Theater Münster: Premiere von „Un Ballo in Maschera“ – Hinter den Masken

Theater Münster/Un Ballo in Maschera/Garrie Davislim, Kristi Anna Isene © Oliver Berg

Giuseppes Verdi Oper UN BALLO IN MASCHERA (Ein Maskenball) gehört sicher zu seinen melodienreichsten und fesselndsten Musikwerken. Für die die Oper tragenden Protagonisten hat der Komponist eine Fülle an Arien, Duetten und Ensembleszenen komponiert. Der Oper liegt die Handlung der letzten Tage des lebenslustigen, aufgeklärten König Gustav III. von Schweden zu Grunde, der 1792 auf einem Maskenball in der Stockholmer Oper von einem Attentäter aus adeligem Kreis ermordet wird. Aber einen Königsmord auf offener Bühne zu zeigen, war für die damalige Zensur in Italien undenkbar. So wurde 1858 bei der Uraufführung in Rom aus König Gustav kurzerhand Riccardo, Gouverneur zu Boston, sehr zum Ärger des Komponisten, der sich dieser politischen Zensur beugen musste.  Hier nun setzt die Regie der Münsteraner Inszenierung von Marc Adam an. Deshalb lässt er die Handlung in die heutige Zeit verlegen. Aus „Riccardo“ wird ein Herrscher, der seine Gefolgschaft zwingt, für ihn und mit ihm das Theaterstück GUSTAVE III von Eugène Scribe aufzuführen. Jenem Werk, welches dem Librettisten dieser Oper, Antonio Somma, als Vorlage diente. Das Stück beginnt, nimmt seinen Lauf und am Ende stirbt der Herrscher in seiner eigenen Inszenierung auf eben diesem Maskenball. Eine durchaus interessante Betrachtungsweise der Oper. Gestern Abend hatte UN BALLO IN MASCHERA im Großen Haus des Theater Münster Premiere. Das Publikum im gut besuchten Haus sparte am Ende nicht mit Applaus und Bravorufen und erlebte teilweise sehr beachtliche sängerische Leistungen. (Rezension der Premiere v. 14.9.2019)

 

Während des Vorspiels zur Oper betritt Riccardo die Seitenbühne und setzt sich vor seinen Schminkspiegel, den viele glühende Lampen umgeben. Neben dem Spiegel steht ein Kleiderständer mit der Perücke und dem Gewand eines Aristokraten. König Gustav, wie sich dann schnell herausstellt. Mit einem Textbuch in der Hand setzt sich Riccardo vor den Spiegel und das Spiel beginnt. Der mittlerweile sich auf der großen Bühne eingefundende Chor bedient sich an den dort bereitgestellten Garderobenständern und scheinbar fungiert der Page Oscar noch in diesem Moment als eine Art von Regieassistent. Doch Takt um Takt entwickelt sich diese „Inszenierung“ Riccardos in ein immer mehr unwirkliches Theaterstück. Vielmehr scheint sich diese Inszenierung stetig mehr selbst zu inszenieren und Riccardo wird immer tiefer in seine Geschichte hineingezogen. Am Ende der Handlung ereilt ihn dann das Attentat auf dem Maskenball. Während er von einer Kugel schwer verletzt wurde, schleppt er sich von der Bühne wieder hin zu seinem Schminktisch und bricht dort zusammen und stirbt. Seine Inszenierung ist beendet. Das Schicksals Gustav III., welches er spielen lassen wollte, hat ihn selbst ereilt. 

Theater Münster/Un Ballo in Maschera/ Monica Walerowicz, Opernchor © Oliver Berg

In teilweisen starken Bildern (Bühne & Kostüme: Monika Gora) erzählt Regisseur Marc Adam die Geschichte von der Geschichte dieses Riccardo. Ist im ersten Bild die Bühne noch relativ frei, bis auf Garderobenutensilien und einem Regietisch, so lässt er das zweite Bild zu einem Hingucker werden. Den Auftritt der Wahrsagerin Ulrica zelebriert er förmlich und spielt mit der Finsternis der Szenerie und mit viel unheilschwangerem Nebel. Das kam gut an! Die Szene am Galgenhügel, an dem Amelia angebliche Kräuter gegen Liebesgefühle finden sollte, wirkt ebenso düster. Hier lässt er den Herrenchor fast Zombiehaft die ängstliche Amelia umkreisen und vermittelt hierdurch die völlige Verzweiflung dieser sich zwischen zwei Männern befindlichen Frau und deutet den dramatischen Ausgang dieser Geschichte an. Am Ende dieses Bildes, nachdem Amelia auch den dort sich zunächst versteckt gehaltenen Riccardo entdeckt und sich beide ihre Liebe gestehen, kommt Renato, Amelias Ehemann und treuester Freund Riccardos, dazu. Und mit ihm tauchen die Verschwörer auf, die dem „König Riccardo“ nach dem Leben trachten. Als diese erkennen, was sich dort am Galgenhügel abgespielt hat endet diese Szene mit den bezeichneten Worten „Seht, zur Komödie ward die Tragödie„. Aber nur für die, die es so sehen wollten. Denn für Amelia, ihren Mann Renato und Riccardo nimmt die Tragödie ihren weiteren Verlauf. 

