Sentas Tanz auf dem Seil: Der Fliegende Holländer am Nationaltheater Mannheim

NTM/Der fliegende Holländer/Daniela Köhler/  Copyright: Christian Kleiner

Richard Wagners Opernheldinnen haben es wahrlich nicht leicht, denn ihr Schöpfer verlangt ihnen in Liebesdingen einiges ab. Brünnhilde gibt vor, Siegfried bereits zu lieben, als es ihn noch gar nicht gibt, Elsa darf die wahre Identität ihres Geliebten nicht erfahren und Senta wiederum liebt nur die Vorstellung eines Mannes und entscheidet sich schon da, für seine Erlösung sich selbst aufzugeben. (Rezension der Vorstellung v. 18. Mai 2o22)

 

Regisseur Roger Vontobel und sein Bühnenbildner Fabian Wendling haben mit einem minimalistischen Bühnenbild aus dutzenden, meterlangen Seilen einen beeindruckenden und sich stetig verändernden Raum geschaffen. Mal als trennendes Element, mal als Netz, in dem sich die Figuren verfangen – die Seile sind ein bewährter Theaterkniff, der auch am Nationaltheater Mannheim effektvoll Verwendung findet. Beim Auftritt des Damenchors werden die Seile zu Fäden in einem riesigen Webstuhl und deuten zugleich an, wo die Rollen- und Machtverteilung in dieser Gesellschaft liegt. Mit Kostümen, die an die Adaption von Margaret Atwoods „Handmaid’s Tale“ („Der Report der Magd“) erinnern, zeigt Vontobel die festgefahrenen, patriarchalen Strukturen auf, in der Frauen nur Menschen zweiter Klasse sind und in der sie Männer – meist mit Gewalt – in ihre Schranken weisen.

NTM/Der fliegende Holländer/Opernchor, Extrachor und Statisterie/Copyright: Christian Kleiner

Die Szenerie ist beständig geprägt von dunklen Vorahnungen, dichten Nebelschwaden, die nur vom spärlichen Scheinwerferlicht durchschnitten werden. In diesem düsteren Bild auf der ansonsten großen, leeren Bühne des Nationaltheaters senkt sich eindrucksvoll das Geisterschiff des Holländers – gespenstisch schwebt es durch den Nebel und ähnelt in seiner Form dem Skelett eines Wals. Der Holländer scheint wie Jona im Bauch des Tieres gefangen und muss Gott erst um Vergebung bitten.

Die beiden Hauptfiguren des Holländer und der Senta werden in Vontobels Inszenierung jeweils von einer stummen Person gedoppelt. Diese kehren unterdrückte Gefühle, Ängste und Sehnsüchte tänzerisch nach außen. Zusammen bilden sie eine Einheit aus Gesagtem und Ungesagtem und spiegeln besonders die Zerrissenheit des Holländers mit seinen seelischen Qualen wider. Es entstehen mittels der Tänzer*innen im weiteren Verlauf Traumbilder als Projektion der unerfüllten Sehnsüchte des jeweils anderen. Senta, nur auf den Tänzer fixiert, scheint sich gar nicht mehr für den leibhaftigen, vor ihr stehenden Holländer zu interessieren, zu sehr ist sie in ihrer Imagination gefangen, davon, wie die sich den Holländer immer vorgestellt hat.

Michael Bronczkowski (Traum-Holländer) und Delphina Parenti /Traum-Senta)/Copyright: Christian Kleiner

Durch den Tanz entsteht statt Nähe und Intimität eine schier unüberwindbare Distanz. Es ist keine wirkliche Annäherung zwischen den beiden möglich, stattdessen scheint ihnen die Idee einer erfüllten Liebe mehr zu gefallen, als diese zu realisieren – aus Angst vor Zurückweisung?

