„Komm aus dem Staunen nicht heraus“ – Der Rosenkavalier an der Oper Leipzig

Oper Leipzig / Der Rosenkavalier/ Foto © Ida Zenna

Der Rosenkavalier bildete den Auftakt zu den Richard-Strauss-Tagen 2019 der Oper Leipzig. Gefolgt von Salome und Elektra wurden diese wichtigsten Werke des Münchner Komponisten an drei aufeinanderfolgenden Tagen aufgeführt. Eingebettet zwischen zwei Ring-Zyklen zeigte Ulf Schirmer, gleichermaßen Intendant und Generalmusikdirektor, dass er die Oper Leipzig zu einem Eldorado der großen spätromantischen Musikdramen entwickelt hat. (Rezension der besuchten Vorstellung vom 26.04.2019

 

Jedes Ding hat seine Zeit“, wird die Marschallin ihrem Octavian liebevoll entgegnen. Auch für die liebgewonnene Inszenierung heißt es für das ausverkaufte Leipziger Opernhaus nach zwanzig Sternstunden reichen Jahren im Repertoire Abschied zu nehmen. Dabei ist die ruhmreiche Inszenierung von Alfred Kirchner so viel mehr als nur eine „Wienerische Maskerad‚“, denn wo manch zeitgenössische Produktion schon zu ihrer Premiere abgedroschen erscheint, lohnt auch zur letzten Aufführung dieses Leipziger Rosenkavaliers ein Blick ins Detail. Diese hervorragend einstudierte Wiederaufnahme mit bestechend präzisen Charakterstudien, hoher Spielfreude des Ensembles und subtilem Humor, der die Grenze zwischen humoristischem Feingefühl und billigem Slapstick nicht überschreitet, wirkte frisch, spritzig und in ihrer Personenführung geradezu vorbildlich. Lediglich das Blackfacing des jungen Mohren Mohammed schien leicht befremdlich, die weltoffene Oper Leipzig hätte diese stumme Figur zur Pantomime durchaus zeitgemäßer darstellen können.

Während die ersten beiden Aufzüge mit den opulenten Bühnenbildern Marcel Kellers das Wiener Leben zu Zeiten Maria Theresias ganz klassisch widerspiegeln, gewinnt die Inszenierung gerade im dritten Akt an Tiefe. Nun da all die Intrigen zwischen Octavian und dem Baron Ochs auf Lerchenau aufgeflogen sind, bilden die Marschallin, Octavian und Sophie auf der Bühne ein Dreieck, symbolisch umzingeln sie den zu ihren Füßen liegenden Baron. Für einen Augenblick herrschen drei starke Frauen über das Etablissement einer sonst Männerregierten Domäne des 18. Jahrhundert. Schlussendlich schleicht sich der gebrochene Baron davon und mit den Worten Sophies „Das Ganze war halt eine Farce“ bricht die Requisite und das Bühnenbild vollends auf. Selbstironisch bezieht der Regisseur eben „diese Farce“ auch auf seinen inszenierten Rokoko-Kostümschinken. Die letzten Minuten der Komödie spielen auf leerer Bühne vor einem dunkelblauen Vorhang, lediglich die stehengelassenen Stühle des Bühnenorchesters zieren die Szene.

Insbesondere im musikalischen Finale, dem Terzett, ist die Personenführung taktgenau zu dem Wort/Ton-Verhältnis der Komposition ausgeführt. Im Hintergrund wandert die Marschallin und gibt eingehakt in den Arm des Herrn von Faninal ihren Octavian für eine jüngere Liebe frei. Sophie wird gerührt bei den Worten „Halt mich“ rückwärts in die Arme ihres Geliebten fallen.

