„Tot denn alles! Alles tot“ – „Tristan und Isolde“ in Wiesbaden stürmisch bejubelt

Staatstheater Wiesbaden/TRISTAN UND ISOLDE/Foto mit Marco Jentzsch, Barbara Haveman/Foto: Karl und Monika Forster

Es ist DIE große Oper über Liebe und Tod, die in ihrer kühnen Tonsprache den Rahmen des bis 1865 Geltenden sprengt. Mit Catherine Foster, Andreas Schager und René Pape, bietet das Staatstheater Wiesbaden zu den Maifestspielen 2022 eine Starbesetzung auf, die eigentlich schon 2020 geplant war. Die Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg hatte am 20.11.2021 Premiere. Nachdem die Rezensentin 2020 unter Corona-Bedingungen diese Stars in der gefeierten Produktion „Tristan und Isolde Ausschnitte“ mit Klavier und ohne Chor gesehen hat, (LINK zur Rezension) war es umso spannender, diese „Handlung in drei Aufzügen“ mit Chor und großem Orchester zu erleben. (Gesehene Vorstellung 29.05.2022)

 

 

„Tristan und Isolde“ ist von Wagner eher musikdramatisch als szenisch gedacht, und umso spannender ist das Konzept der Inszenierung. Vor allem bei Zuschauern, die das Werk zum ersten Mal sehen, entsteht häufig der Eindruck, dass szenisch nicht viel passiert.

Umso wichtiger ist es, die Handlung zu bebildern, und dazu hat Uwe Eric Laufenberg mit seinem Bühnenbildner Rolf Glittenberg und den Kostümen von Andrea Schmidt-Futterer ein schlüssiges Konzept gefunden. Er geht zurück auf die zugrunde liegende Erzählung des Gottfried von Straßburg, die Wagner als Librettist in genialer Weise fokussiert, dramatisch verdichtet und musikalisch ausgedeutet hat. Die Bühne ist ganz karg ausgestattet, die Videogestaltung der Bühne von Gérard Naziri ist häufig einfach nur monochrom – blau im ersten Akt, fahlweiß mit schneebedeckten Boden im letzten Akt.

Im ersten Akt ersten Akt agieren Isolde, Brangäne, Tristan und Kurwenal in Isoldes Kabine auf dem Schiff, als Requisite eine Garderobe mit ganz vielen Kleidersäcken, aber auch das Kästchen mit den Zaubertränken und das Schwert Tristans, dessen fehlendes Stück sie in der Leiche ihres Verlobten gefunden hat, wird als Beweisstück für Tristans Schuld gezeigt.

Staatstheater Wiesbaden/TRISTAN UND ISOLDE/Khatuna Mikaberidze/Foto: Karl und Monika Forster

Im Hintergrund werden Meereswogen angedeutet. Die temperamentvolle Isolde wirft aus Wut über den sich rarmachenden Tristan mit Kleidersäcken um sich, Brangäne zeigt die einzelnen Fläschchen vor, während sie die Bedeutung der Tränke erläutert. Bei Gottfried von Straßburg ist der Liebestrank der Todestrank, sein Genuss hat die Folge, dass die Liebe der beiden zueinander sie alle Konventionen über Bord werfen lässt und sie damit ihren Tod provozieren.

Die Verdichtung der Liebesbeziehung von Tristan und Isolde im 2. Akt mit der Entdeckung durch König Marke in einer überwältigenden Szene mit dramatischem Ausgang sagt alles durch Wagners Musik. Im zweiten Akt sind einige bettgroße Quader auf der Bühne, bedeckt mit zarten dunkelgrauen Tüchern. Hier tut der Regisseur des Guten zu viel, denn es werden nicht nur Filmsequenzen mit schönen Menschen an die Wand projiziert, sondern es agieren auch fünf in hautfarbene Trikots gekleidete Tanzpaare, die andeuten, dass es hier durchaus auch um körperliches Begehren und seine Erfüllung geht.

Der dritte Akt ist ganz in weiss gehalten, einziges Requisit ist ein Pflegebett, in dem der vom Tode gezeichnete Tristan von Kurwenal versorgt wird. Der Hirt wirkt zunächst wie ein Stein, denn er ist in eine dunkelgraue Decke gehüllt und erhebt sich von dem schneebedeckten Boden um die Melodien des Englischhorns zu spielen.

Der lange Todeskampf Tristans wird bebildert mit seiner Vorgeschichte: dem Tod seines Vaters vor seiner Geburt, dem Tod seiner Mutter bei seiner Geburt, das Dahinscheiden vieler Angehöriger, die seiner Mutter das letzte Geleit gaben. Alle sinken in ein in der Mitte der Bühne geöffnetes Grab. Dazu erhebt sich Tristan, ganz in weiß, von seinem Sterbebett, ein Double nimmt seinen Platz ein, und Tristan singt seine Fieberfantasien. Man erkennt den blutgetränkten Verband seiner tödlichen Wunde. Nur die Sehnsucht nach Isoldes Ankunft hält ihn am Leben. Am Ende, nach Isoldes Verklärung,  schreiten Tristan und Isolde zusammen in ihr gemeinsames Grab. Sie finden Erlösung im Tod.