Vontobel hat einige starke Ideen, wollte jedoch zu viele Ansätze in diese Inszenierung mit einfließen lassen. So verzettelt er sich stellenweise in Unklarheiten. Letztlich das Ende mit Sentas Selbstaufgabe und die Erlösung des Holländers ist eindeutig: Sie wählt den Freitod, um ihn zu retten und erhängt sich in den Seilen, wie es die Videoprojektion verrät. Sentas stummes Ebenbild dagegen steigt als erlösender Engel nach oben auf.

Niemand geringeres als die neue Bayreuther Brünnhilde für diesem Sommer, Daniela Köhler, konnte als Senta am Nationaltheater Mannheim gewonnen werden. Sie interpretierte die Partie als eine aufsässige, den festgefahrenen Strukturen widersprechen wollende Frau, die sich oft aus der dystopischen Realität wegträumen will. Ihre dramatische Stimme, ein kraftvoll und raumfüllender Sopran, beeindruckte nicht zuletzt durch klar geführte Gesangslinien bei deutlicher Artikulation mit bemerkenswerter Textverständlichkeit. Daniela Köhler ließ schon jetzt Großes für ihr Bayreuth-Debüt erahnen!

NTM/Der fliegende Holländer/Michael Kupfer-Radecky, Herrenchor/Copyright: Christian Kleiner

Michael Kupfer-Radecky erfüllte in seiner Darstellung des Holländers ein Bild vom einsamen Wolf, innerlich zerrissen und vom Hass zerfressen. Mit dunkler Stimmfärbung und differenzierter Gestaltung ließ der Bariton keine Wünsche an die Partie offen. Hingegen trat Patrick Zielke als Daland fast einschüchternder als der Holländer selbst auf. Als opportuner, von Geldgier getriebener Vater, schien er nur auf eine Gelegenheit gewartet zu haben, seine Tochter an den Meistbietenden zu verhökern. Zielke bestach stimmlich mit festsitzender, intensiv-berührender Bassstimme. Jonathan Stoughton stellt mit heller Tenorstimme und feinfühliger Gestaltung einen Erik, gefangen in seiner eigenen Hilflosigkeit, dar.

An diesem Mittwochnachmittag befanden sich zahlreiche Schulklassen im Publikum, welche den Dirigenten Hendrik Vestmann und seine Musiker*innen schon vor Beginn der Aufführung mit lautstarken Ovationen begrüßten. Dadurch sichtlich motiviert und auch begünstigt durch die eindringliche Akustik des Nationaltheater, stellte Vestmanns die Effekte Richard Wagners in den Vordergrund seiner Interpretation. Bereits in der Ouvertüre jagte der Dirigent wie besessen auf der Flucht vor dem Fluch des Holländers durch die Partitur: Vitale Tempiwechsel und gekonnt gesetzte Generalpausen drückten das Publikum vor Anspannung in die Stühle! Seine lautstarke und kraftvolle Interpretation wurde lediglich durch mitunter unsauberem Spiel einzelner Blech- und Holzbläser getrübt. Dennoch entfaltete Vestmanns effektvolles Dirigat seine volle Wirkung. Die zu großem Teils opernunerfahrenen Schüler*innen hörten die 150 pausenlosen Minuten hochkonzentriert (verharrt in Schockstarre) zu!  Fazit: Der neue Mannheimer „Holländer“, eine kurzweilige Freude für Auge und Ohr!

Roger Vontobels Inszenierung präsentiert eine solide Theaterarbeit – mit klassischen Theaterkniffen, bewährter Ästhetik und meist klarer Personenführung. Dennoch bleibt seine Deutung an der Oberfläche, greift meist zu sehr auf Altbewährtes zurück. Dennoch ist dieser „Holländer“ dank der szenisch eindrucksvollen Präsentation, und nicht zuletzt auch dank des musikalischen Anspruchs, überaus sehenswert.

 

  • Rezension von Alexandra Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Nationaltheater Mannheim / Stückeseite
  • Titelfoto: NTM/Der fliegende Holländer/Michael Kupfer-Radecky (Der Holländer) und Daniela Köhler (Senta) Copyright: Christian Kleiner

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