„O Wunder! Heilig hehrstes Wunder“ Alain Altinoglus erster Parsifal an der Oper Brüssel

Alain Altinoglu / Foto @ Dirk Leemans

Alain Altinoglu versetzte die Wagnerianer vor sieben Jahren in Staunen. Bei den Bayreuther Festspielen übernahm der französische Dirigent die musikalische Leitung der letzten Aufführungsserie des legendären „Neuenfels-Lohengrin“. Seine orchestralen Konturen und Schattierungen in Verbindung mit seinem natürlichen musikalischen Gespür für die Dramatik der Musik ließen das Bayreuth-Debüt direkt zur Sensation werden. Er schien sich mit der Akustik des verdeckelten Orchestergraben sichtlich wohl zu fühlen. Bedauerlicherweise ist Altinoglu trotz des großen Erfolges dann nicht mehr auf den grünen Hügel zurückgekehrt. Denn nach seinem einzigen Bayreuther Festspielsommer trat er seinen Posten als neuer Musikdirektor am Brüsseler Opernhaus La Monnaie an, zusätzlich ist er seit letztem Jahr auch noch Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters. An der Oper Brüssel dirigierte er schließlich zum ersten Mal auch die Oper „Tristan und Isolde“– und triumphierte erneut. Altinoglu verfügt über ein unglaublich breit gefächertes Repertoire, ihm scheint jede Epoche zu liegen, er ist mitnichten auf die Musik Richard Wagners spezialisiert. Und erst jetzt, nach Ausklingen der Corona-Pandemie, hat er sich im Alter von 46 Jahren für seinen ersten „Parsifal“, das philosophisch komplexeste Werk Richard Wagners, bereit gefühlt. Diesem Bühnenweihfestspiel nahm er sich nun am Pult des L’Orchestre Symphonique de la Monnaie in drei konzertanten Aufführungen im Palais des Beaux-Arts, dem Konzertsaal „der schönen Künste“ in Brüssel an. Eine außerordentliche Solistenriege in Idealbesetzung stand ihm hierfür zu Seite. (Rezension der Vorstellung v. 21.05.2022)

 

Altinoglu knüpfte nicht nur nahtlos an die musikalischen Qualitäten seines zurückliegenden Bayreuther Dirigats an, vielmehr übertraf er diese sogar. Denn für die Partitur des „Parsifal“ braucht es im Gegensatz zum „Lohengrin“ noch einmal ein ganz anderes Feingefühl. Insbesondere im ersten Aufzug, der ja durch die Retrospektive geprägt ist, bewies Alain Altinoglu sein Gespür für die Stimmungen der langen Narration des Gurnemanz. Wie der Dirigent auch ohne verdeckelten Orchestergraben seinen Parsifal-Klang gestaltete, war ganz große Kunst. Indem er die tiefen Linien der Holzbläser, dominierend aus Bassklarinette und Kontrafagott, besonders erregte, entstanden schwermütig-depressive Stimmungen. Während des Siechens von Amfortas dämpfte Altinoglu nicht bloß den Streicherklang, er färbte diesen überdies in matt-kraftlosen und blassen Schattierungen. Als Gurnemanz daraufhin brüsk vom Wonnegarten des Zauberers Klingsor berichtet, ließ Altinoglu sein Orchester im nu farbenprächtig (im wahrsten Sinne des Wortes) aufblühen. Hier zeigten sich auch eindeutig die Vorteile, wenn ein Dirigent von solcher Qualität eine Oper in konzertanter Fassung präsentiert. Denn versteckt im Graben und abgelenkt von Kostüme und Szene würde die Güte solch einer Orchesterbehandlung vom Publikum mitunter verkannt werden.

Oper Brüssel/PARSIFAL/Foto @ Simon van Rompay

Obendrein sei die überwältigende Einstudierung und Darbietung des Opern- und Kinderchors der La Monnaie durch Johannes Knecht hervorzuheben. Szenisch auf der Bühne agierend verkommt der Klang von Chor-Szenen leider immer wieder zu einer undifferenzierten Mischung. So kam der großen Chor-Oper „Parsifal“ die durch eine längere Nachhallzeit geprägte Akustik eines Konzertsaal mit zugleich statischer Anordnung der Stimmgruppen sehr entgegen. Diese waren auf den verschiedenen Ebenen des Konzertsaals platziert, einzelne Passagen erklangen auch seitlich aus dem Publikumsfoyer. So entstand ein raumausfüllender Gesamtklang, der den Vorschriften der Partitur Richard Wagners (Stimmen „aus höchster Höhe“ etc.) optimal gerecht werden konnte. Der Brüsseler Opernchor intonierte hierbei sauber und klang fein abgestuft, zugleich auch intensiv und kraftvoll.

Franz-Josef Selig zeigte als erfahrener Konzert- und Oratoriensänger in der Partie des Gurnemanz was es bedeutet, die langen Monologe wahrhaft zu erzählen, nicht bloß zu singen. Der Bass nahm das Publikum mit auf eine Reise in die Zeit vor Beginn der eigentlichen Handlung. Selig ist ein Sänger von Maß, der sich selbst demutsvoll gänzlich hinter die Partitur stellt. Er gestikulierte minimal, sang keinen Ton als Selbstzweck und formte jede Silbe lediglich so kraftvoll, wie es eben für das Verständnis der Erzählung erforderlich war. Dabei blieb seine Gesangslinie stets durch eine unglaubliche Natürlichkeit geprägt. Lediglich ganz sporadisch, wenn ihm selbst die Gefühle überkamen, spürte man seine persönliche Erregung durch das leichte Zittern in seiner Stimme.

Oper Brüssel/PARSIFAL/Foto @ Simon van Rompay

Mit Julian Hubbard sang ein Tenor mit ungewöhnlich heller, fast schon lyrisch geprägter Stimme die Titelrolle des Parsifals. Er wusste die Naivität des „reinen Toren“ gekonnt in seine Stimmfarbe zu legen und fand sich auch szenisch in der Rolle wieder. In den entscheidenden großen emotionalen Ausbrüchen wie „Amfortas, die Wunde“ sammelte er all seine stimmlich Kräfte und stieg zu neuer, voller und rollendeckender Größe auf. Der Amfortas des Bariton Werner Van Mechelen strotzte nur vor Kraft und Intensität. Es ist eine Rolle die perfekt für seine eindringlich-herbe, zugleich sicher geführte Stimme geschrieben scheint. Und doch wirkte Van Mechelens Interpretation etwas zu vital, denn streng genommen sollte ein Amfortas doch auch etwas leiden, siechen und mehr den seelischen Schmerz ausdrücken.

Schlussendlich war die gesamte Aufführung jedoch durch die überragende stimmliche Leistung Elena Pankratovas in der Partie der Kundry geprägt. Ihre Darbietung changierte stets zwischen erotisch und exotisch, selbst das Stöhnen und die Schreie des dritten Akts trafen ins Mark. Pankratovas voluminöse Stimme wirkte derart mesmerisierend, dass sich ihrer Verlockung einzig Parsifal entziehen konnte, sie jedoch mit einem Blick und ihren ersten Spitzentönen zugleich das gesamte Publikum in ihren Bann zog und fesselte.

Herr Altinoglu, wir bitten Sie inständig: Kommen Sie zurück nach Bayreuth!

 

 

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