Temperamentvoller Tschaikowski in der Vorweihnachtszeit: Die Pianistin Khatia Buniatishvili und das LSO in der Alten Oper Frankfurt

PROARTE2019: Khatia Buniatishvili / London Symphony Orchestra / Gianandrea Noseda/Alte Oper Frankfurt © PRO ARTE / Sabine Siemon

Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23

Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64

Musikalische Leitung: Gianandrea Noseda
Klavier: Khatia Buniatishvili

Bericht von Phillip Richter (Red. DAS OPERNMAGAZIN) / Aufführung: Alte Oper Frankfurt, 2. Dezember 2019

 

Pjotr Iljitsch Tschaikowski gehört zu den wohl bedeutendsten Vertretern der Romantik, dessen Werke bereits zu Lebzeiten international gefeiert wurden und ein breites Repertoire an Opern, Balletten und Orchestermusik umfassen. Im Rahmen des „Fokus London Symphony Orchestra“ an der Alten Oper Frankfurt wurde daher ein ganzer Abend ausschließlich mit seinen Werken bestritten.

Das erste Klavierkonzert von Tschaikowski gehört zu den bekanntesten Kompositionen der Gattung und auch seine 5. Sinfonie in e-Moll (op. 64) wird – obwohl der Komponist selbst bis zum Schluss der Überzeugung war, sie sei misslungen – als eine seiner beliebtesten Sinfonien regelmäßig in den Konzertsälen weltweit aufgeführt.

So schrieb der Komponist im Dezember 1888 an seine Mäzenin und Brieffreundin Nadeshda von Meck: „Nach jeder Aufführung komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass meine letzte Symphonie ein misslungenes Werk ist! Es hat sich herausgestellt, dass sie zu bunt, zu massig, zu unaufrichtig, zu lang, überhaupt wenig ansprechend ist. Sollte ich mich schon ausgeschrieben haben? Sollte wirklich schon der Anfang des Endes begonnen haben?“ Doch der immense Erfolg der „Schicksalssinfonie“ – die neben der 4. und 6. Sinfonie zur meistgespielten seiner Sinfonien gehört – machte das Werk über alle Zweifel erhaben.

Der erste Satz leitet mit der Klarinette das Schicksalsmotiv ein, welches sich durch das ganze Werk wie ein roter Faden zieht, sich immer wieder in einzelnen Orchesterstimmen findet und sich letztlich im Finale triumphal entlädt. Dieses Schicksalsmotiv bezeichnete der Komponist selbst als „vollständiges Sich-Beugen vor dem Schicksal oder was dasselbe ist, vor dem unergründlichen Walten der Vorsehung“ und schwebt über der Musik wie eine düstere Vorsehung, deren es jedoch nicht an melancholischer Schönheit mangelt.

Statt romantischer Verklärung und fein-differenzierter Zwischentöne setzte der italienische Dirigent Gianandrea Noseda auf eine effektvolle und imposante Interpretation eines ungebändigten Orchesterapparats – immerhin stand ihm mit dem London Symphony Orchestra einer der weltweit renommiertesten Klangkörper zur Verfügung. Insbesondere bei den mitunter betont gefühlsseligen Momenten in der Komposition von Tschaikowski tat es ausgesprochen gut, dass sich der Dirigent nicht von der Empfindsamkeit der Partitur hat einnehmen lassen, sondern beide Werke mit einer gewissen distanzierten Frische musizieren ließ. Wie besessen wusste Noseda das klangvoll voluminöse aber teils grobe Blech erbarmungslos in die schmachtenden Streicherläufe einfallen zu lassen – von kitschiger Romantik keine Spur!

PROARTE2019: Khatia Buniatishvili / London Symphony Orchestra / Gianandrea Noseda/Alte Oper Frankfurt © PRO ARTE / Sabine Siemon

Der 5. Sinfonie wurde Tschaikowskis erstes Klavierkonzert vorangestellt, dessen damalige Rezeption unterschiedlicher nicht hätte sein können. Während der Pianist und Dirigent Hans von Bülow, dem das Konzert gewidmet wurde, es als „herrliches Kunstwerk” und „hinreißend” bezeichnete, hatte sein Freund und Mentor Nikolai Rubinstein nur Kritik, gar Verachtung dafür übrig. Heute ist Tschaikowskis erstes Klavierkonzert so populär wie kaum ein zweites. Die georgisch-französische Pianistin Khatia Buniatishvili wusste sich zu inszenieren, schwarzes Kleid vor schwarzem Flügel faszinierten das Publikum und zugleich die Orchestermusiker: Nach kurzem Auftrittsapplaus spielte Buniatishvili mit sinnlichem Ansatz und ungezähmter Ekstase das Klavierkonzert in rasanter, wechselnder Dynamik mit nahtlosen Übergängen. Ihre überschwänglichen Bewegungen verband sie mit expressiven Gesichtsausdrücken und wusste regelrecht den Schall der produzierten Töne ihres Klaviers einzuatmen. Selbst die Orchestermusiker wurden von ihr als Taktgeberin verzaubert und der Dirigent erschien plötzlich nur noch sekundär.

PROARTE2019: Khatia Buniatishvili / London Symphony Orchestra / Gianandrea Noseda/Alte Oper Frankfurt © PRO ARTE / Sabine Siemon

Ihr virtuoses Spiel fügte sich eindrücklich mit dem Dirigat Nosedas zusammen, denn beiden war an diesem Abend mehr an glanzvoll-bezaubernder Opulenz, gar einer subjektiven Empfindung gelegen, als einer tiefgründigen Kontemplation Tschaikowskis Schaffen. Und dadurch klang die Musik auch so originell: Keine schmachtenden Allüren, radikale Neuinterpretationen oder sonstiger Schnickschnack: Gianandrea Noseda und das London Symphony Orchestra brillierten durch virtuoses, perfektionistisches Musizieren zweier geschätzter Werke eines der größten russischen Komponisten aller Zeiten.

Noch im Oktober 2019 mit einer ausgefallenen und fordernden Sinfonie des unterschätzten Komponisten Josef Suk zu Gast, triumphierte das London Symphony Orchestra nun mit diesem populärerem – aber gewissermaßen ähnlich anspruchsvollem – Tschaikowski-Programm in der Alten Oper Frankfurt erneut. In Begleitung ihres Chefdirigenten Sir Simon Rattle wird das LSO schon im Januar 2020 wieder zurückkehren, dann mit Beethovens 7. Sinfonie und Werken von Alban Berg.

 

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    © PRO ARTE / Sabine Siemon

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