Oper Frankfurt: Schrekers „Der ferne Klang“ – … wie wenn der Wind mit Geisterhand über Harfen streicht

Oper Frankfurt / DER FERNE KLANG / Foto @ Barbara Aumüller

Der ferne Klang“ von Franz Schreker (1878-1934) wurde am 18. August 1912 am Frankfurter Opernhaus uraufgeführt und war mit 25 Vorhängen ein rauschender Erfolg. An die Oper Frankfurt kommt „Der ferne Klang“ nun mit einer Neuinszenierung zurück. (Premiere am 31. März 2019, besuchte Vorstellung am 26. April 2019.)

 

Franz Schreker schrieb das Libretto selbst von 1902 bis 1908, an der Vertonung nahm er noch bis 1911 Veränderungen vor, besonders am 3. Akt. Die Wiener Oper, an der die UA vorgesehen war, zog zurück und so kam es 1912 zur UA in Frankfurt am Main.

Das wunderbare am Theater ist: Der Vorhang geht auf, der Vorhang geht zu, und dazwischen bekommt man, was man bekommt“ – Zitat Regisseur Damiano Michieletto. Michieletto stellt den beiden jugendlichen Hauptprotagonisten Grete und Fritz je ein Senioren-Alter-Ego zu Seite und verlängert so den Zeitraum der Handlung von 15 Jahren auf eine ganze Lebensspanne. Das ist betörend, genau wie das Spiel der beiden Darsteller Steffie Sehling und Martin Georgi. Die Beiden agieren inmitten zarter transparenter weißer Stoffbahnen im sich dadurch verändernden Bühnenraum. Dieser ist mit Hilfe dieser Stoffbahnen und kleinen Stufen in einen vorderen, mittleren und hinteren Bereich aufgeteilt. Die einzige Möblierung sind zwei grüne Cocktailsessel und ein kleiner Tisch im Vordergrund. Das sieht so schick aus, bürgerlich irgendwie.

Wenn der Vorhang sich hebt zum 1. Akt und Grete und Fritz zu sehen sind im Alter von etwa 18 und 68 Jahren dann weiß man, dass man dem Schicksal nicht entfliehen kann.

Fritz, der junge Komponist, wunderbar gesungen vom amerikanischen Tenor Ian Koziara, muss dem Leben in der Kleinstadt entfliehen. Er ist besessen davon, diesen einen besonderen Klang zu finden und zu bewahren, den Klang wie von Harfen, von dem er denkt, dass er dafür in die Ferne muss. Später, nach der Oper, im Gespräch mit der Sängerin der Grete, Jennifer Holloway, wird diese sagen, dass dieses Fokussiert sein auf Entferntes, Zukünftiges, Neues uns wohl den Blick verstellt auf das, was wir doch schon haben, direkt neben uns.

Grete und Fritz sind verliebt ineinander, heimlich verlobt. Er wird sie zurücklassen in den bedrückenden Verhältnissen ihres Elternhauses, fühlt sich nicht reif für die Liebe, will ein großer Künstler werden. Ich komme zurück, verspricht er.

Oper Frankfurt / DER FERNE KLANG / Foto @ Barbara Aumüller

Jetzt könnte der Anschein geweckt worden sein, Fritz sei die Hauptperson im „fernen Klang“. Es ist aber Grete. Grete, die verlorengeht in einer Männerwelt. Jennifer Holloway sagt, dass sie die Grete zunächst nicht habe singen wollen, zu weit entfernt schien ihr das Rollenbild, diese Welt, in der immer die Männer das Sagen haben, in der die Männer immer gewinnen.

Aus dem Wirtshaus gegenüber hört man den Lärm der feiernden Kegelbrüder. Gretes Vater, der alte Graumann, versäuft mit ihnen das wenige Geld. Den Vorschlag Gretes, als Dienstmädchen zu arbeiten, um etwas Geld zu verdienen, lehnt die Mutter (Barbara Zechmeister) entsetzt ab, sie sieht dadurch die Familienehre bedroht.

Graumann platzt zusammen mit seinen Saufkumpanen herein, Dr. Vingelius ist dabei und der Wirt. An ihn hat Graumann seine Tochter verspielt. Was für eine brutale übergriffige Szene, als der Wirt Grete für sich beansprucht. Toll gespielt von Anthony Robin Schneider, der ab der kommenden Spielzeit zum Ensemble der Oper Frankfurt gehören wird.