Oper Leipzig / Der Rosenkavalier /Foto © Ida Zenna

Keine Oper des deutschen Repertoires verlangt ein feingefühligeres Gespür für die Sprache und ein subtileres Verständnis für die zweideutigen Anspielungen des Librettos Hugo von Hoffmannsthals, wie eben Richard Strauss „Der Rosenkavalier“. Das Ensemble der Oper Leipzig, allen voran die drei Damen Olena Tokar, Kathrin Göring und Wallis Giunta wurden dieser Anforderung vollkommen gerecht. Harmonischer und klangschöner gibt es solch ein Trio selten zu hören. Die drei Sängerinnen debütierten gleichzeitig im Januar 2019 zur Wiederaufnahmepremiere dieser Inszenierung in ihren Rollen. Kathrin Göring verband als Marschallin den Wohlklang ihrer Stimme mit fein differenzierter Textgestaltung und sorgsamer Silbenbetonung. Im Dialog mit dem Baron Ochs auf Lerchenau, mit Karl-Heinz Lehner als echter Österreicher nicht besser zu besetzen, beeindruckte sie mit charmanter Koketterie. Im Gespräch mit Octavian wiederum wusste sie die gesamte einfühlsame Lebenserfahrung ihrer Partie zu vermitteln. Die Zuschauer hingen ihr an den Lippen bei den letzten geflüsterten Worten „Ich weiß auch nix. Gar nix“, bevor sie mit Octavian und Sophie in das Abschiedsterzett einstimmte.

Wallis Giunta stellte gegenüber der Marschallin einen hingebungsvollen Octavian dar, sie verfügte über eine ausgeprägte Mittellage und ebenfalls vortreffliches Textverständnis. Die leicht scharfen Höhen ließen ihren Octavian zu einer leidenschaftlich-liebenden Charakterdarstellung werden.

Olena Tokar steigert sich von Jahr zu Jahr im Anspruch ihrer Rollen an der Oper Leipzig. Ihre Sophie klang überaus lautmalerisch und liebevoll. Ohne die Konsonanten zu verschlucken schmiegten sich ihre ausgeprägten Höhen vortrefflich an die beiden tiefer intonierten Stimmen der Marschallin und des Octavian. „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein?“ dieses Trio sind keine Weltstars zu Gast einer Galavorstellung, sondern allesamt Teil des Ensembles der Oper Leipzig.

Oper Leipzig /Der Rosenkavalier/ Wiederaufnahme 06.01.2019 // Octavian (Wallis Giunta), Feldmarschallin (Kathrin Göring)/ Foto ©Ida Zenna

Ulf Schirmer am Pult des Gewandhausorchesters leitete einen straffen und äußerst präzisen Rosenkavalier. Die zahlreichen verworrenen Einsätze der Solisten, die unzähligen Läufer in den Bläsern, alles gelang seinen Musikern tadellos und erklang akribisch genau einstudiert. Hätte Schirmer die ruhigen Momente der Oper sowie den Schwung der Walzer noch ein wenig mehr ausgekostet, wäre seine Interpretation noch etwas leidenschaftlicher und wienerischer erklungen.

In Reihe 11 wusch sich ein älterer Herr die Tränen aus dem Gesicht, zum Applaus fing Kathrin Göring liebevoll „in Gottes Namen“ nach alter Operntradition einen Strauß Blumen aus dem Publikum. Die Vorstellung stellte gleichermaßen einen würdigen Abschied einer traditionsreichen Produktion, als auch einen gelungenen Auftakt zu den Richard-Strauss-Tagen dar. Ganz so wienerisch-einfühlsam wie im Rosenkavalier wird es in den brutalen Einaktern „Salome“ und „Elektra“ an den darauffolgenden Tagen der Festspiele jedoch nicht mehr zugehen.

Wie man am besten Zugang zu den komplexen Werken von Richard Strauss erhält, und weshalb er als einer der Lieblingsdirigenten der Nachfahren des Komponisten gilt, verrät Ulf Schirmer, Intendant und GMD der Oper Leipzig, in den nächsten Tagen im Interview hier auf DAS OPERNMAGAZIN.

 

  • Rezension von Phillip Schober / Red. DAS OPERNMAGAZIN
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  • Titelfoto: Oper Leipzig /Der Rosenkavalier/ Wiederaufnahme 06.01.2019 // Octavian (Wallis Giunta), Feldmarschallin (Kathrin Göring)/ Foto ©Ida Zenna

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