Hochspannendes Musiktheater – „Hamlet“ in Köln!

Oper Köln/HAMLET/ Joshua Bloom, David Butt Philip/Foto © Paul Leclaire

Trotz aller Bewunderung für den „Dauerbrenner“ Shakespeare und sein umfangreiches Oeuvre – der Schreiber dieser Zeilen gesteht freimütig, seine Schauspiele nicht besonders zu lieben: meist zu lang, zu viele Rollen, zu vielfältige, oft komplizierte und auch noch historische Handlung. Und dann eine moderne Hamlet-Oper, dazu noch in historischer Originalsprache gesungen. Nun, die Neugier siegte, und der Sieg war auf der ganzen Linie glanzvoll. (Rezension der Premiere vom 1.12.2019)

 

Denn der australische, in Berlin lebende und ausgezeichnet Deutsch sprechende Komponist Brett Dean (*1961) hat der Welt einen hochspannenden Hamlet-Krimi geschenkt, der bereits bei der Uraufführung in Glyndebourne 2017 für internationale Begeisterung gesorgt hatte. Und sein Librettist Mathew Jocelyn hat in Köln auch noch Regie geführt; die Intendantin Dr. Birgit Meyer hatte zuvor einen „Bieterwettbewerb“ zu Gunsten von Köln gewonnen – man traut der hiesigen Oper doch mehr zu als landauf landein gemunkelt wird. Jocelyn hat die verschiedene Ebenen des Stücks faszinierend zu einem einheitlichen Ganzen zusammengefügt, dreieinhalb Stunden Hochspannung mit „Sitzen auf der Stuhlkante“- keine Sekunde Langeweile. Das lag in erster Linie am Dirigat des jungen Duncan Ward und dem fantastisch aufspielenden, großen und sehr aufmerksamen Gürzenichorchester, unsichtbar auf der linken Seite positioniert. Es ist immer wieder erstaunlich, wie gut die Synchronisation zur Bühne klappt, nur über Video und ohne direkten Sichtkontakt.

Oper Köln/HAMLET/ David Butt Philip/Foto © Paul Leclaire

Dean hat ja nun eine sehr interessante Vita, er ist studierter Bratscher und hat nach 15 Jahren den sicheren Job bei den Berliner Philharmonikern zu Gunsten einer freien Komponistentätigkeit aufgegeben. Seither hat er ein großes, weltweit gespieltes Oeuvre geschaffen aus allen möglichen Bereichen der Musik; im Opernprogramm dazu ein sehr lesenswerter Originalbeitrag von Kerstin Schüssler-Bach. Seine recht tonale Musik ist äußerst farbig, verschreckt keinesfalls den konservativen Opernfreund, ist eine Klangkulisse, die auch kammermusikalisch kommt und gelegentlich sogar ein wenig an Filmmusik erinnert. Für das Gürzenichorchester war das auch ein „Rollendebut, wie bei den meisten Sängern bis auf David Butt Philip als Titelheld und den Countertenor Patrick Terry als Rosencrantz. Dean hat für die beiden Höflinge auf einer Güldenstern (Cameron Shahbazi) und Rosencrantz Countertenorstimmen vorgesehen, welche die beiden prächtig ausfüllten, zusammen mit einer ordentlichen Portion britischer Situationskomik. Zurück zum Titelhelden. Der Brite hatte in Köln sein Hausdebut, wenn er auch im nach Barcelona ausgeliehenen Kölner Ring den Froh gesungen hat. Heuer begeisterte er mit einer unangestrengten Riesenstimme in seinen emotionalen Ausbrüchen wie auch bei den leiseren Tönen.

Oper Köln/HAMLET/ Gloria Rehm, Andrew Schroeder, Dalia Schaechter/Foto © Paul Leclaire

Die ehemalige Kölnerin Koloratursopranistin Gloria Rehm – man erinnert sich gerne an ihre „Blonde“ aus Mozart´s Entführung – hat nach ihrem vierjährigem Wiesbaden-Engagement das Haus verlassen und singt seither vielbeschäftigt „auf eigene Faust“. Sehr glücklich sei sie, als Ophelia wieder in Köln auftreten zu können, wie sie auf ihrer Webseite www.gloriarehm.com verrät. Eine durchweg sehr attraktive Ophelia ist sie, mit leuchtendem, sicheren Sopran, mit packendem Spiel und dazu auch sehr hübsch anzuschauen.

