kraft eingebüßt, im Gegenteil. Kihun Yoon bezaubert durch seinen kraftvollen, auch bei den eher leisen Stellen wundervoll klaren Gesang. Stets textsicher präsentierte sich der südkoreanische Sänger stärker denn je, auch in der darstellerischen Leistung. Tiefsten Respekt vor dieser Leistung, das Publikum dankt es ihm mit großem Applaus und vielen Bravorufen.

Oldenburgisches Staatstheater/GÖTTERDÄMMERUNG/Foto @ Stephan Walzl

Ein großes Lob gilt auch Nancy Weißbach als Brünnhilde. Fast unglaublich scheint es, dass sie nach drei Aufführungen die Kraft hat sich selber sogar noch einmal zu übertreffen. Perfekt in jeder Hinsicht gelingen ihr die anspruchsvollen Gesangpartien. Ihre strahlenden, kräftigen Höhen machen das Zuhören zu einer wahren Freude.

Sami Luttinen singt im Oldenburger Ring den Hagen.  Das dunkle Timbre in seiner Stimme weiß sich an den richtigen Stellen zurückzunehmen, um dann umso kraftvoller an den richtigen Stellen hervorzubrechen. Im Zusammenspiel mit dem Orchester entsteht das Bild von einem gequälten, unter der Last seines Schicksals leidenden Mann.

Das Oldenburgische Staatsorchester macht unter der Leitung von Hendrik Vestmann das Finale rund. Gewaltige Klangwelten entschweben dem Orchestergraben, der Boden erzittert unter den hinreißend gespielten Passagen während des Finales. Auch die feinen, leisen Töne der Harfen kommen dank des harmonischem Zusammenspiels zur Geltung.

Der „Ring“ in Oldenburg – ein unvergessliches Erlebnis! Selten wurde „Der Ring des Nibelungen“ so kurzweilig und zugleich detailverliebt inszeniert. (Regie: Paul Esterhazy/Bühne und Kostüme: Mathis Neidhardt) Alles baut aufeinander auf, jede Handlung und jedes Detail ist durchdacht und wirkt dabei doch nicht überladen. Dadurch ist ein Mitfühlen mit den Charakteren uneingeschränkt möglich. Das Ganze wird meisterhaft begleitet vom Sängerensemble und dem Oldenburgischen Staatsorchester. So haben sowohl Kenner und Liebhaber der Werke Richard Wagners als auch Neulinge die Chance, auch außerhalb Bayreuths eine großartige Aufführung des „Rings“ zu erleben!

 

 

 

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