Immer wieder agieren die beiden alten Grete und Fritz in ihren stummen Rollen, die Bühne wird mit den von ihnen bewegten Stoffen aufgeteilt. Aktuelles passiert im vorderen Teil, die Geschichte wird weitererzählt in den beiden anderen Bereichen.

Grete flieht, will Fritz einholen, er ist unerreichbar. An einem Waldsee beschließt sie, sich zu ertränken. Der Mond geht auf und verzaubert sie so, dass sie ohnmächtig wird. Wir dürfen nicht vergessen, dass sie höchstens 18 Jahre alt ist. Das Licht und Videos lassen das Mondlicht sichtbar werden in wunderbaren tanzenden Wellenbewegungen. Oder sind es die Wellen des fernen Klangs?

Grete geht ihrem Schicksal entgegen, als sie einer Frau (Nadine Secunde), die unvermittelt am See auftaucht, folgt, einer Kupplerin, wir wissen es.

Zehn Jahre später hebt sich der Vorhang zum 2. Akt. Wir sind in der „La casa di maschera“ auf einer Insel vor Venedig. Ein Halbweltetablissement, dessen Star die Edelprostituierte Greta ist. Ein Buchstabe wird ausgetauscht, schicke schwarze Dessous, ein rotes Paillettenkleid, rote Pumps, das reicht. Inmitten einer überschäumenden Partyszene, die sehr italienisch wirkt mit russisch anmutender Operntanzmusik wird sie umworben von den männlichen Stammgästen.

Den Sängerinnen und Sängern des Chors, wie immer großartig einstudiert von Tilman Michael , wird hier einiges abverlangt, aber schließlich sind sie Dar-steller, keine Da-steher. Über der Bühne hängen jetzt kopfüber eine Vielzahl von grünen Cocktailsesseln, eine verdrehte Bürgerlichkeit.

Greta ist von Allen zu haben mit einer Ausnahme, der Graf (Gordon Bintner) erinnert sie zu sehr an ihre große alte Liebe Fritz. In melancholischer Stimmung erzählt sie von ihrer vergeblichen Suche nach der wahren Liebe. Sie fordert die sie immer stärker bedrängenden Männer auf, eine Geschichte zu erzählen und verspricht als Preis für die Anrührendste eine Liebesnacht. Auch der Graf singt ein Lied, Greta aber entscheidet sich nicht. Er drängt sie, mit ihm zu fliehen, sie zögert.

Ein Schiff legt an, Fritz hat eine Ahnung vom fernen Klang nach Venedig gezogen. Er weiß immer noch nicht, dass er diesen nur in und mit Grete finden kann. In tiefe Depressionen verfallen erzählt er von der Suche nach seiner Jugendliebe, die er nun hier zu finden glaubt. Ein tieftrauriges Bild, als Greta versucht, eine Harfe zu spielen, deren Seiten sich vom Instrument lösen. Im Hintergrund alte Menschen, offensichtlich ein Altersheim. Ja, das Schicksal ist unerbittlich.

Weiß er es doch, ist da eine Ahnung um den Klang? Selbst wenn es so wäre, es nutzt nichts. Gretas Preis, die Liebesnacht geht an Fritz und er begreift, dass er hier nicht mehr die bürgerliche Grete vor sich hat sondern Greta, die sich hunderten Männern hingegeben hat. Er beschimpft sie als Dirne und verlässt die Insel. Greta folgt dem Grafen.

Oper Frankfurt / DER FERNE KLANG / Foto @ Barbara Aumüller

Der 3. Akt spielt 5 Jahre später in einer Großstadt..Wir sehen auf der Bühne ein Theater im Theater, die Zuschauer dort sitzen mit dem Rücken zu uns. Fritz hat eine Oper vollendet, „Die Harfe“, sie wird gerade aufgeführt und scheint ein voller Erfolg zu sein.

