«Wahrhaft Märchenhaft» – Die Schauspieloper „Andersens Erzählungen“ am Theater Basel

Theater Basel/Andersens Erzählungen/Moritz von Treuenfels, Mario Fuchs, Linda Blümchen/ Foto©Sandra Then

Die Geschichte der kleinen Meerjungfrau von Hans Christian Andersen ist eines der bekanntesten Märchen dieses Schriftstellers. Das wunderschöne Geschöpf, welches davon träumt, auf der Welt zu leben und dort die grosse Liebe zu finden, ist bereit, jeden Preis dafür zu zahlen. Sei es das Meer, die Familie oder Ihre schöne Stimme. Ja selbst das Leben würde sie dafür opfern. (Besuchte Vorstellung: 10. November 2019)  

 

Schauspieloper von Jherek Bischoff (Musik) und Jan Dvořák (Text)/Uraufführung/Auftragswerk / Theater Basel
 

Auch der Dichter Andersen selbst weiss, was es bedeutet, von einer Liebe zu träumen. In armen Verhältnissen zur Welt gekommen und bei der bürgerlichen Familie Collin aufgewachsen. Dort begegnet er Edward, dem Sohn des Hauses in welchen er sich verliebt.

Doch so eine Liebe ist zu jener Zeit undenkbar und so schickt man Andersen auf eine grosse Reise. Inzwischen soll dann Edward verheiratet werden und damit das Problem gelöst sein. Überraschend erscheint am Vorabend der Hochzeit Andersen im Haus und gesteht Edward im letzten Moment seine Liebe.

Andersen erzählt nun die Geschichte der unglücklichen Meerjungfrau und deren Sehnen nach einer erfüllten Liebe. Fasziniert von dieser Erzählung kippt für einen Moment die Stimmung und Henriette, Edward’s Braut, ist völlig fasziniert von diesem romantischen Dichter. Edward hat auch heimliche Gefühle für Andersen und in betrunkenem Zustand verliert er die Kontrolle über sich und lässt seinen Gefühlen freien Lauf. Doch darauf hin sucht Andersen das Weite. Edward’s Vater schafft es, wieder Ordnung herzustellen. Nun kann geheiratet werden, meint er an Edward gerichtet. Kurz und Schmerzlos. Edward gibt diesem Druck nach und heiratet Henriette.

Theater Basel/Andersens Erzählungen/Moritz von Treuenfels, Mario Fuchs, Linda Blümchen, Statisterie/ Foto©Sandra Then

Bevor sich ein wunderbares Bühnenbild auftut, sehen wir eine aus dem Orchestergraben aufsteigende Kutsche, in welcher sich Andersen zusammen mit dem frierenden Mädchen mit den Schwefelhölzern befindet. Diesem armen Geschöpf beginnt er nun, das Märchen von der kleinen Meerjungfrau zu erzählen. Wir begleiten diese Geschichte mit fasziniertem Blick und man wird immer mehr von dieser unglaublich farbenprächtigen Inszenierun eingenommen, welche der grandiose Philipp Stölzl gemeinsam mit Heike Vollmer erschaffen haben. Das Team mit den verspielten und traumhaften Kostümen von Kathi Maurer, der Lichtregie von Thomas Kleinstück und der Choreografie von Sol Bilbao Lucuix erschuf eine Welt voller faszinierender Bilder. Die Personenregie ist hervorragend gelöst und jeder Charakter ist auf das feinste ausgearbeitet. Der Wechsel zwischen der Unterwasserwelt, der Welt des Prinzen und dem Salon der Familie Collin ist bis ins kleinste Detail gelungen. Wenn ganz am Schluss Andersen wieder alleine in der Kutsche sitzt und über die Worte: «Man muss durchhalten und dann geht es irgendwie weiter. Es geht einfach weiter» sinniert, schliesst sich der Kreis.

Wir erleben Andersen’s Zerrissenheit, welche sich immer wieder in der Geschichte der kleinen Meerjungfrau widerspiegelt. Der Wechsel zwischen Schauspiel, Gesang und Tanz ist derart meisterlich gelungen, dass man gebannt mitverfolgt, was das Schicksal als nächstes bringen wird. Der Text von Jan Dvořák  und die traumhaft schöne Musik von Jherek Bischoff ergänzen sich perfekt.