Der Maskenball, das zentrale Bild der Oper, gestaltet Adam wiederum sehr aussagekräftig. Den Chor lässt er scheinbar statisch umeinander herum tanzend agieren. Ein Bild, welches mich augenblicklich an den Polanski-Film TANZ DER VAMPIRE erinnerte ( und wie ich später im sehr informativ gemachten Begleitheft – Dramaturg Ronny Scholz – zur Oper nachlesen konnte, war dies auch tatsächlich die Intention des Regisseurs ) und das seine Wirkung nicht verfehlte. Verdis MASKENBALL in Münster: Ein scheinbarer König umgeben von Masken und der Wahrheit hinter diesen immer näherkommend. Das hat mich überzeugt!

Nach DON CARLO im Oktober 2017 ist nun mit UN BALLO IN MASCHERA eine weitere Verdioper auf sehr besondere Weise im Theater Münster inszeniert worden. Dieser BALLO, obwohl kunstfertig in die Gegenwart versetzt, vermittelt durch seine barocke Kostümierung und seine Personenführung auch das Gefühl, einer „alten“, ja konventionellen, Regiearbeit beigewohnt zu haben. 

Golo Berg leitete das Sinfonieochester Münster gefühlvoll durch diese Partitur. Die dramatischen Ausbrüche arbeitete er ebenso heraus wie die leisen, sehr melodischen, Momente dieser Verdioper. Das Vorspiel zur Ulricaszene geriet ihm dabei zu einem der Höhepunkte des Abends. Berg und das Sinfonieorchester wurden mit viel Applaus bedacht.

Theater Münster/Un Ballo in Maschera/ Garrie Davislim © Oliver Berg

Als Riccardo stand Garrie Davislim auf der Bühne. Diese Partie scheint auch ihm selbst sehr viel Freude zu bereiten. Wie befreit und klar er auch die schwierigsten Passagen dieser Tenorrolle sang und interpretierte, war beeindruckend. Es wirkte nahezu mühelos, wie er diese große Partie die gesamte Oper hindurch über gestaltete. Ein wirklich großer Abend für ihn! Der Jubel des Premierenpublikums war absolut berechtigt.

Die Sopranistin Kristi Anna Isene singt in dieser Inszenierung die Amelia. Ähnlich wie der Riccardo ist auch dies eine sehr umfangreiche und schwierige Opernpartie. Sie verlangt nach leisen Tönen, großen gesanglichen Ausbrüchen und nach sehr viel Gestaltung dieser Rolle. Wie dies insbesondere im 4. Akt von Verdi so gewollt ist. Hier muss Amelia ihren Ehemann Renato um Vergebung und Aufschub seiner Rache bitten. In der großen, eher leisen, Arie „Morrò, ma prima in grazia“ werden diese Emotionen gesanglich ausgedrückt. Hier hatte Frau Isene ihren wohl eindrucksvollsten Moment des Abends. Diese Passagen liegen ihr offenbar besonders. Das Publikum feierte auch sie.

Das tat es auch für Filippo Bettoschi, der den Königsmörder Renato großartig sang. Kräftig im Gesang und überzeugend in der Darstellung des gedemütigten Ehemannes begeisterte er das Premierenpublikum. Und er nutzte die Gunst der Stunde, eine der großen Bravourarien für Baritone die Verdi komponiert hat, „Alzati! Eri tu…“ dem begeisterten Publikum darzubieten. Sicher einer der Höhepunkte des gesamten Opernabends. 

Stark in Darstellung und Gesang auch die Mezzosopranistin Monika Walerowicz als Wahrsagerin Ulrica. Ihre kraftvolle Stimme, auch in den gesanglichen Tiefen der Partie, wusste sie hervorragend mit der Gestaltung ihrer Rolle zu vereinbaren. Das kam an. Das Publikum bejubelte auch sie für ihre Darbietung.

Theater Münster/Un Ballo in Maschera/ Filippo Bettoschi, Marielle Murphy © Oliver Berg

Großartig die Koloratursopranistin Marielle Murphy als Page Oscar! Da perlten die hohen bis höchsten Töne nur so aus ihr heraus. Die schwierigen Passagen und Läufe ihrer Partie schienen ihr offenbar keinerlei Mühen zu bereiten. Dazu ungemein bewegungsfreudig auf der Bühne, völlig aufgehend in ihrer Rolle. Fast ein wenig erschrocken wirkte sie, als beim Schlussapplaus ein Bravorchor über sie hineinbrach. Aber der war absolut verdient für diese außergewöhnliche Leistung! Für mich eine der überzeugendsten Oscar-Interpretationen die ich in vielen Jahren Opernerfahrung erleben durfte. Da schliesse ich mich gern dem Münsteraner Premierenpublikum an: „Bravo!“

Die Verschwörer ( Christoph Stegemann, Gregor Dalal ) ergänzten adäquat das Gesangsensemble auf der Bühne. 

Opernchor & Extrachor des Theater Münster waren vielfach stark in die Inszenierung eingebunden und dazu gesanglich bestens einstudiert durch ihren Chorchef Joseph Feigl. Der Applaus war auch ihnen sicher.

 

 

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