Grete, Greta, Tini, wie sie sich jetzt nennt, die längst vom Grafen verlassen worden ist, verdient ihr Geld als Straßendirne. Einen Buchstaben zu ändern hat nicht mehr gereicht, es musste der ganze Namen sein. Sie war im Theater, von der Musik ist sie so berührt, dass sie einen Schwächeanfall hat. Alt ist sie geworden, ärmlich sieht sie aus, wie sie so aus dem Theater geführt wird. Das ganze Elend sehen wir, als ein heruntergekommener Freier der letzten Nacht sie anpöbelt.

Dr. Vigelius, gesungen von Dietrich Volle, erkennt sie. Er war es, der Gretes Vater, den alten Graumann (Magnús Baldvinsson) zum Spiel mit der Tochter angestiftet hat. Kann man so etwas je wieder gutmachen? Er nimmt sie zumindest in Schutz.

Inzwischen endete der 3. Akt der „Harfe“ mit einem Skandal, durchgefallen nennt man das. Wir wissen nichts über den Inhalt der Oper. Wir können vermuten, dass es sich um die gleiche Geschichte handelt wie im „fernen Klang“. Hat nicht auch Franz Schreker viele Änderungen an seinem 3. Akt vorgenommen? Das sollte dann eine Ermutigung sein für Fritz, bei Franz hat es sich gelohnt.

Der Theaterintendant bietet Fritz die Chance, den letzten Akt seiner Oper neu zu komponieren. Aber der fühlt sich zu krank und schwach dafür. Er lauscht dem Gesang der Vögel vor seinem Fenster und glaubt, den so ersehnten fernen Klang darin zu erahnen.

Fritz fragt seinen Freund Rudolf (Sebastian Geyer) nach Grete, er glaubt, sie im Theater gesehen zu haben. Es war nur eine Dirne, sagt Rudolf. Aber er verspricht, Grete zu Fritz zu bringen. Der beginnt langsam zu begreifen, was er Grete angetan hat, er versteht so langsam, warum er in seiner Musik nur von Not und Sehnsucht erzählen konnte, nicht aber von Glück.

Wie bezaubernd ist es, wenn die junge Grete auf den alten Fritz trifft und der junge Fritz auf die alte Grete. Wie sie einander umkreisen, umgarnen. Grete und Franz treffen sich, das Alter können wir nicht so wirklich ausmachen, eigentlich müssten es ja Menschen sein im Alter von etwa 33 Jahren, aber sie sind alt, verbraucht. Grete schließt Fritz in die Arme, er glaubt nun, den fernen Klang nicht nur erahnt zu haben sondern mit Grete auch endgültig zu besitzen. Als ob man einen Menschen besitzen kann, einen Klang wohl auch nicht. Er weiß, dass er nun die Kraft hat, das Ende seiner Oper neu zu komponieren.

Grete dagegen bleibt ganz im hier und jetzt, sie will nur ihren Frieden finden. Er stirbt in ihren Armen, während der Himmel über ihnen voller Geigen, Celli, Pauken, Harfen, Flöten, Hörnern hängt.

Wie viele Streichinstrumente sind es? Hingehen und schätzen, es gibt Eintrittskarten zu gewinnen.

 

In weiteren Rollen:

Ein Schmierenschauspieler – Jurii Samoilov

Mizi – Julia Dawson

Milli/Die Kellnerin – Bianca Andrew

Mary – Julia Moormann

Eine Spanierin – Kelsey Lauritano

Der Baron – Iain MacNeil

Der Chevalier/1. Chorist – Theo Lebow

Ein zweifelhaftes Individuum – Hans-Jürgen Lazar

Ein Polizeimann/Ein Diener – Anatolii Suprun

Chor und Statisterie der Oper Frankfurt

Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Musikalische Leitung – Sebastian Weigle

Regie – Damiano Michieletto

Bühnenbild – Paolo Fantin

Kostüme – Klaus Bruns

Video – Roland Horvath, Carmen Zimmermann

Licht – Alessandro Carletti

Dramaturgie – Norbert Abels

 

Weitere Vorstellungen am 4. und 11. Mai 2019 (Link zur Oper Frankfurt)

 

  • Rezension der besuchten Vorstellung von Angelika Matthäus/ RED. DAS OPERNMAGAZIN
  • Titelfoto: Oper Frankfurt / DER FERNE KLANG / Foto @ Barbara Aumüller

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