Staatstheater Wiesbaden: „La Donna del Lago“ – eine Frau zwischen drei Männern

Foto: Max Emanuel Cencic / Foto @Max Emanuel Cencic

La Donna del Lago von Gioacchino Rossini (1792-1868) – Gastspiel an der Staattheater Wiesbaden am 24. Mai 2019

Im Laufe der Internationalen Maifestspiele war Max Emanuel Cencic zu Gast in Wiesbaden mit seiner Rossini-Version, eine Produktion der Opéra de Lausanne in Koproduktion mit dem Nationaltheater Zagreb. Mitgebracht hatte er das Orchester und den Chor des Kroatischen Nationaltheaters Zagreb unter der Leitung von George Petrou. Und er steht in der Rolle des Malcolm selbst auf der Bühne. 

La Donna del Lago (Die Dame vom See) ist eine Opera Seria, ein Melodramma in zwei Akten. Das Libretto verfasste Andrea Leone Tottola nach dem 1810 erschienenen Versepos „The Lady of the Lake“ von Walter Scott. Die Uraufführung erfolgte am 24. September oder 24. Oktober 1819 im Teatro San Carlo in Neapel. La Donna del Lago ist die erste italienische Oper, die ein Werk von Walter Scott zur Vorlage hatte. Damit begründete sie das neu aufkommende Genre der romantischen Oper, dem in der Folge unzählige Komponisten huldigten, darunter, als berühmtestes Beispiel, Donizetti mit „Lucia di Lammermoor“. Nach 1860 verschwand La Donna del Lago von den Spielplänen. Die erste Wiederaufnahme gab es 1958 in Florenz. Anschließend kam es 1969 in London, 1981 in Houston, 1983 in Pesaro und 1992 an der Mailänder Scala zu weiteren Aufführungen, ohne dass sich das Werk zunächst im Repertoire etablieren konnte.

Rossini verfügte über eine ausgezeichnete musikalische Bildung, die er am Liceo Musicale in Bologna erworben hatte. Er wird allerdings frühzeitig als Massenproduzent einer Vielzahl gleichförmig klingender Opern abgestempelt. Rossini ist seit 1815 verpflichtet, für den Impressario Domenico Barbaja in Neapel jährlich zwei Opern zu komponieren. Er machte Anleihen bei bereits früher komponierten Werken und fand das unbedenklich, sagte aber auch, wenn man eines seiner Werke gehört hat, kenne man alle. Das schadete seinem Ruf als seriöser Komponist bei der Nachwelt, war aber zu seiner Zeit durchaus üblich.

In der Umgebung seines Auftraggebers Barbaja lernte Rossini seine spätere Frau, die Primadonna Isabella Cobran kennen. Sie ist die Mätresse Barbajas, was den Frauenfreund Rossini aber acht Jahre lang nicht störte. Nach der Scheidung von Isabella entstehen nur noch Kochrezepte und einige geistliche Werke.

La Donna del Lago/ Foto: Alan Humerose, Opéra de Lausanne, avril 2018

Die Handlung

1. Akt

Ort des Geschehens ist das schottische Hochland im 16. Jahrhundert. Am Ufer des Loch Katrine begrüßen Jäger und Schäfer den anbrechenden Tag, während Elena, die in Gedanken bei ihrem Geliebten Malcom Groeme weilt, über den See rudert. König Giacomo V. von Schottland, der seine wahre Identität verbirgt und als Jäger Uberto di Snowdon auftritt, trifft auf Elena, von deren Schönheit er bereits gehört hat. Er verliebt sich auf der Stelle in die geheimnisvolle Dame vom See und lässt sich ihre Gastfreundschaft antragen. In der Hütte von Elenas Vater erkennt König Giacomo am Clan-Wappen, dass er bei Douglas d´ Angus, einem Aufständischen, zu Gast ist. Zudem erfährt er zu seinem Missvergnügen, dass Elena auf Wunsch des Vaters den Clanführer Rodrigo di Dhu ehelichen soll, der ebenfalls ein Gegner des Königs ist. Malcolm, dem das Herz Elenas gehört, belauscht ein Gespräch zwischen Vater und Tochter, in dem Elena sich der geplanten Hochzeit zu widersetzen versucht. Als Douglas fort ist, versichern sich Elena und Malcom ihrer gegenseitigen Liebe. Die Aufständischen huldigen ihrem Anführer Rodrigo. Dieser denkt jedoch vor allem an seine Braut, deren Verhalten gegenüber Malcom ihn und Vater Douglas allerdings misstrauisch stimmen. Eine klärende Aussprache gibt es nicht, da plötzlich Königstruppen nahen und es nun in die Schlacht zu ziehen gilt.

