Streit um Kölner Intendantin Birgit Meyer

Staatenhaus Köln/Oper Köln/ Foto @ Petra Moehle

Reker lässt Opernchefin fallen – Kölner Intendantin Meyer muss 2022 gehen“ – so titelt der Bonner Generalanzeiger in seiner Ausgabe vom 17.11.2020. „Dem Vernehmen nach sieht die OB nach zehn Jahren einen Wechsel als sinnvoll an,“ schreibt Hartmut Wilmes weiter.

An sich ein normaler Vorgang: der seit 2012 bestehende Vertrag läuft aus und wird 2022 nicht mehr verlängert.

 

Von Mitarbeiter*innen der Kölner Oper liegt nun allerdings ein offener Brief an die Oberbürgermeisterin Reker und an die Kulturdezernentin Laugwitz-Aulbach vor: „Auch in der jetzigen Pandemie-Situation war und ist es Birgit Meyer, die – gemeinsam mit dem Technischen Direktor – unermüdlich und über die offiziellen Verordnungen hinaus die bestmöglichen Bedingungen für alle Ensemblemitglieder, Gewerke und Mitarbeiter*innen geschaffen hat, um den Betrieb zu stabilisieren und eine Fortsetzung des Probenbetriebs zu ermöglichen. Die erfolgreiche Führungskonstellation an der Oper zum jetzigen Zeitpunkt, mit derart knappem Vorlauf, zu sprengen, sehen wir als grob fahrlässig an, “schreiben sie am 19.11.2020.

2012 trat Meyer die Nachfolge von Uwe Eric Laufenberg an, der die Oper Köln zur Oper des Jahres 2012 gemacht hatte, unter anderem mit einem spektakulären Gastspiel der Kölner Oper mit dem „Ring“ in der Inszenierung von Carson und „Don Giovanni“ in einer eigenen Inszenierung in China.

Dr. Birgit Meyer / Foto © Teresa Rothwangl

Die Stadtverwaltung warf ihm allerdings vor, er habe 12 Millionen Euro zu viel ausgegeben und kündigte unter großem Theaterdonner seinen Vertrag fristlos. Seine damalige Stellvertreterin Dr. Birgit Meyer wurde Intendantin und arbeitete Laufenbergs Planungen, die bis 2016 reichten, ab. In Ersatzspielstätten wie dem Musical Dome, der Trinitatiskirche, dem Palladium und dem Oberlandesgericht sollte sie die Zeit bis zur Neueröffnung des Denkmalgeschützten Riphan-Baus nach Plänen von 1954 am 5. November 2015 überbrücken.

Statt dessen platzte am 23. Juli 2015 die Bombe: Das Programmheft war schon fertig gedruckt, die Abos waren verkauft, und plötzlich wurde ruchbar, dass es die feierliche Eröffnung der Spielzeit 2015/16 mit „Benvenuto Cellini“ nicht geben würde, weil  der wieder aufgebaute Riphan-Bau am Offenbachplatz so viele Baumängel hat, dass man mittlerweile mit einer Eröffnung nicht vor 2024 rechnet. Die Kosten, ursprünglich mit 253 Millionen Euro angesetzt, sind nach Schätzungen von November 2019 auf mittlerweile 819 Millionen Euro explodiert, Ende offen, und am Ende wird man einen unspektakulären Bau aus den Fünfziger Jahren haben mit einer Akustik, die schon bei der Eröffnung 1957 als „zu trocken“ bezeichnet wurde.

Die Verträge mit den Ersatzspielstätten waren gekündigt, man stand im Sommer 2015 plötzlich ohne Opernhaus da. Birgit Meyer musste in der neuen Ersatzspielspielstätte – dem Staatenhaus, einer früheren Messehalle am Rheinpark –mit Verzögerung von mehreren Monaten die Spielzeit 2015/16 neu organisieren, was auch mit einer Umstrukturierung vom Repertoiresystem auf den Stagione-Betrieb einherging.

