München: „ROBERTO DEVEREUX“ mit Edita Gruberova

Bayerische Staatsoper/Roberto Deveraux/ mit frdl. Genehmigung @ Bayerische Staatsoper

Ein passender Abschied: Elisabeth I. , Königin von England, war 70 Jahre alt, als sie ihre Regentschaft beendigte. Edita Gruberova, Königin des Belcanto, ist knapp darüber – und wählte die Rolle der Elisabetta in Donizettis meisterhaftem Kammerspiel ROBERTO DEVEREUX für ihren szenischen Abschied von der Opernbühne. Konzerte will sie weiterhin geben, wie die Bayerische Staatsoper mitteilt. ( Rezension der besuchten Vorstellung v. 20.03.2019 )

 

Die Rolle der jungfräulichen Königin, die jedoch einen ziemlich großen Verschleiß an Liebhabern und Günstlingen gehabt haben solle, ist der Gruberova wie auf den Leib (und in die Stimme) geschrieben. Und so bietet diese Aufführungsserie von vier Vorstellungen an der Bayerischen Staatsoper nochmals die Gelegenheit, Edita Gruberova in einer ihrer Paraderollen zu erleben. Da stimmt von der Durchdringung des Charakters her einfach alles, die Mimik, das Aufbäumen in Wut, Rachegefühlen, verschmähter Liebe, das Rationale und das Irrationale des Handelns und auch die schwerfälligen Bewegungen. Da ist Edita Gruberova ganz große Tragödin, im besten Sinne. Und stimmlich gab es sehr vieles, was an diesem Abend eindrucksvoll gelang, das Ansetzen des Tons im Pianissimo in höchster Lage, das An- und Abschwellen, da ist sie dann da, die messa di voce. Natürlich war nicht immer alles purer Schöngesang, gerade in der Kavatine im ersten Akt (A te svelai … L’amor suo mi fe’ beata) wurde dann schon mal die Schmerzgrenze des Hörers touchiert, brausten Klänge durch Mark und Bein oder brach eine Pianopassage bröselnd ab. Doch das wurde wettgemacht durch eine packende Gestaltung der Rezitative und der Dialoge durch schraubenartige Steigerungswellen, die einfach mitreißend waren– und spätestens ab dem Finale II mit dem herausgeschrienen Va, la morte sul capo ti pende steigerte sich die Gruberova in einen interpretatorischen Rausch, dem man nicht mehr entrinnen konnte. Gekrönt wurde diese Leistung natürlich dann mit der finalen Wahnsinnsszene Vivi ingrato … quel sangue versato, abgeschlossen mit einem Gändehaut erregenden acuto. Mit Edita Gruberova und Mariella Devia sind nun zwei grandiose Interpretinnen dieser Rolle von der Bühne abgetreten – man darf gespannt sein, wer diese Lücken füllen wird.

Hervorragend besetzt waren an diesem Abend die anderen drei Hauptpartien in diesem fatalen Viereck. Der Titelheld, Roberto Deveureux, Earl of Essex, wurde vom blendend aussehenden Charles Castronovo mit markanter, biegsamer und schön timbrierter Tenorstimme gesungen. Er spielte gekonnt mit seinem Charme, wickelte die ihn umgebenden Damen (und auch die Herren!) um den Finger und nützte sie für seine Zwecke aus. Balsamischer Gesang mit berechnender Absicht, Klasse! Er bewahrte Haltung, selbst als er blutüberströmt und bis auf die Unterhosen erniedrigt seiner Hinrichtung entgegenblicken musste. Silvia Tro Santafé erhielt zu Recht großen Applaus für ihre Gestaltung der Sara, Herzogin von Nottingham: Gefangen in einer langweiligen Ehe, verliebt in den unsteten Roberto, vermochte sie ihre Emotionen mit ausdrucksstarkem Mezzosopran, großem Atem und berückender Phrasierung zu transportieren. Ganz stark! Eine wunderbare Leistung war auch von ihrem Bühnen-Ehemann Vito Priante als Herzog von Nottingham zu erleben: Eine mit kontrollierter Kraft intelligent geführte, charaktervolle Baritonstimme, rasend in Fulminanz und Ausdruck, aber auch berührend in seiner Erkenntnis der Untreue der Gemahlin.

Bayerische Staatsoper/Roberto Deveraux/ mit frdl. Genehmigung @ Bayerische Staatsoper

Stimmlich leider etwas undifferenziert und leicht verquollen war der intrigante Lord Cecil von Francesco Petrozzi, der dies jedoch mit schmierig-brutaler Darstellung wettmachen konnte. Kristof Klorck sang einen soliden Sir Gualtiero Raleigh. Boris Prýgl hat als Page Robertos zwar nicht besonders viel zu singen, doch seine Rolle wurde von Regisseur Christof Loy enorm aufgewertet, er machte aus ihm einen in seinen Meister Roberto Deveureux hoffnungslos verknallten Schwulen. Prýgl spielte das hervorragend, sah sexy aus in der (offenen) Adidas-Jacke und den Sneakers von Puma … . Überhaupt hat es Loy verstanden, der Story um das Quartett der Protagonisten durch die Nebenhandlung an diesem heutigen „Hof“ zusätzliches Profil zu verleihen und für das Setting in diesem heruntergekommenen Zentrum der Macht Interesse zu wecken. Herbert Murauer hat in seinem Einheitsbühnenbild, das sich nur durch eine transparente Acrylglaswand unterteilen ließ, eine Art Lounge eingerichtet, schmucklos, nüchtern, mit ein paar Ledersesseln ausstaffiert. Die Tapeten sind schon leicht modrig geworden, die grauen Businessanzüge und die strengen Deux-pièces der Damen hingegen sind von eiskaltem Chic. Loy nun lässt auch den jungen Nachfolger Elisabettas auftreten, von Anfang an spielt James I. (Sohn von Elisabettas einstiger Gegenspielerin und Konkurrentin um den englischen Thron, Maria Stuart) mit. Staunend und immer strärker fasziniert betrachtet er die Intrigen am Hof, bis er am Ende dann aktiv eingreift, Sara befreit und es so zur letzten Konfrontation der Rivalinnen um Robertos Liebe kommen lässt, welche schließlich zu Elisabettas Wahnsinn und ihrer Abdankung  zu Gunsten von James I. führen. Auch bei James I. entdeckt Loy eine schwule Seite (wie auch bei Lord Cecil, der dem jungen König von Anfang an schmeichelt und ihm das Gesicht streichelt). Wenn James den blutüberströmten Devereux anhimmelt, oder den Tod von dessen Pagen betrauert, ist das dann schon sehr klug und einfühlsam inszeniert – und von Philipp Moschitz ganz vortrefflich gespielt.

Spannend und einfühlsam dirigierte auch Friedrich Haider, holte die Holzbläserstimmen des Bayerischen Staatsorchesters wunderbar hervor und machte das beste aus Donizettis doch eher einfach gestrickten Behandlung des Orchesters.

Natürlich gab es dann Jubel und Blumen (ein riesiger Rosenstrauß wurde aus einer oberen Proszeniumsloge „abgeseilt“) für Edita Gruberova – ein szenischer Abschied für mich (für die Münchner folgen ja noch zwei Vorstellungen) von einer großen Künstlerin, die ich seit Mitte der Achtzigerjahre öfters in Zürich und in Berlin erleben durfte. BRAVA und DANKE, Edita!

 

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