2. Akt

König Giacomo, der sich weiter als Uberto ausgibt, gesteht Elena seine Gefühle. Sie gibt ihm jedoch zu verstehen, dass sie einen anderen liebt, woraufhin er großmütig verzichtet. Er schenkt ihr einen Ring, mit dem sie sich an den König wenden könne, wenn sie in Gefahr sei. Rodrigo kommt hinzu und rast angesichts von Giacomo/Uberto vor Eifersucht. Es kommt zum Zweikampf zwischen den beiden Männern. Das Schlachtenglück hat sich gegen die Aufständischen gewendet, Malcolm erfährt, das Rodrigo umgekommen ist. Er macht sich auf, Elena zu finden und aus etwaiger Gefahr zu retten. Douglas hat sich in den Palast Giacomos in Stirling begeben und bittet um Gnade, der König will indes keine Milde walten lassen. Elena erscheint, sie händigt dem König den Ring Ubertos aus und muss zugleich erkennen, das Giacomo und Uberto ein und dieselbe Person sind. Giacomo vergibt nun Douglas und Malcolm, der sich aus Liebe auf die Seite der Aufständischen geschlagen hat. Einer Liebesheirat Elenas mit Malcolm steht nichts mehr im Wege.

LA DONNA DEL LAGO/ Foto: Opéra de Lausanne, Alan Humerose

Die Inszenierung

Max Emanual Cencic schaut auf diese Geschichte mit Blick auf die Zeit, in der sie geschrieben wurde. Welche Einflüsse liegen zugrunde? Politisch die Frauenbewegung, ästhetisch die Erfindung der romantischen Schauerliteratur, kulturell/künstlerisch die Thematisierung psychischer Phänomene wie Hysterie und Wahnsinn, die vornehmlich dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben wurden. Er wird uns also einen hysterischen Tagtraum, eine Vision zeigen.

Elena steht in blutroter Robe vor einem in Gold gerahmten, symbolistisch gefärbten Kolossalgemälde getaucht in diffus-goldenes Disco-Nebelschwaden-Licht. Die Bühne wird von einer balustradengesäumten Empore gegliedert, zu der eine Wendeltreppe hinaufführt. Säulen, Lüster, Palmen, Gardinen, plüschige Möbel vervollständigen das Bild eines 19ème-Siècle-Salons. Scotts Epos lesend versetzt sich nun Elena in dieses Bild und erträumt, was offenbar ihr wohlanständiger Alltag nicht hergibt. Das Gemälde tut sich auf, wird zur bühnenumspannenden Szenerie, doch am Schluss verengt es sich wieder: Der ungeliebte Rodrigo, inzwischen ihr Gatte, sitzt am Tischchen, blättert unbeteiligt in der Zeitung, trinkt Tee. Schlimmer konnte es nicht kommen!

Zwischen dieser stringenten Rahmenhandlung entwickelt die Regie auch mit den im Hintergrund eingesetzten Videos von Étienne Guiol eine überbordende Bilderflut, die Aufmerksamkeit fordert. Erotik, Naturstimmung, Chimären und Erscheinungen, Wolken, Wasser und Wälder in ungebremster Flut. Da räkeln sich barbusige leichte Mädchen, die Damen des Chors tragen Geweihe auf dem Kopf (darüber muss ich noch nachdenken), am Spieltisch wird gezockt, der Boxkampf endet mit einem k.o. Schlag und es wird dauernd Staub gewischt.

Daniel Behle / Photo: Marco Borggreve

Die Sängerinnen und Sänger

Die extremen Partien, die das Melodramma erfordert, waren hervorragend besetzt. Die Sängerinnen wechseln zum Teil mit den Spielorten, das heißt, in Zagreb, Lausanne und Wiesbaden standen nicht in allen Rollen die gleichen Interpreten auf der Bühne.

In Zagreb gab Nian Wang ihr Debüt als Elena, sie sang die Rolle auch hier in Wiesbaden. Ebenso Antonio Garés als Rodrigo und Sonja Runje als Albina. Daniel Behle als Giacomo/Uberto war bereits in der Rolle in Lausanne zu hören. Die Rossini-Tenöre haben wirkliche Höchstleistungen zu erbringen und sowohl Antonio Garés als auch Daniel Behle waren mehr als überzeugend mit ihrem riesigen Stimmumfang und den geradezu barock anmutenden Koloraturen. Ein Glanzlicht bietet auch Max Emanuel Cencic selbst. Er singt die ursprünglich für Mezzosopran konzipierte Hosenrolle des Malcolm, die somit erstmals von einem Mann gesungen wird. Sein draufgängerischer, kerniger und durchaus viriler Altus passt hervorragend zu dieser Rolle. In weiteren Rollen Neven Palecek als Douglas, Ivo Gamulin als Serano und Niksa Radovanovic als Bertram.

Die Musik

Anstelle einer Ouvertüre gibt es eine sechzehn Takte lange Orchestereinleitung, in der die Landschaft der schottischen Highlands suggeriert wird. Mit ihren Naturszenen nimmt die Oper Elemente von Rossinis Spätwerk „Guillaume Tell“ (1829) vorweg. Die Cavatine des Uberto „Oh fiamma soave“ (zweiter Akt, Szene 1) möchte ich besonders erwähnen, „a winning combination of flowing lyricism and agile coloratura“, wie ein Kritiker schrieb. Daniel Behle sang hier wahrhaft göttlich.

Alles in allem ein sehr vergnüglicher Abend. Die Produktion wird weiter auf Tournee sein, ein fröhliches Winken von mir zum Abschied und good luck.

 

  • Rezension von Angelika Matthäus / RED. DAS OPERNMAGAZIN
  • Staatstheater Wiesbaden
  • Titelfoto: LA DONNA DEL LAGO/ Foto: Opéra de Lausanne, Alan Humerose

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