Das vielfältig eingesetzte und bewährte Kölner Ensemblemitglied John Heuzenroeder als Polonius glänzte wie immer mit seinem freien, klangvollen Tenor. Die Gertrude scheint für Kammersängerin Dalia Schaechter, seit vielen Jahren im Ensemble, speziell komponiert zu sein, stimmlich und szenisch ist sie perfekt. Wolfgang Stefan Schweiger (Horatio) und Dino Lüthy (Laertes) sind beide Sprösslinge des Kölner Internationalen Opernstudios, die sich hervorragend ins Ensemble eingebracht haben; ein schönes Beispiel für den Effekt dieser Institution als Nachwuchsschmiede. Und nicht zu vergessen der Amerikaner Andrew Schroeder, mit Haus- und Rollendebut als Claudius, eindrucksvoller Königsmörder zusammen mit Gertrude. Der Australier Joshua Blohm gefiel als stimmgewaltiger Geist in einem Nachen auf einem offensichtlich echten Gewässer, für den sich die Bühne öffnete und in dem zum Schluss all die vielen, sehr realistisch Getöteten des Showdown wie in den Hades wankten. Alaine Lagard hat eine technische und realistische Bühne ohne große Schnörkel gebaut, die über Treppen mehrere Spielebenen zulässt, und Astrid Janson ist verantwortlich für die zeitlosen Kostüme.

Oper Köln/HAMLET/ Rheinstimmen Ensemble, Chor der Oper Köln / Foto © Paul Leclaire

Noch mehr gab es: einen „Semi Chorus“, das „Rheinstimmen-Ensemble“, neun junge Leute, die links auf der Bühne nebeneinander saßen und schick gekleidet interessante „Geräusche“ sangen, und zwei „externe Musikgruppen“ irgendwo hoch oben im Off mit Klarinette, Trompete und Schlagzeug; sofort kam die Erinnerung auf an die 360-Grad-Produktion von Zimmermann´s “Soldaten“. Und einen echten Akkordeonspieler (James Crabb), der seine Finger zu der „Theaterszene auf dem Theater“ über die viele Knöpfe seines Instruments fast fliegen ließ. Und dann die Mega-Fechtszene zwischen Hamlet und Laertes, perfekt choreografiert von Thomas Ziesch und gleichzeitig ein dickes Kompliment an die kämpfenden Akteure. Auch der Chor der Oper Köln unter Rustam Samedov war stark beschäftigt und sang trotzdem wie immer ganz ausgezeichnet. Georg Kehren, Chefdramaturg des Hauses, hat ein hervorragendes Programmheft zusammengestellt, darin eine sehr übersichtliche Wiedergabe der Handlung, sein Gespräch mit dem Regisseur und Librettisten Mathew Jocelyn, und Bilder aus dem Hamlet-Zyklus der Malerin Heather Betts, Ehefrau des Komponisten. Auch wenn kurz vor einer Premiere immer Zeitnot besteht: Warum kann man das Programm nicht vorher online stellen, oder zumindest den Text ? Der Rezensent hätte sich sicher leichter getan mit der Aufführung. Aber eines ist sicher: Er geht nochmal rein.

Das ausverkaufte und auch nach der Pause immer noch volle Haus feierte nach 3 ½ Stunden Spannung die Akteure und das Produktionsteam sehr lange und sehr lautstark, die anschließende Premierenfeier war wie immer ein Familienfest, Vorstellung aller Akteure durch die sichtlich entspannte Intendantin, Smalltalk mit den Sängern und natürlich auch mit dem Komponisten, und ein paar wehmütige Abschiedsworte mit Chefmaskenbildner Rolf Ueltzhöffer, der nur ungern in Pension geht. So geht es halt mit jedem im Leben, der eine verabschiedet sich, der nächste kommt.

 

  • Gastrezension von Dr. Michael Cramer von Kulturcram
  • Oper Köln / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Köln/HAMLET/ Dalia Schaechter, James Crabb, Patrick Terry, Andrew Schroeder, David Butt Philip, John Heuzenroeder, Cameron Shahbazi, Gloria Rehm/Foto © Paul Leclaire
  • DAS OPERNMAGAZIN sagt Danke, lieber Michael, für Deine Rezension!

 

 

 

 

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