Die Herausforderung, in einer abseits vom Zentrum gelegenen schmucklosen Messehalle ohne Orchestergraben Große Oper und solide Unterhaltung zu bieten hat Meyer mit Produktionen wie „Die Soldaten“ von Alois Zimmermann über klassische Inszenierungen von „La Bohème“, „Fidelio“ und „Die Zauberflöte“ des Altmeisters Michael Hampe und moderne Inszenierungen wie der „Carmen“ in der Regie von Lydia Steier  bis zum „Divertissementchen“  des Kölner Männergesangsvereins, alle ständig ausverkauft, grandios bewältigt.

Darüber hinaus hat Frau Dr. Birgit Meyer, einzige Frau unter den Intendanten der 18 großen deutschen Opernhäuser, eigene Akzente gesetzt.

Mit Francois Xavier Roth hat sie einen charismatischen Orchesterchef, der auch international agiert und das Gürzenich-Orchester als Sinfonieorchester und als Opernorchester zu Höchstleistungen animiert. Sein Vertrag wurde im Mai 2020 bis zunächst 2024/25 fortgesetzt, mit der Option für weitere Verlängerungen. Seine Dirigate der Wagner-Opern, „Tannhäuser“ (2018) und „Tristan und Isolde“ (2019), aber auch der „Soldaten“ von Zimmermann (2018), der „Großherzogin von Gerolstein“ von Offenbach (2019) und „Benvenuto Cellini“ von Berlioz (2015) sind musikalisch ausgesprochen anspruchsvoll.

Dr. Birgit Meyer / Foto © Teresa Rothwangl

Ich selbst habe Frau Dr. Meyer in persönlichen Gesprächen als sehr kluge und zugewandte Intendantin erlebt, die auf dem Gebiet der Breitenförderung mit der Fortführung der Kinderoper und dem Projekt, Demenzpatienten in die Oper einzuladen, aber auch während des ersten Lockdowns mit den „Ständchen“ vor Kölner Kliniken und Altersheimen große Erfolge erzielt hat.

Die Kölner Oper wurde 2019 im Rahmen der Opera Awards für das beste Education-Programm ausgezeichnet, und die mit Mitgliedern des Internationalen Opernstudios von Rainer Mühlbach geleitete Kinderoper ist am 24. November 2018 zum Unicef-Paten ernannt worden.

Auch die Förderung von Frauen liegt Meyer sehr am Herzen, sie hat mit zum Beispiel Marianne Clément, Tatjana Gürbaca, Nikki Ellinidou, Ruth Berghaus, Eike Ecker, Emmanuelle Bastet, Nadja Loschky, Lydia Steier, Barbara Gillessen und Katharina Thalbach bewusst Frauen Regie führen lassen. 

Frau Dr. Meyer inszeniert nicht selbst. Sie verpflichtet immer wieder namhafte Regisseure für die Kölner Oper, wie z.B. Valentin Schwarz für „Mare Nostrum“ von Mauricio Kagel im September 2018, und kauft erfolgreiche Inszenierungen anderer Opernhäuser ein.

„Es gibt die Redensart, derzufolge der Sack geschlagen wird, aber der Esel gemeint ist. Geradeaus gesagt: Die Gründe, warum etwas geschieht, sind oftmals andere als die offiziell kommunizierten. Die aktuelle Entwicklung im Fall der Kölner Opernintendanz erinnert an das Sack-Esel-Bild,“ so Markus Schwering im Kölner Stadtanzeiger vom 17. November 2020.

„Möglicherweise ist Birgit Meyer so eine Art Bauernopfer,“ so Michael Struck-Schloen am 17.11.2020 in der WDR 3 Tonart, und forderte ausdrücklich Transparenz bei der Besetzung der Position. Es müsse umgehend eine Findungskommission eigesetzt werden.

 

  • Artikel von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Köln
  • Titelfoto: Dr. Birgit Meyer / Foto © Teresa Rothwangl

2 Gedanken zu „Streit um Kölner Intendantin Birgit Meyer&8220;

  1. Artikel ist leider voller Fehler.
    Wie hat Frau Dr. M. Ruth Berghaus fördern können, die bereits 1996 gestorben ist?
    Die Inszenierung von Rusalka wurde nicht von einem männlichen Regisseur, sondern von einer Regisseurin geschaffen.

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