Alexandra Goloubitskaia (Klavier) und Andreas Schager/Maifestspiele Wiesbaden2020/Foto: Andreas Etter

Andreas Schager als Tristan macht die Entwicklung des Charakters deutlich. Eigentlich als Kriegsheld und Gebildeter erzogen will er Isolde Gutes tun, indem er sie seinem König Marke vermählt. Laufenberg findet dafür ein wundervolles Bild: Tristan umhüllt sie mit einem Königsmantel und setzt ihr eine Krone auf.  Als Isolde dafür, dass er ihren Verlobten Morold getötet hat, Vergeltung fordert, trinkt er mit ihr den Sühnetrank – nicht wissend, dass es ein Liebestrank ist. Im Grunde nimmt er seinen Tod billigend in Kauf, durchlebt aber noch alle Komplikationen eines Liebesverhältnisses, vor allem den Loyalitätsbruch zu seinem Ziehvater König Marke, die überbordende Liebes-Lust in der Nacht der Liebe, den Schock der Entdeckung durch Marke mit dem von ihm provozierten Todesstoß von Melot und das unerträgliche Sehnen nach der Geliebten im Todeskampf. Physisch ist Schager der attraktive Held, der auch mit freiem Oberkörper bella figura macht, und stimmlich hat er die scheinbar unerschöpflichen Ressourcen eines strahlenden Heldentenors, der im Fieberwahn das erlittene Leid und die zehrende Sehnsucht mit den farbigsten Tönen besingt. Andreas Schager ist nicht umsonst der derzeit meistbeschäftigte Heldentenor. Seine Stimme ist unverbraucht und metallisch strahlend, er hat aber auch die gestalterische Tiefe, die brünstige Lust des entfesselten Liebhabers im zweiten Akt und die zehrende Sehnsucht des schwer versehrten Verbannten im dritten Akt auszudrücken.

Catherine Foster als Isolde ist einfach nur zum Niederknien. Mit ihrem wunderbar homogenen mädchenhaft schönen perfekt geführten lyrisch-dramatischen Sopran gestaltet sie die an- und abschwellenden Phrasen unfassbar differenziert. Sie macht die Entwicklung der Königstochter Isolde deutlich. Zunächst wütend auf Tristan, den sie zu sich zitiert, dann bei der Einnahme des Sühnetranks zu allem entschlossen, verliert auch sie den Boden der Konventionen unter ihren Füßen. Sie lebt nur noch für ihr Begehren, stellt jegliche Vorsicht hintenan und lebt nur noch ihre Liebe. Dass die dramatische Entdeckung des Treuebruchs unmittelbar auf die höchste Entrückung folgt gibt der Handlung zusätzlichen Drive. Isolde, die gekommen ist, Tristan zu pflegen, findet nur seine Leiche und löst sich in der Schlussszene „Mild und leise, wie er lächelt“, von der Welt. Hier zeigt Catherine Foster, dass sie auch die lyrische Tiefe hat, die Auflösung: „Ertrinken, versinken, unbewusst höchste Lust“, im „Liebestod“ zu feiern. Danach ist erst einmal Totenstille, dann lange anhaltender frenetischer Jubel mit stehenden Ovationen, die eine Viertelstunde anhalten.

König Marke, Tristans Ziehvater, ist der Hauptleidtragende. René Pape ist ein altersweiser Herrscher, kein Mann in den besten Jahren mehr, der zunächst an der tiefen Kränkung durch den Treuebruch Tristans, den er wie einen Sohn liebt, leidet, dann aber, nachdem ihn Brangäne von der Schuldlosigkeit Tristans überzeugt hat, großzügig dem jungen Paar seinen Segen geben will – zu spät! Er bleibt allein zurück, denn Melot und Kurwenal gehen Tristan und Isolde voran ins Grab. Wenn Pape mit fahler Stimme: „Tatest du´s wirklich?“ singt gefriert einem das Blut in den Adern. Mit Mut zum Pianissimo gibt er den Gefühlen des von seinem Ziehsohn verratenen und vor allen bloßgestellten König Marke ergreifenden Ausdruck.

Für Kathuna Mikaberidze ist die Brangäne eine ihrer Glanzrollen, in denen sie alle Facetten ihres strahlkräftigen Mezzosoprans leuchten lassen kann. Sie ist mehr als Isoldes Dienerin, sie ist ihre Vertraute.

Thomas de Vries ist ein gestandener Heldenbariton, der den Kurwenal als Tristans Freund auf Augenhöhe mit Hingabe gestaltet und der mit Tristan leidet. Die Stimme ist metallisch klar und beeindruckt durch ihre Farbigkeit.

Ihnen stehen mit Simon Schorr (Melot), Julian Habermann (junger Seemann) und Erik Briegel (Hirt) sehr gute Mitglieder des Ensembles zur Seite, die mehr sind als nur Stichwortgeber.

Dirigent Michael Güttler kostet die opulente Instrumentierung Richard Wagners mit großem Orchester, das zu sinfonischem Ausmaß ausgebaut ist und das die Gesangslinien nicht nur untermalt, sondern auch ausdeutet, voll aus. Vor allem das Englischhorn, das symbolisch das Gift verkörpert, das die Liebenden zueinander führt, und die Solo-Bläser beeindrucken auf der ganzen Linie. Güttler ist in den Vorstellungen, die er dieses Werk schon mit dem Hessischen Staatsorchester dirigiert hat, souverän geworden und hat die Zügel fest in der Hand.

Albert Horne/Foto privat

Der von Albert Horne bestens einstudierte Chor singt aus der Seitenloge, ebenso die Stimme eines jungen Seemanns, was nicht ganz unproblematisch ist, wenn man als Zuschauer die Singenden nicht sieht.

Es ist eine Sternstunde, denn hier ist eine stimmige Inszenierung, in der im Rahmen der Maifestspiele drei Weltklassestars in einem sehr guten Ensemble auftreten.

 

 

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