Die Basel Sinfonietta unter der Leitung von Thomas Wise ist hochkonzentriert zu erleben. Die grossartig gespielte Musik verbunden mit der Handlung auf der Bühne ziehen einen in den Bann. Da es sich um eine Schauspieloper handelt, begegnen wir auf der Bühne jungen Sängern und Schauspielern, welche unter dieser Regie die Gelegenheit haben, ihre bemerkenswert hohen Qualitäten zu beweisen. Und genau dies ist grandios gelungen.

Moritz von Treuenfels, als Hans Christian Andersen, spielt diesen zerrissenen und leidenden Mann. Er versteht es vorzüglich, mit grosser Sprachdeutlichkeit, Körpersprache und Musikalität diesen Charakter in allen seinen Facetten darzustellen. Eine wahre Meisterleistung. Der geliebte Freund Edward, wird durch den jungen Mario Fuchs mit ebenfalls sehr eindrücklicher Wirkung dargestellt. Auch hier spürt man die totale Identifikation mit der Rolle. Seine Braut Henriette Thyberg spielt Linda Blümchen ausdrucksstark und überzeugend. Edward’s Schwester Louise Lind, wird von Katharina Marianne Schmidt treffend dargestellt. Edward’s Vater, Jonas Collin, stets um den Ruf der Familie besorgt und ein strenges Regime führend, wird von Klaus Brömmelmeier  überzeugend interpretiert.

Theater Basel/Andersens Erzählungen/Bruno de Sá, Hyunjai Marco Lee, Moritz von Treuenfels, Linda Blümchen/ Foto©Sandra Then

Auf der musikalischen Seite, erleben wir weitere grosse Auftritte. Die von der Bühnendecke herunterschwimmenden Meerschwestern und die ebenfalls akrobatisch geforderte kleine Meerjungfrau faszinieren mit ihrem Gesang und verzaubern die Bühne in eine Traumwelt.

Bruno de Sá, welcher die kleine Meerjungfrau singt, ist ein junger Sopranist aus dem Opernstudio OperAvenir. Er begeistert mit einer bis in die allerhöchsten Töne perfekt sitzenden Stimme, seiner Beweglichkeit und Spielfreude. Es ist nicht schwer vorauszuahnen, was für eine künstlerische Zukunft diesem Ausnahmetalent bevorsteht.

Pauline Briguet, welche den tanzenden Part dieser Rolle übernimmt, fügt sich perfekt in diese Partie ein. Die beiden Meerschwestern wurden von Ena Pongrac  und Stefanie Knorr gesungen und ebenfalls mit viel Körpereinsatz gespielt. Diese beiden Sängerinnen verschmelzen harmonisch mit der Musik. Jasmin Etezadzadeh verkörpert die Grossmutter. In ihrem tollen Kostüm wird sie zu einem Hingucker und auch das Ohr wird durch ihre Stimme verwöhnt.

Den Prinzen singt Hyunjai Marco Lee, ein Tenor mit grosser Zukunft. Herrlich fliessende Stimme mit feinsten Nuancen. Rolf Romei als Meerhexe und dem Basler Publikum bestens bekannt, überzeugt mit Stimme und Spiel. Auf Stelzen gehend, in schillerndem Kostüm, eine imposante Erscheinung. Claudio Costantino, Laetitia Aurélie Kohler, Kihako Narisawa und Daniel Staaf, hatten als Tänzer/innen, zusammen mit der Statisterie des Theater Basel einige Auftritte und haben diese Wunderwelt aufs schönste ergänzt.

Diese Aufführung darf man einfach nicht verpassen. Eine derart überzeugende und das Publikum mitreissende Inszenierung erlebt man nur selten. Im Zuschauerraum war während des ganzen Abends trotz 2 ¼ Stunden ohne Pause eine absolute Ruhe festzustellen. Die virtuose Umsetzung dieses Werkes hatte alle Zuschauer im Griff. GRANDIOS!!

 

  • Rezension von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN-CH
  • Theater Basel / Stückeseite
  • Titelfoto: Theater Basel/Andersens Erzählungen/Stefanie Knorr, Jasmin Etezadzadeh, Bruno de Sá, Moritz von Treuenfels, Ena Pongrac/ Foto©Sandra Then

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